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neue Leben der Jugend ſeinen ſtärkſten Ausdruck
ſindet, und in dem überhaupt erſt wieder entdeckt
iſt, was eigentlich Feſt iſt: gemeinſames und
ſeiernde38 Bekenntnis zu dem Sinn de3 Lebens,
der den ganzen Bereich des Lebens entſcheidend
beſtimmen und weihen joll.
d) für das religivſe Leben, inSbeſondere
die evangeliſche Kirche. IB war von Anſang
an eine religivdſe Bewegung in dem Sinn, daß
hier im Kampf gegen Proſaniſierung und Dä-
monmiſierung des Lebens (Tillich) um eine neue
Ginheit und Weihe des Lebens, um eine in lekter
Bindung verankerte Gejamtgeſtalt aller Leben3-
beziehungen gerungen wurde. Das alles vollzog
ſich freilich ohne jede bewußte Beziehung zum
Chriſtentum und gänzlich außerhalb der organi-
ſierten Kirche, viel eher in einem bewußt heid-
niſchen Leben8geſühl. Das Eigentümliche dieſer
Lage iſt damit gekennzeichnet, daß hier in der
Sache neu erfahren wurde, was Geſetz, Sünde,
Schuld, Gnade, Gemeinde iſt, zunächſt ohne daß
Begriſſe und Worte dafür geſucht und geſunden
wurden. Daraus iſt einerſeil8 zu erklären, daß
vie IB in ihrem Suchen nach einem neuen
religiöſen Halt ſich nach allen möglichen religiöſen
Formen und Gedankenwelten (vor allem Myſtik,
Anthropoſophie, beſonder38 auch Neligionen des
Oſtens) ausſtrete, daß andererſeit8 ſowohl in
der katholiſchen Kirche wie in den verſchiedenen
Gruppen des ProteſtantiSmus Menſchen der
JB mit innerſtem Ernſt um die Belebung und
Crfüllung überlieſerter Gedanken und Formen
rangen. Auf katholijcher Seite iſt vor allem der
Zuſammenhang zwiſchen IB und liturgiſcher
Bewegung (Nomano Guardini), auf evange-
liſcher Seite zunächſt die Bedeutung der Chriſt-
lichen Vereine junger Männer, BW38 und ähn-
licher Kreiſe ſür die Verinnerlichung und Ver-
lebendigung bibliſcher perſönlicher Frömmigkleit
zu erwähnen. Darüber hinaus iſt die IB ganz
weſentlich der Träger eines Erneuerungswillens
aus dem Grunderlebnis der Reſormation: die
Erſahrung von der lezten abgründigen Not des
Menſchen in der Welt und von der Alleinwirkſam-
keit der ſchaſſenden und erlöſenden Kraſt Gottes
ſtößt vor zu der Entde>ung des „zungen Luther“;
die Erfahrung echter Gemeinſchaft in einer lezten
gemeinjamen Bindung ſindet ihre Vollendung
in der Hinwendung zu der Gemeinde und der
neuen Wertung der Kirche; der RadikaliSmus
de3 Kampfes gegen die im Argen liegende Welt
für eine neue, von Gottes Geiſt beſtimmte Ord-
nung der Welt iſt nur zu bewahren in einer neuen
Faſſung der e8chatologiſchen Hoffnung.
Literatur. Blüher, Hans: Wandervogel [1., Il.
(1919). -- Meſſer: Die freideutſche Jugendbewegung
(19248), -- Schlemmer! Der Geiſt der deutſchen
Jugendbewegung (1923). -- Theo Herrle: Die deut-
jche Jugendbewegung (1921, 1924*?). -- Elſe Fro=-
benius: Mit uns zieht die neue Zeit (1927). -- Stäh-
lin, Otto: Die deutſche Jugendbewegung, 3. Aufl.
Jugendbewegung -- Jugendgerichle

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(in Vorbereitung). =- Stählin, Wilhelm: Der neue
Lebensſtil (1919, 1925*). = Derſelbe: Fieber und
Heil in der Jugendbewegung (1921, 1925*), -- Der-
jelbe: Schikjal und Sinn der deutſchen Jugend (1926,
19272). -- Lüttens, Charlotte: Die dentſche Jugend
bewegung (1925). =- Cordier, Leopold: Evangeliſche
Jugendkunde (1. 1925, IT. 1926). -- Über die neue
Lage unterrichtet: Die Lebenswelt der Jugend in der
Gegenwart, Vorträge bei der Tagung des Reichs8ausſch,
d. Dd. Jgdverb., Berlin 1928; enthält u. a. Flitner:
Die junge Generation im Volke; Nölting: Freiheit
und Bindung als Aufgabe der gegenwärtigen Jugend-
erziehung. Stählin (Münſter),
Jugendentwirklung ſ. Eniwielung im Jugend-
alter.
Jugendgerichte. 1. Sprachgebrauch. 2. Ge-
jhichtliches. 3. Die wichtigſten gejeßlichen
Beſtimmungen. 4. Der Erziehung3-
gedanke im Jugendgericht8geſeß.
1. Sprachgebrauch. Jn Jugendſtraſjachen iſt
das Jugendgericht das Gericht erſter Inſtanz.
Cs iſt ein Schöffengericht und wird bei den
Amtsgerichten gebildet. Es gibt drei Abſtufungen
von Jugendgerichten: 1. Das einfache Jugend-
gericht, beſtehend aus dem Jugendrichter als
dem Vorſikenden und zwei Jugendſchöffen.
Vor dem einfachen Jugendgericht werden alle
leichteren Straſſachen verhandelt, die nach dem
Gerichtöverſahrens8geſeß vor den Einzelrichter
gehören. 2. Tas erweiterte Jugendgericht mit
dem Jugendrichter als Vorſißendem, einem wei-
teren Beruſsrichter als Beiſißer und zwei
Jugendſchöſfen. Das erweiterte Jugendgericht
wird auf Antrag ver Staatsanwaltſchaſt bei
ſ große Jugendgericht, beſezt mit zwei Jugend-
richtern und drei Jugendſchöſſen. E3 iſt zuſtändig
bei allen Fällen, die dem Schwurgericht zu-
ſtehen.
Aud) das Jugendgericht hat eine Beſchwerde-
inſtanz. E35 iſt die Jugendſtraffammer beim
Landgericht, die mit drei Richtern und zwei
Schöffen beſeßt iſt.
2. Geſchichtliches zum Jugendgericht und
Jugendgerichtsgeſeß. Die ſeit 1882 erſcheinende
Reichskriminalſtatiſtik bewies, daß die im Straf-
geſezbuch für die Behandlung von ſtrafſälligen
Jugendlichen vorgeſehenen 88 55--57 nicht aus-
reichten. Die Zahl der jährlich verurteilten
Jugendlichen vergrößerte ſich ſtändig. Die Ur-
jache diejer ſteigenden Jugendkriminalität var
einmal zu ſuchen in der durch die anſchwellende
wirtſchaftliche und ſittliche Not bedingten Ver-
wahrloſung der Jugendlichen (Milieu) und be-
ſonders auch in den unzureichenden geſeßlichen
Maßnahmen an ſtraffällig gewordenen Jugend-
lichen. Auffallend war vor allem das häufige
Zurücſallen einmal beſtraſter Jugendlicher in
ihre alten Verfehlungen.
Die nach dem allgemeinen Strafrecht fin
ſtraſſälligeJugendliche geltenden Beſtimmungen
waren, kurz zujammengeſaßt, dieſe: Straſtaten

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