1295 Kindergarten (hygieniſch) --- Kindergarten (pädagogiſch)
Überwachung ſind unumgänglich notwendig,
zumal gerade das KindeSöalter von anſteckenden
Krankheiten am häufigſten heimgeſucht wird.
Bejonderes Augenmerk muß auch auf das Ver-
jonal gerichtet werden, da Krankheitsöübertra-
gungen von dieſer Seite (Tuberkuloje, Diph-
iherie uſw.) nicht ſelten ſind. Der Kinder-
gartenarzt iſt daher vielleicht noch nötiger als
der Schularzt.
3n Charlottenburg hat man ſeit 1906 die
wegen ihrer mangelhaften Körperentwilung
vom Schulbeſud) zurückgeſtellten Kinder in ſo-
genannten Schuſfimdergärten ſchulreif zu machen
gejucht, auf Grund der Erfahrung, daß die zu-
rüctgeſtellten Kinder, wenn ſie ein weitere3
Zäahr den alten Umwelteinflüſſen ausgeſeßt
blieben, bei ver Neueinſchulung kaum eine beſſere
Körperentwicklung zeigten. Im Schulkinder-
garten werden die Kinder für ven ganzen Tag
aufgenommen und erhalten hier Beköüſtigung.
Die Erfolge jind ſehr beachtenswert, ſo daß man
aud) in anderen Städten dieſem Beiſpiele ge-
jolgt iſt. Im Jahre 1925 wurden in 29 deutſchen
Städten Schulkindergärten feſtgeſtellt.
Neuſert jchlägt den obligatoriſchen Beſuch
des Schulkindergartens für alle (nicht nur für die
körperlich zurüdgebliebenen) Kinder von 5% bis
6 Jahren vor. Zurücgebliebene Kinder könnten
dann noch eim weiteres %, Jahr den Kinder-
garten bejuchen. Dabei entſteht aber die
Schwierigkeit, daß eine Einſchulung zu Oſtern
und zu Michaelis ſtattfinden müßte. Dieſe Vor-
ſc doch auf dieſe Weije die Kinder ſchon ein halbes
Jahr, bevor ſie in die Schule kämen, ſchulärztlich
unterſucht und könnten in der Zwiſchenzeit auf
den Echulbeſuch vorbereitet und durch ent-
ſprechende Maßnahmen in ihrer Geſundheit
und Körperentwi>lung gefördert werden. Viel-
leicht dehnt man aber den obligatoriſchen Beſuch
des Kindergartens auf ein ganzes Jahr aus und
kann dann die Einſchulung auf dem alten Ter-
min belaſſen. Huntemüller,
Kindergarten (pädagogiſch). 1. Fröbels
Idee des „Deutſchen Kindergartens“. Fröbel
hat den Namen „Kindergarten“ im Jahre
1840 geprägt. Er hatte dabei aber nicht die
Abſicht, diejen Namen den damals bereits be-
jtehenden zahlreichen Kleinkinderbewahranſtalten
bzw. jeiner im Jahre 1839 gegründeten eigenen
„Spielanſtalt für kleine Kinder“ in Blankenburg
beizulegen, jondern er verband mit vem Wort
„Findergarten" urſprünglich etwas viel Allge-
meineres und Größere3: Fröbel hatte erkannt,
daß die Kinder nicht nur durch das erzogen wer-
den, „was in den nächſten Verhältniſſen für ihre
Erziehung geſchieht, ſondern auch durch das, was
in ihrer gejamten Umgebung erziehend auf ſie
einwirkt". Er dachte dabei an die Natur, wo eine

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einzelne Pflanze auch nicht nur für ſich allein
gedeiht, unabhängig von allem andern, ſondern,
wo ſie mit den Übrigen Pflanzen zujammen
unter der Einwirkung des „geſamten Naturzu-
ſtandes“ ſteht, d. h. abhängig iſt von Jahre8zeit,
Standort, Witterung uſw. Die das Kind um-
gebenden Menſchen und Dinge ſind für ſeine
Cntwiedlung ebenſo wichtig. Darum wollte
Frübel die ganze Atmoſphäre veredeln, in der
das Kind aufwächſt. Das konnte er erreichen nur
mit Hilfe der Mutter, mit Hilfe der Frauen.
„Frauenleben und Kindheitpflege muß allge-
mein wieder geeint, weibliches Gemüt und
ſinnige Kinderbeachtung muß wieder ein Einiges
werden." Dieſen idealen Zuſtand wollte Fröbel
herbeiführen; er wollte gleichſam unſer gejamtes
deutſches Vaterland -- geiſtig verſtanden --
in einen weiten ſchönen Garten verwandeln, in
dem die Kindheit unſeres Volkes, umhegt und
gepflegt vom echt weiblichen Gemüt, aufblühen
konnte. Dieſer erträumte Jdealzuſtand, das war
jein „Deutſcher Kindergarten“. Zu deſſen Ver-
wirktlichung tat ex am 28. Juni 1840 den erſten
Schritt, indem er an dieſem Tage (e8 war am
„Gutenbergſeſt") durch eine große Feier die ge-
jamte deutſche Frauenwelt aufrief, ſich zur Er-
reichung dieje3 hohen Zieles mit ihm zu ver-
binden. Einen großen Frauenverein wollte er zu
diejem Zwed ins Leben rufen, damit „durch
eine gewijſe Gewalt und Macht der Menge oder
Durch die allgemeine Gewohnheit" jede, auch die
nachläſſigſte Mutter gezwungen würde, ihre
Kinder in diejem Sinne zu pflegen und ſich ent-
jalten zu laſſen. Der Mittelpunkt dieſer ganzen
Bewegung jollte eine große Anſtalt in Blanken-
burg werden, aus der gleichſam dauernd der
Sauerteig hervorgehen ſollte, der die geſamte
deutſche Frauenwelt nach und nach geiſtig durch-
dringen konnte. Hier ſollten auch Erzieherinnen
und Kinderpflegerinnen ausgebildet werden, die
dann überall in Familien und Anſtalten im
Sinne Fröbel38 wirken konnten. Zwei kleine
Schriſtchen Fröbels ſtellen die Jdee des allge-
meinen deutjchen Kindergartens ausführlich dar,
es ſind: „Der 28. Juni 1840 --- Ein vierfacher
Feſttag in den Erziehungsanſtalten für Kindheit
und Jugend zu Blankenburg und Keilhau" (1840)
und „Nachricht und Rechenſchaft von dem deut-
jehen Kindergarten" (1843).
2. Bedeutungswandel des Wortes „Kindergarten“.
Die eben erwähnte Blankenburger Anſtalt ſollte
der erſte „Punkt de3 Allebens8" jein, an dem die
dee „Kindergarten“ Wirklichkeit wurde. Anders
läßt jich ja eine Idee in der ſichtbaren, in der
körperlichen Welt nicht zum Ausdru> bringen
und darſtellen, al8 eben dadurch, daß ſie zu-
nächſt an einer Stelle Form und Geſtalt annimmt.
Sv jollte die Blankenburger Anſtalt der „Keim“
jür die allgemeine Verwirklichung der Kinder-
gartenidee werden. Wie der zarte Keim, der

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