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Moment aus der Weſensſchau auszuſchalten.
Und ebenjo zweifelhaft iſt, ob nicht das, was
nad) Huſſerl rein phänomenologiſch ſein ſoll,
nicht doch auc) Pſychologiſches iſt, wie z. B. die
Wejensſchau jene38 vben erwähnten roten und
runden, ſich bewegenden Etwas, das wir als
Wahrnehmung Sonnenuntergang nennen. Mir
iheint, daß: das in der J. Gehabte, wofern e3
nicht wie das Erleben etwas rein Pſychologiſches
ſein ſoll, ein Wiſſen bedeutet, das noch der Klar-
heit exmangelt, jo daß alſo der J. auf jeden Fall
die logiſche Klärung zu folgen hat, womit ja auc
die Forderung Huſſerl38 übereinſtimmt, das in
der Weſensſchau Gegebene in feiner Weſens-
gejeßlichkeit zu analyſieren und zu beſchreiben.
4. Pädagogiſche Bedeutung. Der Begriff der
3. iſt von weſentlicher Bedeutung ſür die
jog. „Erlebni3- Pädagogik". Sie betont,
daß das volle vielgeſtaltige und mannigfaltige
Leben niemals durch das Nes der Begriſſe
eingeſangen, ſondern nur in der J. „erlebt“
werden könne. Die Schule dürfe alſo nicht eine
„Lern=" oder „Wiſſensſchule“, auch nicht bloß
eine „Arbeitsſhule" ſein, ſondern ſie müſſe, wenn
der pädagogiſche Intellektuali8mus überwunden
werden jolle, eine „LebenS3ſchule“ werden,
und das wird ſie eben nur, wenn ſie die J. in
ihren Dienſt ſtellt. Nur derjenige Lehrer, der
im jich durch J. das volle Leben erlebt, vermag
auch die Züglinge zu intuitiv erlebenden Ver-
jönlichfeiten, denen ſich die ganze Welt erſchließt,
heranzubilden. Die J. allein ermöglicht es ihm,
die Jndividualität der Kinder, die dem ratio-
nalen Denken ewig verſchloſſen bleibt, zu er-
jaſjen, was natürlich umumgänglich notwendig
iſt zur Ergreifung der rechten Unterricht8- und
Erziehung8maßnahmen. Und auch dieſe jelbſt
können und werden nicht immer auf Grund lo-
gijcher Überlegung gefunden, ſondern die päd-
agogiſche Braxis zwingt vielfach zu impulſiver,
intuitiver Anwendung. Jſt J. im Sinne der
Phänomenologie Weſen3erſchauung, ſo ergibt ſich
für die Erziehung, daß zur rechten Erfaſſung der
ethiſchen, äſthetiſchen und religiöſen Werte, die ja
niemals auf dem Wege diskurſiven Denkens ge-
ſchehen kann, die Anleitung zur Weſensſchau un-
entbehrlich ijt. Eine wiſſenſchaftliche Pädagogik
kann dann auch ſelbſt nur durch Anwendung der
phänomenologiſchen Methode begründet werden.
Allerdings fällt mit der Ablehnung des JIntuitions-
begriffes in der Philoſophie al3 Wiſſenſchaft auch
jeine Bedeutung für die Pädagogik als Wiſſen-
Ichaft, und auch in der pädagogiſchen Praxis, wo
ſie „intuitiv“ verfährt, iſt nachträgliche logiſche
Prüfung zur Rechtfertigung der angewandten
Erziehungsmittel unerläßlich.
Literatur. W. Dilthey: Weltanſchauung, Philo-
jophie und Religion (1911). -- H. Bergſon: Einführung
in die Metaphyſik (1920). -- Derſelbe: Schöpferiſche
Entwicklung (1912).--Müller-Freienfels8: Irrationa-
liemus (1922). -- E. Huſſerl: Jdeen zu einer reinen

Jnuntuition -- Jrreſein

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Phänomenologie, 1. Buch) (1928). -- M. Scheler:
Vom Umſturz der Werte 1, S. 141 ff. (1912). = Dex-
jelbe: Der Formalismus in der Ethik und die materiale
Wertethik (19272). -- Th. Elſenhans: Phänomenologie,
Pſychologie, Ertenntnistheorie. Kantſtudien, Bd. XX,
S. 224-275 (1915). -- B. F. Linke: Das Necht der
Phänomenvlogie. Kantſtudien, Bd. XX1, S. 163-2921
(1916). -- H. Voltkelt: Die Quellen der menſchlichen
Gewißheit (1906). = E. Münch: Erlebnis und Geltung
(1913), -- EG. Troeltſc Probleme (1922). -- W. Moog: Die deutſche Philo-
ſophie des 20. Jahrhunderts (1922), -- Überweg.-
Öſterreich: Die deutſche Philoſophie de8 19. Jahrh.
und der Gegenwart (1923). IJ. EC. Heyde: Erkenntnis
und Exlebni8, RationaliSmu8 und Jnutuitioni3mus,
Sonderabdruck aus „Philoſophie und Leben“ (1926). --
Th. Kerrl: Das Schlagwort in der Pädagogik der
Gegenwart, Bd. VI der „Grundwiſſenſchaft“. Feſt-
ſchrift zu H. Nehmke38 80. Geburtstage, S. 209--247
(1928). Kerrl,
Jrynie |]. Hohn uſw.
Irrational j. Rationalizmus und Jrrationa«
fiSmu3.
Frrejein (maniſch-depreſſives). 1. Be-
griſf8beſtimmung. 2. Die pſychiſchen
GCinzelſtörungen. 3. Die Periodizität.
1. Begriffsbeſtimmung. Es wäre richtiger, dic
Abweichungen vom normalen pſychiſchen Ver-
halten, die unter dem maniſch-depreſſiven Jrre-
ſein hier beſprochen werden ſollen, allgemeine
als maniſch-dedreſſive Erfrankungsſormer
zu bezeichnen, ein Ausdruc, deſſen ſich gelegent-
lich Kraepelin bedient.
Wir müſſen hier Erſcheinungen beſprechen
die, ohne ſcharfe Grenze, von einſachen Stin:
mungsjſchwankungen über ausgeprägte Affekt.
erregungen oder tiefſte Verſtimmungen z1
„Zuſtänden tieſſter Verworrenheit unt
Ratloſigkeit, auSgeprägten Wahnbildun:
gen“ übergehen. 3 iſt zunächſt von dc)
eigentlich in die „Normbreite“ fallenden Stim
mungsjchwanfkfungen auszugehen, die am beſte!
das Verſtändnis ſür die krankhaften Zuſtänd«
eröſſnen. Sodann kommen die nicht als Pfy
dhjojen, Dd. h. als eigentliche Geiſteskrankheiten
als Jrreſein zu bezeichnenden zFälle. Bc
dieſen tritt gewöhnlich zunächſt entweder di:
erregte (maniſche) oder die verſtimmte (depreſſive
melancholiſche) Form der Störung ausgeſproche
ner hervor. Oder aber wir jehen „Charaktere
vhne Geiſtesfranfheit vor uns, die in un
gleichen, regelmäßigen, mehr oder wenige
ausgeſprochenen veriodiſchen Schwankunge1
zeitweiſe eine gehobene, zeitweiſe eine gedrückt;
Stimmung zeigen - - wir ſprechen dann vv1
Zyklothymie. (Dieje Fälle |. unter Art
„Pſychopathie“). Oder aber es handelt ſich un
die Fälle ausgeſprochenen periodiſchen, zirku
lären Jrreſeins. Kraepelin ſagt von dieſe
Störungen: „Wir rechnen hierher gewiſſe leicht
und leichteſte, teils periodiſche, teil3 dauenn
krankhafte Stimmungsſärbungen, die einerſeit:
als Vorſtuſe ſchwererer Störungen anzuſehe!

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