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Erziehungsarbeit, die um dieſen lezten Sinn der
Jugend nichts weiß, die die Jugend nur für kon-
frete irdijſche Auſgaben vorbereiten, fie „alt
machen“ will (Wyneken), wird ihrer Aufgabe
nicht gere bewegung an die Erziehung iſt das äußerſte
Gegenteil von dem ſrivolen Wort: Wer die
Jugend hat, hat die Zukunft. Viel nichr ver
Bli> anf abſolüte Forderungen (auf den Willen
Gottes) als der Bli> auf die geforderten ſach-
lichen Leiſtungen iſt der Jugend wirklich gemäß.
Wenn nicht in dieſem Alter der Glaube an einen
lezten Sinn des Menſchenlebens und der Wille,
ihn zu erfüllen, in dem jungen Menſchen geweckt
worden jind, dann kommt es im allgemeinen
wohl zu beruflicher „Tüchtigkeit", aber ſchwerlich
zu menſchlicher Reife. Auf der andern Seite
wird an den konkreten beruflichen, wirtſchaft-
lichen, kulturellen Aufgaben erſahren, was es
heißt, daß der Menſch in dieſe Welt gejendet iſt.
Daneben jtehen beſtimmte Erziehungs8ſormen,
die aus ver IB erwachſen ſind und heute in der
ganzen Breite des Erziehungsweſens8 zur Gel-
tung kommen können: das Wandern, die ge-
meinjame „Fahrt“, iſt nicht nur aus geſundheit-
lichen Gründen wertvoll, ſondern al8 Verbindung
mit dem Boden der Heimat und dem darauf ex-
wachſenden Volkstum und als Quelle von Heil-
fräſten gegen die unvermeidliche Mechaniſierung
des Leben3. JB fordert und zeigt die Möglich-
keit, daß Schulwanderungen alkoholfrei durch-
geführt werden. -- Tagungen und Freizeiten der
Jugend in den von ihr geſchaffenen Landheimen
und Jugendburgen verwirklichen einen neuen,
unentbehrlichenTypuSs einer auf volle, wenn aud)
nur vorübergehende Lebens8gemeinſchaft ge-
gründeten geiſtigen Arbeit. Von hier aus emp-
ſängt die Forderung nach einer ſtärkeren Lebens8-
gemeinſchaft zwiſchen Lehrern und Schülern
einer Schule (vgl. Schulgemeinde und Ent-
ſchiedene Schylreſorm) ihre ſtärkſten Antriebe.
Schon heute empfängt eine Anzahl von Bildungs8-
ſtätten aus der IB nicht nur ihre beſten Jdeen,
ſondern auch ihre wertvollſten perſönlichen
Kräſte. =- Der Führergedanke, der in der IB
von Anſang an die grüßte Rolle geſpielt hat, be-
deutet eine einſchneidende Kritik an jeder nur
auſ Amt oder höhere3 Alter gegründeten „Auto-
ritat“ und in jeiner Konſequenz die Forderung,
bei der Auswahl und Ausbildung berufs8mäßiger
Erzieher (Lehrer, Pfarrer) weniger nach examen-
mäßigem Wiſſen, .als nach menſchlicher Sein8-
fülle und Vollmacht zu fragen.
b) für das ſoziale Leben. IB war Ge-
meinjchaftöserlebnis. Über das romantiſche „Er-
lebnis"“ hinaus führt die Erkenntnis, daß die
geordnete Gliederung der Jugend eine in primi-
tivem und geſundem Volkstum immer voxr-
handene, uns mit der Auflöſung organiſcher
Volksſormen verlorengegangene Notwendigkeit
Jugendbewegung

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völkiſcher Ordnung überhaupt iſt. Die Jdee der
„Fungenjc deutet, daß die beſondere Lage der Jugend und
der jungen Männer und Frauen innerhalb des
VNolk8ganzen in eigenen Erziehungs8- und Arbeit8-
gemeinſchaſten, die ihre eigenen Lebens8formen
und Verpflichtungen in ſich ſchließen, ihren Au3-
dru> finden muß; dieſe Bünde haben ihr eigenes
Recht neben Familie und Scule und neben den
Zwekverbänden der Erwachſenen und bewahren
ebenjo die Familie wie die Schule vor der Über-
belaſtung durch Aufgaben, die von ihnen wenig-
ſtens heute nicht geleiſtet werden können. --
Das Bemühen um ein reines und natürliches
Verhältnis der Geſchlechter bedeutet einen
Kampf gegen die Überbetonung der Erotik,
gegen die Gefährdung geſunder geſchlechtlicher
Beziehung durch eine mit ſexuellen Spannungen
und Anreizen überladenen Atmoſphäre für wirk-
licheSinnerſüllung des geſchlechtlichen Schieſale8
außer der Che und in der Ehe. -- In den Jugend-
bünden erleben junge Menſchen perſönlich und
bildhaft die Gliederung de8 Volkes in Stämme
(Feſte, zu denen die Jugend aus ganz Deutſch-
land zujammenſtrömt !) und Stände (Berührung
und Austauſch der verſchiedenen ſozialen Schich-
ten innerhalb der Bünde und bei Wanderungen
und Feſten). Auf dieſem Hintergrund lernt die
Jugend über die Grenzen politiſcher und religiöſer
Überzeugung hinweg einander zu ſehen und zu
achten und nicht inindifſerenter Toleranz, ſondern
in dem Ernſt der Frage nach der Wahrheit mit
einander zu reden. Au dieſer neuen Haltung
entſpringt Willigkeit und Fähigkeit des jungen
Gejchlechts, auch über die nationalen Grenzen
hinaus mit der Jugend anderer Völker wertvolle
Berbindungenzu pflegen, ohne doch die beſondere
Art und Bedeutung des eigenen Volkfstums8 zu
verwiſchen oder zu verleugnen.
6) für die geſamte Kultur. Jn dieſer
Hinſicht ſteht die IB zunächſt im Zuſammen-
hang mit einer umfaſſenden Lebenserneuerungs-
bewegung. Die Bemühungen um eine von der
Mode unabhängige geſunde und ſinnvolle Klei-
dung, um vernünftigere Ernährung, um ge-
jündere und echiere Formen der Geſelligkeit ſind
wejentlich von den Menſchen der IB getragen.
Daneben hat die IB beſtimmte eigentümliche
Formen geſchaffen, die heute ſchon über den
Kreis der Jugend hinaus als Elemente einer
neuen Kultur gelten müſſen: die Singbewegung
(Walther Henjel, Fritz Jöde), die das Singen
wieder als Ausdrucksform gemeinſamen Lebens
und als Dienſt an objektiven geiſtigen Geſtalten
begreift und pflegt; das Laienſpiel, bei dem im
Unterſchied vom heutigen Theater eine die Zu-
ſchauer miteinbeziehende „Spielgemeinde“ ein
gemeinſames Erleben geſtaltet (getragen vor
allem von dem Bühnenvolk3bund); vor allem iſt
hier das Feſt der Jugend zu nennen, in dem das

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