1271
dung. Daraus folgt dann aber auch, daß die
Schule das Einprägen und Einüben nicht
vernachläſſigen darf, auch nicht in unſerer Zeit
mit ihrem geſteigerten pädagogiſchen Jdealis-
mus. E38 iſt ein ſchlechter Dienſt, den die Schule
der jungen Generation erweiſt, wenn ſie bei
ihrem pädagogiſchen Bemühen alle38 auf das
Crlebnis, auf Eindruck, auf Freude abſtimmt
und einſtellt; ſo darf der „Erlebnis-Unterricht“
nicht verſtanden werden. Und ebenſo bedenklich
iſt es, wenn die Schule in einem falſchen „Ar-
beit8-Unterricht"“ ſich an der äußeren Tätigkeit
und Lebendigkeit ihrer Schüler genügen läßt,
ohne zu prüfen, was denn nun --- an ſeeliſcher
Crhebung, an gedanklicher Klarheit, aber auch
an wirklichem Wiſſen und Können bei all der
Bewegtheit und Geſchäftigkeit herauskommt.
Cs gibt ſür die Jugendbildung kaum etwas
Verhängnisvolleres, als wenn neu geſehene und
geſundene Bildungsmethoden, die ihren tieſen
Sinn haben, in der Unterricht5praxis eine ſinn-
widrige Anwendung erfahren. --
Yber wenn es auch gewiß verfehlt iſt, die
„Henntniſje und Fertigkeiten“ im Lichte einer
neuen Pädagogik als Bildungselemente zweifel-
haſten Wertes anzuſehen und ihnen die ernſte
Beachtung und Nflege zu verſagen, die ihnen
ihren Plaßz in dem Bildungsbeſiß des heran-
wachſenden Geſchlechts ſichert, ſo iſt es doch nicht
weniger verſehlt und folgenſchwer, ſie für den
Inbegriff aller Bildung zu halten, wenig-
ſtens der Bildung, die die Schule den Kindern,
er Jugend zu bereiten habe. Denn dieſe An-
jchauung, die ſich zumeiſt auch mit einem falſchen
Verſtändnis der „Schule“, auc des „Lehrens“
und „Lernens5“ verbindet, birgt in ſich die Ge-
jahr, daß die religiöſen, ethiſchen, ſozialen,
künſtleriſchen Güter, die ja tatſächlich in unſeren
Schulen Gegenſtand des Unterricht8 ſind, ſich
hier im Bildungsverfahren teils in wiſſen-
ſchaftliche, teils in techniſche Güter verwandeln
und ſo ihren eigentlichen Wert und damit aud
ihren eigentlichen Bildungswert verlieren. Daß
dieje Geſahr an unſeren Schulen nicht vorüber-
gegangen iſt, ſondern hier vieles (wenn aud
nicht bei jedem Lehrer und in jeder Klaſſe)
zur Wiſjenſchaſt oder Technik wurde, was einer
ganz anderen geiſtigen Region angehört =- wer
möchte das leugnen? Die Überwindung dieſer
bedenklichen Entwieklung iſt eine dringende, wenn
nicht die dringendſte Aufgabe heutiger oder
fünſftiger Schulpädagogik; ſie kann aber nicht
von dem Crjaß der „Lernſchule“ durch die
„Arbeitsſchule“ erwartet werden -- denn dieſer
vollzieht ſich jeinem innerſten Weſen nach in den
Bezirken der wiſſenſchaftlich-techniſchen Bildung
--, Jondern nur von einer allgemeinen und
grundſäßlichen Differenzierung der Bildungs-
methoden nach dem Wertcharatter der Bildungs-
güter. Schwarß.
Kenntniſſe und Fertigkeiten -- Keuſchheit

1272
Feuchhuſten j]. Anſte>ende Krankheiten umd
Krankheiten des Schulalter.
Keuſihheit. 1. Weſen und Bedeutung. K. und
Scham gelten heute in dem Begrifſsſchaß der
„neuen“ Ethik und in der Praxis eines Überſtei-
gerten Naturkulte3 wenig. Um ſo dringlicher er-
ſcheint die Klärung, wer hier „dekadent" iſt. K.iſt
nicht mit der Verneinung des Geſchlechtlichen
gleichzujezen---werkann verneinen, was ſich ſelbſt
bejaht? --; ſie iſt auch nicht gleichbedeutend mit
dauernder Enthaliſamteit von der geſchlechtlichen
Funktion -- ſonſt wäre ja die normale Che von
vornherein mit dem Stempel der Unkeuſchheit
behaſtet, während die Unkeuſchheit hier erſt an
der Maß- und Rüdſichtsloſigkeit der Betätigung
ihr Erkennung3zeichen ſindet. K. iſt Zucht der
Sinne, d. h. ihre Erziehung und Verklärung.
K. iſt im engeren Sinne bewußte und verant-
woriliche Unterordnung de3 Geſchlechtötriebes
unter das Leben de3 Geiſtes in uns und klare
Cinordnung des Triebes in jenen Rahmen der
Weſensgeſundheit, in der ſich das Menſchſein al8
geiſtleibliche Einheit vollendet. Damit tritt die
K. aber Über die Grenzen de3 bloß leiblich ge-
regelten Verhaltens hinaus und wird zu einer
eigenartigen jeeliſchen Qualität, die für den
Charakter hochbedeutſam iſt und darum früh-
zeitiger Pflege bedarf. Al3 jolche Geſamthaltung
jucht ſie nicht bloß alles, was hinſichtlich des
Geſchlechtöslebens ungeordnet iſt, von ſich fern
zu halten, ſondern beſtimmt ſich als die Scheu
vor perſönlicher Preisgabe und ſeeliſcher Ent-
hüllung überhaupt und ſteht mit dem Weſen
ſeeliſcher Diskretion (ſ. Art. „Beſcheidenheit“) in
Zuſammenhang. K. iſt das Beſtreben, gewiſſe
Seins8- und Seelenelemente für ſich zu behalten
und den muſternden Blicken, dem gedanfenloſen
Bereden oder gar dem frechen Betaſten der
andern vorzuenthalten. In dieſem Sinne
jprechen wir von K. eines Kunſtwerkes und
ſordern K. auch auf den ſeelenzarteſten Feldern
des Unterrichts. Die K. iſt als Seelenhaltung
nicht ohne Stolz und Herbe (die keuſche deutſche
Frau der älteren Dichtung!), aber ſie bewegt
ſich nicht bloß in der Abwehrſtellung gegenüber
täppiſchen Zugriffen oder in dem Nimbus
äußerer Schamhaftigkeit, ſondern ſie läutert in
der Aufrechtheit, Bejahung und Erhaltung des
perſönlichſten Seins das ganze Weſen zu einer
höheren Stuſe der Geiſtleiblichfeit empor. Die
K. und Herzenslauterkeit ſtrahlt aus allen Weſens-
äußerungen eines reinen Menſchen hervor, wie
ſie ſich in ſeinem Auge ſpiegelt; das Negative
und Poſitive des Begriſſes faßt das Herrenwor!
Matth. 5, 8 krönend und zu leßten Zielen weiſend
zuſammen.
Aber jenes „Rühr mich nicht an" hat nun ein
gejunde3 Urempfinden ganz beſonder3 vor den
Pforten de8 Sexuallebens mit der gleichen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.