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ſtahlen; denn im Verweis erfuhren ſie eine über-
aus milde und ungefährliche Behandlung, die ſie
nicht abſchredte, ſondern zu neuen Streichen er-
munterte. Cin Beweis, daß die im rechten Mo-
ment unterlaſſene Straſe zum Verderben für
jugendliche Seelen werden kann.
Der Leitgedanke des Jugendgericht3geſeßes
iſt aber der Erziehung3gedanke. Er ſpricht 31 1m?
aus dem materiellen Teil des Gejekes, 3. B. der
Hinauſrückung des Mündigkeitsalters auf das
14. Leben3jahr aus pſychologiſchen Erwägungen
heraus; er iſt in ver aus den gleichen Erwägun-
gen heraus geſtellten Forderung nach der vollen
Cinſichtöſähigkeit enthalten. Beſonder3 ſtark
fommt er natürlich in der Anordnung der Er-
ziehung3maßnahmen zum Ausdruck. Die bedeu-
tendſte Erziehung8maßnahme iſt die Beſtellung
der Schußauſſicht. Wird ſie einem pädagogiſch
geſchulten und mit natürlichen erziehlichen An-
lagen ausgeſtatteten Menſchen übertragen, jo
bleibt der Erfolg in den ſeltenſten Fällen aus.
Im ſormalen Teil des Geſetzes liegt das er-
ziehliche Moment in den 88 25-42 über das
Jugendverfahren. Beſonder3 hervorgehoben ſei
die Beſtimmung, daß die Verhandlungen unter
Ausſchluß der Öffentlichkeit zu führen ſind.
Der Gejetgeber hat hier feines pſychologiſches
Verſtändnis bewiejen. Jugendliche fühlen ſich
zu leicht al8 Helden des Tages. Die erziehliche
Wirkung der Verhandlung wäre zunichte, wenn
der Jugendliche al8 Gegenſtand allgemeinen
Intereſſes ſich ſelber zum Märtyrer ſtempelte.
Seine volle Bedeutung erhält das Geſet aber
erſt in feiner Auswirkung durch die Perſönlichkeit
des Jugendrichters. Amtsgerichtsrat Francke ſtellt
in einem von ihm gehaltenen Vortrag: „Der Er-
ziehungsgedanke im modernen Jugendrecht" ſür
die Eignung des Jugendrichter3 drei Theſen auf:
a) Der Jugendrichter muß etwas vom Ethos
der Fürſorge in ſich auſnehmen, d. h. er muß „ein
lebendiges Intereſſe für jeden neuen Menſchen
aufbringen... .. und das Schickfal eines jeden
Jugendlichen mit ſich herumtragen“. b) Er muß
eime ſozial-diagnoſtiſche Fähigkeit in ſich ent-
wideln, d. h. „die äußere und innere Lage eines
Menjchen als ein Ganzes erfaſſen... .. und ſich
ein Gejamtbild ſeinerſeeliſchen Struktur machen“.
ce) Er muß ſozial-pädagogijſche Fähigkeiten be-
ſiven, mit anderen Worten, er muß der geborene
Erzieher ſein und den Kontakt zwiſchen ſich und
dem Jugendlichen herſtellen können.
Beſonder3 betont ſei an diejer Stelle die nicht
zu unterſchägende Mitarbeit der Jugendgerichts-
hilfe. Ihr Wert liegt nicht zulekt in der Frei-
willigkeit der Arbeit. Die Mitglieder der Jugend-
gerichtöhilfe treibenden Vereine arbeiten in den
meiſten Fällen aus weltanſchaulichen Motiven.
(E53 iſt klar erſichtlich, daß die beiſpielösweiſe aus
religiödjer Wärme und JInnigkeit übernommene
Durchführung der Aufgabe von ſoviel innerer
Jugendgerichte

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Begeiſterung und ſo tieſem Verantwortlichfeit3-
gefühl für die Seele des Jugendlichen getragen
wird, daß ſich aus dieſen Kräften heraus feine
Fäden des Vertrauens zwiſchen dem Führer und
dem Geführten ſpinnen. Die Jugendrichter
haben den Vorteil dieſer religiös fundierten Ar-
beit erkannt und nicht ſelten von ſich aus direkt
dic Arbeit den freien Jugendgericht8hilfen über-
tragen. In Stuttgart hat man beiſpiel3weiſe die
Jugendgerichtshilfe dem Cvangelijchen Jugend-
dienſt delegiert.
„Zur Pjychologie der jugendlichen Verbrecher
jei noch einiges geſagt. In faſt allen Fällen
jugendlichen Verbrechertums ſprechen geiſtige
oder jeelijche Abnormitäten mit. Die Mitwirkung
des Pjychiater3 und Arztes bei Jugendgerichts-
verhandlungen iſt daher kaum zu entbehren. Die
Schwierigkeit der Behandlung tritt bei jugend-
lichen Pſychopathen ſtärker zutage als bei offen-
ſichtlich Schwachſinnigen und Geiſteskranken.
Der Pſychopath iſt jhwerer erkennbar; die
=- )
Crſcheinungsformen jeiner Krankheit ſind oft
jehr verſchleiert, und es iſt kaum ein Fall dem
anderen kongruent. Wir nennen ſie die Gemüt-
loſen, dieHaltlofen, die Aſſektmenſchen, die Trieb-
menjchen, die „wechjelwarmen Milieumenſchen“
(Bleuler), die Periodiker, die Wandertypen, die
unter ſtarken Minderwertigkeit8gefühlen Stehen-
den, unter Depreſſionen Leidenden, „die jugend-
lichen Verbrecher aus heiler Haut" (Spranger),
bei denen weder Anlage noch Umgebung einiger-
maßen die begangene Tat rechtfertigen uſf. So
verſchieden die einzelnen Erkrankungen ſind, ſoviel
individuelle Behandlung verlangen fie. Ein ſtark
verantwortungsbewußtes und vor allem gründ-
liches Zujammenarbeiten aller in der Jugend-
gerichtSarbeit ſtehenden Perjönlichkeiten iſt daher
bei jedem einzelnen Jugendſtraſfall unerläßlich.
Literatur. Die Verhandlungen des 1, bi38 6,
deutſchen Jugendgericht3tages, 1. bis 3. Leipzig,
Teubner, 1909, 1911 u. 1913; 4. Berlin, Zilleſſen, 1918;
5. 1. 6. Berlin, Springer, 1922 u. 1924. -- Ruſchwey:
Die Entwicklung des deutſchen Jugendgerichtsgeſetzes
(1918). -- Appeliu3: Die Behandlung jugendlicher
Verbrecher und verwahrloſter Kinder. Bericht der von
ver Internationalen kriminaliſtiſCchen VWereinigung
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lung der verwahrloſten und verbrecheriſchen Jugend und
Vorſchläge zur Reform (1892). =-- Frand>e, H.: Das
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Jugendgericht8gejeß (1923). =- Hae>el: Jugendgericts3=
hilfe (1927). -- Cloſtermann: Der Erziehungsgedanke
im modernen Jugendrecht (Vorträge des erſten rhei=
niſchen Fortbildungskurſus für Jugend- und Vormund-
ſchaftsrichter, Jugendſtaat8anwälte und Jugendſtraf-
vollzugsbeamte), Verlag des Landesjugendamtes der
Rheinprovinz, Düſſeldorf, 1927. =- Lindſey: Die Auf=
gabe des Jugendrichters (1909). = Hoffmann: Pſycho-
logie der ſtraffälligen Jugend (1919). -- Derſelbe: Die
Neifezeit (1926). = Bühler, Ch.: Das Seelenleben
des Jugendlichen (1922). -- Spranger: Die Pſycho-
logie des Jugendalters (1925). =- Stern, W.: Jugend=
liche Zeugen in Sittlichkeit8prozeſſen, ihre Behandlung
und pſychologiſche Begutachtung (1926). = ,
T. Monjr.

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