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über Pädagogik"). Wie bei K.8 Vorleſungen
überhaupt, jo hat ſich auch bei dieſen der Stand-
punkt der kritijchen Vhiloſophie nicht mehr
durchgeſetzt, ſondern ſie ſtehen in der Haupt-
jache auf dem Boden der vorfritiſchen Lehren
und daher der Pädagogik der Aufklärung viel
näher.“ Der Einfluß der engliſchen Moral-
philoſophen, Rouſſeaus und der Philanthropiſten
iſt troß mancher Abweichung im einzelnen
Deutlich. Die Schrift iſt wertvoll, alſo nicht
als Glied der kantiſchen Philoſophie, wohl
aber durch eine Fülle geiſtvoller Bemerkungen.
Die allgemeinen Grundgedanken zeigen deut-
lich die Verwandtſchaft mit der Aufklärung.
„Der Menſch iſt da3 einzige Geſchöpf, das er-
zogen werden muß", denn er hat durch die
Natur keinen Inſtinkt und muß ſeine eigene
Vernunft gebrauchen. „Der Menſch kann nur
Menſc< werden durch Erziehung. Ex iſt nichts,
als was die Erziehung aus ihm macht.“ „Zwei
Erſindungen der Menſchen kann man wohl als
die ſchwerſten anſehen: die der Regierungs-
und die der Erziehungskunſt nämlich.“ Das
Ziel der Erziehung liegt in dem ſittlichen Jdeal
oder, wie K. ſich hier ausdrüc>t, ver Jdee der
Menſchheit. „Kinder ſollen nicht dem gegen-
wärtigen, ſondern dem zukünftig möglich beſſern
Zuſtande des menſchlichen Geſchlechts, d. i.
der Jdee ver Menſchheit und deren ganzen
Beſtimmung angemeſſen erzogen werden.“ Im
Gegenſatz zu ſeinen ſpäteren Schriften iſt K.
hier von der großen Macht der Erziehung,
welche nur die im Menſchen liegenden Anlagen
zum Guten zur Entfaltung bringen ſoll, durch-
drungen. „Gute Erziehung gerade iſt das,
woraus alle3 Gute in der Welt entſpringt. Die
Keime, die im Menſchen liegen, müſſen nur
immer mehr entwickelt werden. . .. Im Menſchen
liegen nur Keime zum Guten." „Eines der
größten Probleme der Erzichung iſt, wie man
die Unterwerfung unter den geſeßlichen Zwang
mit der Fähigkeit, ſich ſeiner Freiheit zu bedienen,
vereinigen könne.“ Dazu muß man dem Kinde
in allem, wa3 ihm nicht ſchadet, möglichſte Frei-
heit laſjen; ihm zeigen, daß e38 ſeine Zwecke
nur erreicht, indem es auch andere die ihrigen
erreichen läßt, und ihm zuleßt klar machen, daß
der Zwang nur zu ſeiner eigenen Freiheit
führen ſoll.
K. unterſcheidet zunächſt folgende Stufen der
Erziehung. Die Diſziplinierung ſoll die Wildheit
bezähmen und verhüten, daß die Tierheit der
Menſchheit ſchade. Durch die Kultivierung ſoll
ver Menſc< die ihm nötigen Geſchilichfeiten
erwerben. Die Ziviliſierung gibt ihm die
äußeren Sitten, die er zum Leben in der Ge-
jellſchaft braucht. Und endlich ſoll ihm die
Moraliſierung die Geſinnung geben, der zufolge
er alle die ſo erworbenen Mittel nur zu guten
Zweden anwendet und ſich nur gute Zwecke
Kant -- Karl ver Große

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erwählt. Jn der Darſtellung ſelbſt gliedert K.
dann hiervon etwas verſchieden die Erziehung
in phyſiſche und praktiſche. Die phyſiſche Exr-
ziehung betrifft zunächſt die körperliche Wartung
und Verpflegung, dann aber auch die Kultur
in der Übung der Gemütskräſte. Die praktiſche
oder moraliſche Erziehung joll den Menſchen zu
eineni ſrei handelnden Weſen bilden. Es ge-
ſchieht da3 in den drei Stufen der Bildung zu
Geſchilichkeit, Weltklugheit, Sittlichkeit. CGin-
deutig durchgeführt iſt auch dieſe Gliederung
nicht. Den größten Wert legt K. auf die Erx-
ziehung zur Sittlichkeit. Sie muß ſich gründen
auf Maximen, nicht auf Diſziplin. Der Wille
ſoll nicht gebrochen, ſondern durch natürlichen
Widerſtand zur Lenkſamkeit gebracht werden.
Die Hauptſache iſt, emen Charakter zu gründen.
Dazu gehört Gehorſam, beſonders freiwilliger
Gehorjam, Wahrhaftigkeit, Geſelligkeit. Auf
die Erziehung zur Sittlichkeit läßt K. Bemer-
fungen über die Erziehung zur Religion folgen.
Religion iſt dabei K. eine auf die Erkenntnis
Gottes angewandte Moral; ſie darf daher
immer nur in Verbindung mit Moralität, nie-
mals allein gelehrt werden. Das bloße Ein-
prägen von Formeln iſt zu verwerfen. Zum
Schluß jpricht K. noch über die, auch von den
Philanthropiſten beſonders beachtete jexuelle
Aufflärung.
Literatur.
Ausgaben. Geſammelte Schriften,
herausgeg. von der königl. preuß. Akademie der Wiſſen-
ſchaften 1900 ff., biSher 18 Bände. -- Sämtliche Werke,
herausgeg. von Vorländer u. a,, 9 Bände (Philoſophiſche
Bibliothek). --- Über Pädagogik, neu heraus8geg. von
Th. Vogt (Manns Vibliothek pädagogiſcher Klaſſiker) ;
von O. Willmann (Nichter3 pädagogiſche Bibliothek) ;
von Natorp im 9. Bande der Afademie-Ausgabe; von
Vorländer im 8. Bande der Ausgabe der Philoſophi-
ſchen Bibliothek. =- Allgemeine Werfe. Kuno
Fiſcher: JI. K. und ſeine Lehre, 2 Bde. (Geſchichte der
neueren Philoſophie, Bd. 4 u. 5) (1909/10*), -- Fr.
Paulſen: J. K. Sein Leben und ſeine Lehre (From-
manns Klaſſiker der Philoſophie) (19202), -- Br. Bauch:
J. K. (1921?), = EG. Caſſirer: K.3 Leben und Lehre
(1921 9). - M. Wundt: K. als Metaphyſifer (1924). =
Abriſſe von Br. Bauch (Sammlung Göſchen), E. von
Aſter (Wiſſenſchaft und Bildung), Külpe (Aus Natur
und Geiſteswelt), A. Meſſer (1924). =- Bibliographie:
Überweg: Grundriß der Geſchichte der Philoſophie 111
von Friſcheiſen-Köhler und Mvvog (19241?) S, 709 ff. --
Pädagogik. H. H. Kühn: Die PBädagogitf K.3 im
Verhältnis zu ſeiner Moralphiloſophie (Diſſertation)
(1897). = O. Beauer: Die Beziehungen ztviſchen K.3
Ethik und ſeiner Pädagogik (1904). =- W. Schwarz:
Syſtematijc e Darſtellung der pädagogiſchen Anz
ſjhauungen K.38 (Diſſertation) (1915). -- A, Meſſer:
K. als Erzieher (1924). Wundt.
Karl der Große (742-814) nimmt in der Ge-
ſchichte der Erziehung des deutſchen Volkes eime
hervorragende Stellung ein. Wie er dur) Ge-
walt die auseinander ſtrebenden Völkerſchaften
ſeines Jmperiums zu äußerer Einheit zwang, jo
war er auch auf Mittel bedacht, die innere Cin-
heit zu ſichern. Jhm, dem Machtpolitiker mit
ſcharfem Bli> für das Notwendige und Mögliche,

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