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Verbindlichkeit für ſich und für andere auf-
gerichtet, und die hieraus entſpringende Scheu
vor der „Aufklärung“ ſührt auf begründeteren
Bahnen, als ſie Feigheit und Ungeſchi> vor-
zeichnen, an da8 Geheimnis des Lebens, an die
Ehrfurcht vor dem eigenen Leib und die Ahnung
ſeines hohen Berufes im Werdeplan der Schöp-
ſung heran. Dieſe Ehrfurcht hält jegliche3
Blendertum oder Heucheliveſen von der Scham-
haſtigkeit ſern und adelt die natürliche Scham
zu Maß und Tugend; ſie bricht nur aus Pflicht
und angeſichts der Jugendnot das jedem Ge-
heimnis geſchuldete Schweigen und verſährt
auch dann mehr andeutend als ausbreitend,
mehr gelegentlich als ſyſtematiſch. Wie ſein
offenbart der griechiſche Sprachgebrauch die
Zartheit des hier gegebenen Komplexes, indem
er für K. und Ehrfurcht dasſelbe Wort ſeßt,
und wie ſtarf hilft -- wo die Menſchen und Ver-
hältniſje geſund ſind -- das der K. als Wächter
beigegebene Schamgefühl davor bewahren, in
dem eigenen geiſtigen Leben Sinne und Ge-
danken oder die entzündliche Phantaſie um
das Geſchlechtliche zu zentrieren und im Verkehr
mit andern das durch die Tore der Sinne ein-
gehende Unanſtändige in Wort, Gebärde oder
Tat abzuwehren! Die angeborene Schamhaftig-
keit iſt eine natürliche Schußwehr geſunden
Lebens und vernünftigen Verhaltens, deren
„vewahrende“ Kraft heute auch die Ärzte an-
erkennen. Sie nimmt zwar dem zum Bewußti-
jein ſeiner Triebe Erwachten die köſtliche Un-
beſangenheit des Kinde3, aber ſie ſchenkt ihm
die Wachſamkeit des Kämpfers und den Mut
zur Flucht (der ſpätere GroßeKurfürſt in Holland).
Thre Notwendigkeit und Pflege wird dadurch
nicht in Frage geſtellt, daß eine evolutioniſtiſche
Cthik jie zur Frucht bloßer Erziehung abblaßt
und ihre Berechtigung anzweifelt, oder daß eine
„aufkläreriſche“ Lebensauſfaſſung ſie Prüderie
ſchilt und zur Zimperlichkeit ſtempelt. Die
Prüderie hat in der herkömmlichen Erziehung
viel verdorben, indem ſie ein Cingehen auf das
Natürliche in jeder Form und Faſſung ablehnte,
das Seiende als nicht vorhanden ſetzte und das
Sichregende, Lockende oder bezwingend Auf-
ſtehende verächtlich machte, ſtatt es in feine
Schranfen zu verweiſen. Bald Vogelſtraußpoli-
tif, bald überängſtliches, ungeſchi>te3 Wächter-
und Warnertum, hat dieſe Prüderie durch ihre
Geheimmiztuerei und ſexuelle Unempfindlichkeit
den Krebs der Lüſternheit oft genug gezüchtet,
dem Kinde die Naivität und Unbefangenheit ge-
raubt und wohl gar die natürliche Unjchuld ver-
lebt. Jede eiſernde Überſittlichkeit gefährdet ſo
gut wie die brutale Unſittlichfeit das Gut der
natürlichen Schamhaftigkeit, die als ein mäch-
tiges, von der Reflexion noch unberührtes Emp-
ſinden das rechte Überordnung3verhältnis des
Geiſte3 über die Natur im aeſchlechtlichen Leben3-
Keuſchheit

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prozeß anbahnt und ſchüßt. Der Erzieher in3-
beſondere muß ſein Schamgefühl aufs feinſte
reguliert, d. h. von jeglicher Befangenheit oder
zornigen Erregung ſrei gemacht und mit dem
Ol barmherzigen Verſtehens geſalbt haben, um
gegebenenfalls das Schamgefühl des Zöglings
zu einer Ausſprache zu bewegen, die dieſer troß
aller imieren Not wegen der damit verbundenen
Entblößung vor einem andern oft genug zu-
nächſt als innere Unmöglichkeit empfindet.
2. Gefahren. Bei der jozialen Lage von heute
drohen freilich größere Geſahren der K. von der
jittlichen Verwahrloſung als von dem Sittlich-
feitsSfanatiSmus. Denn die Vredigt von dem
jexuellen Bedürfnis als dem eigentlichen Sinn
des Lebens ergeht durch Preſſe, Lektüre, Bühne,
Kino, Zerfall der hegenden Ordnungen nahezu
ungehemmt und hat auch die an Erzeugung
dieſe3 Brunſtfieber3 unſchuldigen Schichten nicht
verſchont. So iſt das öffentliche Schamgefühl
zerſtört und damit eine Hemmungsloſigkeit ge-
jchaffen, der die durch die allgemeine ſexuelle
Überreizung empfindlich gewordenen Sinne der
Jugend horchend entgegenfommen, während die
Familienkultur mit der früher ſv bewahrenden
Macht der Mütterlichkeit kaum noch ein Gegen-
gewicht bildet. Und es iſt kein Troſt, ſondern
verdoppelte Gefahr, wenn eine naturaliſtiſche
Pädagogif uns ein Äſthetentum predigt, das
durch Bildung des Geſchmacks, durch Steigerung
der Genußſähigkeit, inöbeſondere durch die
künſtleriſche Darſtellung de3 nackten menſchlichen
Körpers den Kampf gegen Unſauberkeit und
Lüſternheit führen will. Denn die Wirkung der
Kunſt liegt mehr an dem Wie al8 an dem Was.
Die Kunſt eines Michel Angelo iſt immer keuſch,
auch wo fie das Nackte darſtellt; die Schein- und
Aſterkunjt der Nuditätenbühne iſt immer
jc Schleier verhüllt. Der K.3-Begriff darf um
jeiner ſelbſt willen nicht in die Bahnen eines un-
evangeliſchen PBuritanizmus einbiegen, und wir
wollen un3 die Freude an dem Natürlichen, die
Crhöhung des Lebensgefühls durch den an-
ſc Leben3 und die engſte Fühlung mit der Natur
in uns und um uns nicht nehmen laſſen, ſondern
jede geſunde Lebensreform für Weſen8- und
Volks8geſundung nußen. Aber grade dieſe offene
Crſchließung berechtigt zu dem Hinweis, daß
die ſogenannte Nacktkultur in manchen Kreiſen
zum ungejunden Kultus des menſchlichen Körpers
ſich verirrt hat, und gebietet äußerſte Zuritc>-
haltung gegen die auch an die Tore der öffent-
lichen Schule anklopfende Nacktkultur-Bewegung
der Jugendlichen, wenn dahinter nichts Tieſeres
und Bindungsfähigeres ſteht als ein im beſten
Falle äſthetiſch verankertes oder ſoziologiſch be-
gründetes Genießertum. Die einſeitige Pflege
äithetijcher Empfindungen kann ſehr wohl, ſtatt

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