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14. Leben3jahr hinauſgerüät. Die Alterögrenze
nad) oben iſt das 18. Lebensjahr (8 1).
Auch das Jugendgericht8geſeß kennt -- nur
ſtärker betont als im allgemeinen Straſrecht --
die Forderung nach der Einſicht3ſähigkeit, d. h.
ein nad) den ſittlichen und geiſtigen Fähigkeiten
unbedingt zu beanjpruchendes Unterjcheidungs-
vermögen für das Ungeſetliche der begangenen
Tat (8 2).
Das Jugendgericht8geſeß iſt eine Verbindung
von Erziehung38- und Strafgeſeß, bei dem der
Erziehung3gedanke vorwiegt. (ES ſeßt -- ſoweit
irgend möglich -- anſtelle der Straſe die Ex-
ziehungsmaßnahme und kennt folgende Er-
ziehung3maßnahmen (88 6 u. 7): Verwarnung,
Verweiſung in die Zucht der Erziehungs5bere-
tigten oder der Schule, Auſerlegung bejonderer
Verpflichtungen, Unterbringung, Schußaufſicht,
Fürjorgeerziehung.
Die Anordnung der Erziehungö8maßnahmen
geſchieht durch den Jugendrichter; ſie kann aber
auch dem Vormundſchaſtsrichter übertragen
werden.
Jugendſtrafen ſind (8 9): Geldſtraſen von
1 RM aufwärts, Haſt von einem Tag bis zu
drei Wochen, Geſängnisſtraſe von einem Tag
bis zu 10 Jahren, Feſtungöhaſt von gleicher
Tauer.
Bei Erkennung auf Straſe kann auch Straſ-
ausſezung bewilligt werden, damit der ſtraſ-
fällige Jugendliche „durch gute Führung wäh-
rend einer Probezeit ſich Straſerlaß verdienen
kann" (8 10). Die Bewilligung der Straſ-
ausjeßzung legt dem Jugendlichen zugleich Ver-
pflichtungen auf. Als wirkjamſte Maßnahme
kennt das Gericht bei Strafausſezung die Be-
ſtellung einer Schußauſſicht.
11. Aus den ſormalen Beſtimmungen:
a) die Jugendgerichte. Die AusSübung des
Richteramtes geſchieht durch beſondere Jugend-
richter, die in bezug auf ihre Ausbildung be-
jondere jugendpſychologiſche Kenntnijje be-
jihen und hinſichtlich der geſamten Perjönlich-
feit für den Umgang mit der Jugend geeignet
ſein müſſen. Das gleiche gilt von den Jugend-
ſchöffen, die zumeiſt aus den Kreijen der Lehrer-
Ichaft oder anderer Erzieher gewählt werden
(88 19 u. 20).
Das Amt des Jugendrichter3 iſt verbunden
mit dem Amt des Vormundſchaſtsrichter3s. Der
die Verhandlung führende Jugendrichter iſt
befugt, im Verſahren al8 Vormundſchaſts-
richter foſort die notwendigen Erziehungs-
maßregeln auszuſprechen und ihre Durchſührung
anzuordnen (8 19, 2). Jugendſtaatsanwalts-
jachen werden unter Mitwirkung eines be-
ſonderen Jugendſtaat3anwaltes bearbeitet (8 21).
Die Tätigkeit des Jugendrichters wird unter-
ſtüßt von der Jugendgerichtsöhilfe (8 22).
Jugendgerichte

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b) Das Jugendgericht3verſahren (88 2
bis 42). Die vormundſchaſt8gerichtliche Zuſtän
digkeit iſt maßgebend für die jugendgerichtlich
Zuſtändigleit des ſtraſſälligen Jugendlichen, des
gleichen ver Aufenthalt5ort zurzeit der Anklage
erhebung.
Die Verhandlung vor dem Jugenvpgericht i'
nicht öffentlich. Der geſeßliche Vertreter dm
bei dex Hauptverhandlung anweſend ſein
Möglichſt eingehende Ermittlungen Über di
Lebensverhältniſſe de3 Jugendlichen ſind unte
Mitwirkung des Jugendamtes anzuſtellen.
Das Verſahren gegen jugendliche Angeklagt
joll nach Möglichkeit von der Verhandlun
gegen erwachſene Angeklagte getrennt werde
Unterſuchung3haft ſoll nur in den jeltenſte
Fällen angeordnet werden. Der Jugendli
iſt auch in der Unterſuchungö3haſt unbedinc
von den erwachſenen Straſſälligen zu trenne1
Cine Verteidigung iſt notwendig in alle
Strafſachen, die vor dem großen Jugendgericl
verhandelt werden. Bei nicht notwendig c1
achteter Verteidigung kann die Stelle des Ve1
teidiger3 der Beiſtand, eine jugendkundige Pei
jönlichkeit, ausfüllen.
Die Jugendämter ſollen ſich bei Ermittlunge
und Schußaufſichten mit den Verbänden in
Cinvernehmen ſetzen, die auch biöSher Jugent
fürſorge getrieben haben.
4. Der Erziehungösgedanke im Jugendgericht:
geſeß. Im Rechtöſtaat8gedanken iſt das Red
des Staates gegenüber der EGinzelperſönlichke
ſeſtgelegt. Der Staat hat das Allgemeinwol
jeiner Bürger zu ſchüßen und ſordert daher ſi
jedes am Allgemeinwohl begangene Unrecl
eine ihm entſprechende Strafe. Die Einzelpe1
ſönlichfeit fordert hingegen von ſich aus Berüc
ſichtigung ihres Ich; ſie hat, vom jozialen Gedar
ten aus betrachtet, ein Recht auf Anleitung, EC
ziehung und Hilfe. Beide Gedanken, der dc
Strafe wie der der Erziehung, haben ihre Bc
rechtigung. Der Gedanke der Strafe, ſoſern nid
Vergeltung die antreibende Kraft iſt, ſondern EC!
ziehung; der Gedanke der Erziehung, ſoſern
ſich nicht in philanthropiſche Schwärmereien ve'
liert, ſondern auch in der Straſe ein wirkjamc
Erziehungsmittel erkennt.
Das Jugendgerichtsgeſeß vereinigt in auße
ordentlich glücflicher Löſung beide Gedankei
(E3 iſt nicht, wie häufig geſagt wird, ein reinc
Erziehungsgeſeß; es kennt auch die Strafe i
nicht geringem Maße. Ein Jugendlicher kan
mit einer Gefängnisſtrafe von 10 Jahren beſtra
werden, eine Strafe, die nicht ohne weiteres vo
erziehlichem Nußen für den Jugendlichen jei
wird. Aber die Tatſache, daß ſie da iſt und ve
hängt werden kann, hat unleugbar etwas Al
ſjchreckendes. (E3 iſt nachgewieſen, daß jugendlicl
Verbrecher, Warenhausdiebe, nachdem die erſ!
Tat ihnen nur einen Verweis einbrachte, weite

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