1145
Jugendlicher wurden an dem gleichen Gericht
und nach dem gleichen Verſahren wie Straf-
taten Erwachjener behandelt. Als einzige Er-
ziehungö8maßnahme kannte man die Über-
weiſung in die Zucht der Erziehungsberechtigten
oder die Unterbringung im Bejſerungsanſtalten.
Das Jahr 1876 brachte durch eine Hinzufügung
zu 8 96 die Mitwirkung des Voyrmunnjchaft3-
gerichts bei dem gerichilichen Verfahren; die
Strafen ſür 12-18 jährige Geſetzesübertreter
waren milder als für Erwachſene. Todes8- und
Zuchthausſtraſen waren für Jugendliche aus-
geſchlojſen. Bei kleineren Übertretungen konnte
auf Strafe verzichtet und auf Verweis erkannt
werden. Freiheitsſtrafen durften nur in ſolchen
Näumen verbüßt werden, die von den Räumen
für erwachſene Geſangene getrennt lagen.
Eine gründliche Reform und Erweiterung
dieſer Beſtimmungen wurde zuerſt gefordert
auf einer Tagung der Internationalen krimina-
liſtiſchen Vereinigung, Gruppe Deutſches Reich,
in Halle im März 1891. Das Ergebnis dieſer
Tagung war die Bildung eines Ausſchuſſe8, zu
dem Staat3anwalt Dr. Appelius, Straſanſtalt3-
direktor Dr. Krohne und Prof. Dr. v. Liſzt ge-
hörten. Der Arbeitsertrag dieſes Ausſchuſſes
war der 1892 bei Guttentag erſchienene Bericht:
„Die Behandlung jugendlicher Verbrecher und
verwahrloſter Kinder und der Entwurf eines
Reichs8gejeßes, betreffend die Behandlung und
Beſtraſung jugendlicher Verbrecher und ver-
wahrloſter jugendlicher Perſonen,“ der zur
Grundlage weiterer Beratungen wurde. Wert-
voll unterſtüßt wurden dieſe Beſtrebungen durd)
die Erfahrungen, die man in Amerika mit dem
Jugendgerichtsweijen gemacht hatte.
Während in den 1893--1899 geſchaffenen
englijgen Geſehen jhon Beſtimmungen ge-
troffen waren, nach denen ſtraffällig gewordene
Jugendliche anſtelle der GefängniäSunterbringung
einer Erziehungsanſtalt, die zugleich Arbeits-
und Fortbildungöſtätte (industriel 8chool) war,
überwiejen werden konnten, beſtand in Nord-
amerika ſogar die Möglichkeit, jugendlichen
Gejetzesübertretern bis zur endgültigen Fällung
de3 Urteils eine Probezeit zu gewähren. Die
Führung in dieſer Probezeit, in der dem Jugend-
lichen ein Berater und Führer (probation
officer) zur Seite geſtellt wurde, war ausſchlag-
gebend fir die Urteilöſprechung. Die Jugend-
verſehlungen wurden vor einem Jugendgericht
(juvenil court) verhandelt, und zwar nicht in der
Form eines gejeßlichen Verfahrens, jondern in
ziner allen amtlichen Charakter entbehrenden
Unterredung zwiſchen Erzieher und Zögling.
&iner der erſten, vielgenannten und noch heute
ehr geſchäßten Jugendrichter iſt Jugendrichter
Lindſey. Eine erſte amtliche Negelung dieſer
Beſtrebungen wurde 1899 im Staate JUlinoi3
orgenommen.

Jugendgerichte

1146
Dieſe gründlich durchdachten und an Ort und
Stelle gejammelten Erfahrungen führten, ver-
bunden mit den raſtlos vorwärtsdrängenden
Nefſormbeſtrebungen der oben genannten Per-
jönlichkeiten, in Deutſchland zunächſt auf dem
Wege der Geſchäftsregelung -- ohne Änderung
der geſeßlichen Grundlagen -- zur Bildung von
Zuyendgerichten. Das erſte Jugendgericht ent-
ſtand 1908 im Frankfurt a. Main. 1912 zählte
man in Deutſchland bereits 556 Jugendge-
richte.
Unermüdliche Forſchungen und vertiefte
Kenntnijſe auf pſychologiſchem und beſonders
jugendpjychologiſchem Gebiet forderten gebie-
teriſch die Schaffung eines geſonderten Jugend-
gerichtsSgeſezes. Günſtig ſür ſeine Entwicklung
war das Zuſammenfallen dieſer Beſtrebungen
mit den allgemeinen Reformbeſtrebungen zur
Schaffung eines neuen deutſchen Straſgeſekes.
Bejonders geſtüßt wurde die Arbeit durch die
bei allen Jugendgerichten entſtehenden Jugend-
gerichtshilfen. Wie alle Jugendfürſorge, ſo
war auch die Jugendgerichtshilfe zunächſt ein
Werk der freien ViebeStätigkeit, aljo Arbeit
einzelner ſreier Verbände. Allmählich wurde
jie jedoch in das Aufgabengebiet gemeindlicher
Wohlſahrt3einrichtungen hineingezogen. Innere
und äußere Nöte, Einrichtung8- und Verwal-
tungsfragen zwangen die einzelnen Jugend-
gerichtöhilfen, allgemeine Ausſprachen bei der
Veranſtaltung von Tagungen herbeizuführen.
„Der erſte deutſche Jugendgericht3tag“ wurde
1909 von der deutſchen Zentrale für Jugend-
ſürſorge in Charlottenburg zujammengerufen.
Auf dem 4. Jugendgerichtötag wurde ein der
deutſchen Zentrale für Jugendfürſorge ange-
ſchloſſener Ausſchuß für Jugendgerichte und
Jugendgerichtöhilfen unter dem Vorſiß von
Prof. v. Liſzt gegründet. Der uSſchuß ſette
ſich aus Juriſten, Erziehern und Ärzten zu-
jammen; ſeiner Arbeit war einerſeits der organi-
jatoriſche Au8bau der Jugendgericht3hilfen und
andererjeit38 die Schaffung eines geſonderten
Jugendgericht8geſezentwurfes zu verdanken.
Im Januar 1920 wurde dem Reichsrat der
Geſeßentwurf vorgelegt, der auf dem 5. deutſchen
Jugendgerichtstag (der nach Auflöſung ver
deutjchen Zentrale für Jugendfürſorge unter
anderem die Verſelbſtändigung der Jugend-
gerichtöhilfen al8 „Vereinigung für Jugend-
gerichte und Jugendgerichtöhilfen"“ brachte) als
„eine geeignete Grundlage eines neuen Rechts"
angeſprochen wurde. 1922 wurde der Entwurf
dem Reidh8tag vorgelegt und am 16. Februar
1923 verabſchiedet.
3. Kurzer Überblitt über die wichtigſten Be-
ſtimmungen des Jugendgericht3geſetzes. 1. Aus
den materiellen Beſtimmungen: Jm
Gegenſaß zum biSherigen Recht wird die Straf-
mündigkeit des Jugendlichen vom 12. auf da3

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.