1089 Jahn --
Kultusminiſteriums wie auch aus Äußerungen
von J.8 Freunden hervor, daß er infolge ſeiner
unpädagogijcen Einſtellung bald nach 1817
an Ginfluß verloren hat. Sein Turnfreund, der
Breslauer Univerſitätsprofeſſor Paſſow, führt
in jeinem „Turnziel" (1818, S. 233) nicht
weniger als 15 preußiſche Gymnaſialdireftoren
und Profejjoren (darunter Bernhardi in Berlin)
an, die zwar im allgemeinen zu J. hielten, aber
im Gegenſaß zu ihm nicht das außerhalb der
Schule ſtattfindende, ſreie Turnen wünſchten,
ſondern ſorderten, „daß das innere Band, das
Turnplaß und Schule verbindet, endlich einmal
verwirklicht werde". (Paſſow, Turnziel.) Dieſe
turnpädagogijche Richtung ſtand auch dem Preu-
ßiſchen Kultusminiſter, bejonders dem Staats3rat
Süvern, der die Angelegenheiten der höheren
Schulen und auch das Turnweſen bearbeitete,
näher als J. Sicher iſt, daß die entſcheidenden
Maßnahmen des Miniſters v. Altenſtein, durch
die im Frühjahr 1819 das Turnen an den höheren
Schulen obligatoriſch gemacht werden ſollte,
ohne J. getroffen wurden. Bekanntlich ſollte
J. eine Proſejjur für deutſche Sprache außerhalb
Berlins angeboten werden; doch iſt daraus nichts
geworden, wie in der Folge übrigens aus allen
Plänen J.8, ſich eine Stelle al8 Lehrer im
Staatsdienſt zu ſchaffen. Im Zuſammenhang
einer Geſchichte des Schulturnens bedeutet J.3
Berliner Wirkſamkeit nur eine Epiſode.
Literatur. Dieſterweg: Fr. L. Jahn (1854). --
Pröhle: Fr. L. Jahn's Leben nach Mitteilungen aus
ſeinem literariſchen Nachlaß (18722). -- Angerſtein:
Fr. L. Jahn, ein Lebensbild für das deutſche Volk
(1861). -- Goldammer: Fr. L. Jahn (Vortrag 1865).
-- Fr. Gbz: Turnvater Jahn (1902). -- R. Rothen-
burg: Fr. L. Jahn, ſein Leben und ein Auszug aus
ſeinem Leben (18782), -- Waßmannsdorff: Über
Fr. 2. Jahn, Vortrag Heidelberg (1878). -- Euler:
Fr. L. Jahn, ſein Leben und Wirken (1881). =- Fr.
Guntram=-Sdc)ultheiß: Fr. L. Jahn, ſein Leben und
ſeine Bedeutung (1894). = Fr. E>ardt: Fr. L. Jahn,
Würdigung ſeines Lebens und Wirkens (1924). -- Fr.
Swillus: Turnvater Jahn, ein Lebenzbhild für jeden
Deutſchen (1926). -- Deutſche Dichter-Gedächtnis8-
Stiftung: Fr. L. Jahn (1928). -- Fr. E>ardt: Zeit-
tafel zu Fr. L. Jahn3 Leben umd zur Bedeutung des
Turnens (1927). = Petſchmann: Fr. L. Jahn zu
ſeinem 75. Todestag (1927). =- Aßmy: Fr. L. Jahn,
Geſchichtsbild aus den Tagen 1809-1819 (1887), =-
Culer: Jahn in der Frankfurter Nativnalverſammlung
1848-49 (13898). -- Hildebrandt-Strehlen: Der
alte Jahn in Freyburg a. d. Unſtrut (1889). =- Euler;
Fr. L. Jahns Stellung zur deutſchen Frau (1885). --
Weſterfeld: Jahn als Saulu8 und Paulus (1897). --
Swillus: Die Beſtrebungen Fr. L. Jahns, das Turnen
zur deutſchen Volksſache zu machen (1902). -- Wen:
Fr. L. Jahn und unſere Zeit (1913). -- Neuendorff:
Turnvater Jahn. Sein Leben und Werk (1928), =-
Piechowski: Friedr. Ludw. Jahn. Vom Turnvater
zum Volkserzieher (1928). -- Schwarze-Limwpert:
Quellenbücher der Leibe3übungen; Bd, 3: Da3 deutſche
Volkstum (1928); Bd. 4: Die deutſche Turnkunſt (1928).
Hirn.
Jähzorn. 1. Weſen. Man verſteht unter Jäh-
zorn einen plößlich aufwallenden, unluſtbetonten
Affekt, der eine feindſelige Haltung gegen die Um-
Vädaaogaiſche3s Lexikon. I].

Juhzorn
1090
gebung einnimmt und zu heftigen körperlichen
Entladungen drängt. Jähzorn tritt ſchon in
ſrüheſter Kindheit auf und iſt um ſo häufiger, je
unerzogener und unreifer der Menſch iſt. Das jäh-
zornige Kind hat gewöhnlich gehobenes Selbſtbe-
ivußtjein, ſtarkes Begehren und neigt zu raſchem,
wbhaſtem Handeln. Tritt ihm bei jeinem impul-
jiven Begehren ein Hindernis in den Weg: Ver-
bot der Erwachſenen, Verweigerung der Teil-
nahme ſeitens der Geſpielen, mechaniſche Hem-
mungen durch die Dinge und dgl., ſo bricht die
Crregung aus: das Geſicht rötet ſich, die Stirn-
adern ſchwellen an, der Puls jagt, die ganze Ge-
jtalt reckt und ſtraſſt ſich, die Fäuſte ſind geballt,
bald wechſelt die lebhafte Röte mit plößlicher
Bläſſe, der ganze Körper vibriert, der Mund
Ichäumt, die Augen blitzen, oft knirſchen die Zäh-
ne. Rücwirkend verſtärkt der körperliche Zuſtand
die ſeeliſche Erregung, und dieſe wieder drängt
zu unbeherrjſchtem Handeln und unüberlegten
Worten: Auſſtampfen mit den Füßen, Zerſtören
der Spielſachen, Zertrümmern von Fenſter-
ſcheiben und zerbrechlichen Geräten, körperliche
Angriffe gegen die Umgebung, Ausſtoßen von
Schimpfnamen, unverſtändlichen Worten oder
unartikulierten Lauten. Oft ſteigert ſich der
Crregezuſtand zu Wutausbrüchen, zu Schreien
und tobendem Lärm. Nicht immer nimmt der
Jähzorn dieſe ſchlimmſten äußeren Formen an;
auch treten nicht immer alle die aufgezählten
Kennzeichen auf. Aber auch wenn nur einige der
erwähnten äußeren Veränderungen auftreten,
kann man beſtimmt mit Jähzorn rechnen.
2. Urſache. Jähzorn kann entſtehen auf der
Grundlage einer angeborenen pſychopathiſchen
Veranlagung oder nervöſer Reizbarkeit. Er kann
auch die Folge allzu nachſichtiger und ſchwacher
Crziehung ſein. Oſt wird der Jähzorn auch ſimu-
liert, jobald der kleine Taugenichts merkt, daß die
Umgebung ſeine Wutausbrüche fürchtet und ihm
vann den Willen tut. -- Wutausbrüche mit krank-
haftem Charakter findet man häufig bei ere-
thiſchem Schwachſinn und bei Epilepſie. Auch
anjcheinend geſunde Kinder mit periodiſch auſ-
tretenden Erregezuſtänden haben oft epilep-
toiden Charakter und bekommen nicht ſelten im
ſpäteren Alter auch epileptiſche Anſälle.
3. Behandlung. Jähzorn, auch wenn ernicht in
einer krankhaften Steigerung auſtritt, iſt ein ſehr
häßlicher Kinderfehler, ſtark aſozial wirkend, und
bedarf daher ernſter Erziehungsmaßnahmen. Un-
ter den Erziehungsmitteln zu feiner Bekämpfung
iſt am bedenklichſten die körperliche Züchtigung.
(3 mag Fälle geben, in denen der kleine Unhold
durch eine Ohrfeige zur rechten Zeit zur Be-
jinnung gebracht wird und ſich beruhigt; das
triſſt dann zu, wenn der Jähzorn auf falſcher
Crziehung beruht oder unecht iſt, und auch dann
nur, wenn der Erzieher eine ſtarke Perſönlichkeit
iſt, der ſich das ind unwillkürlich beugt. Jn
35

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.