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joeben den Eichkern geſprengt hat und der äußer-
lich noch recht wenig dem ſpäteren gewaltigen
Eichbaum gleicht, wie dieſer Keim troßdem ſchon
„Eiche" genannt wird, ſo bezeichnete Fr. ſeine
Blankenburger Anſtalt auch al8 „allgemeinen
veutjchen Kindergarten", obwohl ſie naturgemäß
ganz anders ausſah als die große Jdee, die er in
jeiner Seele trug. Ju vem zarten Pflänzchen,
Das wir Eiche nennen, liegt eben bereits der
Leben3- und Kraftſunke, der ſich allmählich zum
ſtolzen Eichbaum ausweiten will. Und dieſer
Funke, jagen wir: dieſer nichtmaterielle, alſo
diejer ideelle Inhalt iſt es, der das Pflänzchen
bereits zur Eiche macht. Ebenſo war es bei Fr.8
geplanter Anſtalt in Blankenburg. Jn ihr lebte
die Jdee des „allgemeinen deutſchen Kinder-
gartens", jie war gleichſam die Hülle dieſer
Jdee, wie etwa der Eichkern die Hülle der Kraft
iſt, die ſich zum Eichbaum ausweiten will. Bad
werde die Jdee die Hülle ſprengen, hoffte Fr.,
und dann werde allmählich der „wirkliche und
eigentliche allgemeine deutſche Kindergarten“
erblühen, langjam und organiſch, wie alle8 in
der Welt. Bald würden ſich hier und da weitere
Keimpunkte zur Realiſierung der Jdee bilden;
Samenkörner, die ausgeſtreut werden, würden
auſgehen in Familien und Anſtalten, ſo hoffte
Fr. = „Kindergärten im engeren Sinne“
nannte er zunächſt noch alle dieſe „Keimpunkte“,
die ſpäter zuſammenwachſen ſollten zum „all-
gemeinen deutſchen Kindergarten“. Seit dem
zahre 1843 nannte Fr. jede Spielanſtalt für
kleine Kinder, in der in ſeinem Geiſte gearbeitet
wurde, „Kindergarten“. Er hoffte, daß bald in
allen Städten und Dörfern ſolche Kindergärten
neben Schule und Kirche entſtehen würden.
Die gejamte vorſchulpflichtige Jugend der Ge-
meinde jollte dort gepflegt und betreut werden,
nicht nur die Kinder beſtinunter Scichten. Zu-
gleich aber ſollten dieſe Kindergärten Stätten
der Anſchauung und Belehrung ſein für
alle kinderliebenden Frauen und Mädchen des be-
treſſenden Ortes. Hierſollten ſie ſehen und lernen,
wie die naturgemäße wahre Kindheitpflege aus-
geübt werden foll. Auf dieſe Weije „ſollen Fa-
milien ſelbſt zu Kindergärten werden" (Fr.). So
hat ſich der Inhalt des Wortes „Kindergarten“ all-
mählich gewandelt: vom umfaſſendſten „Garten
der Kindheit", vom ganzen deutſchen Vaterland,
hat er ſich beſchränkt bis auf den kleinſten mög-
lichen Punkt, bis auf die Familie und jede noch
jo beſcheidene Stätte wahrer Kindheitpflege.
3. Der pädagogiſche Charakter des modernen
Kindergartens. Aus der Entſtehungs8geſchichte
des Kindergartens iſt erſichtlich, daß er urſprüng-
lich lediglich als pädagogiſche Einrichtung gedacht
war. Die joziale Orientierung erhielt er erſt, als
dies durch die ſortſchreitende Jnduſtrialiſierung
Deutjchlands notwendig wurde. Jahrzehntelang
war die Fröbelſche Methode der einzige Inhalt
Kindergarten -- Kindergottes3dienſt

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des Kindergartens geweſen. In vielen Fällen
wurde ſie rein handwerksmäßig angewendet --
von Fröbels genialem Geiſt war oft recht wenig
zu jpüren; dadurch kam die Methode etwas in
Mißkredit, was erſt in neueſter Zeit wieder
beſſer geworden iſt. Gegenwärtig wird die
Pädagogik des Kindergartens -- neben den
Jdeen Frübels -- hauptſächlich von folgenden
drei Strömungen beſtimmt:
a) vom Konzentrationsgedantken, der von
der Volksſchule herüberkam und der im Kinder-
garten zum „Monat8gegenſtand“ mit all ſeinen
Schattierungen führte; |
b) von der modernen Kunſterziehung, die
die alten Früöbelſchen Beſchäftigungen faſt voll-
kommen verdrängt und durch neue erjett hat,
die -- im Gegenſjaß zu den mathematiſch exakten
Früöbelſchen Techniken -- regelloſer aber farben-
ſreudiger ſind und der freieren und damit auch
unvollfommeneren Darſtellung de8 Kindes mehr
Raum gewähren;
ce) von der Monteſſori-Methode, über die
ein Sonderartikel näheren Aufſchluß gibt.
Im „Deutſchen Fröbelverband" (Sit
Berlin) ſind zur Zeit alle Kreiſe zuſammen-
geſchloſſen, die an der Fortentwicklung des
Kindergartens arbeiten. Da3 Organ dieſes
Bundes, die Monatsſchrift „Der Kindergarten"
(1928 im 68. Jahrg.), bietet das beſte Bild des
jeweiligen Entwicklungsſtandes.
Literatur. Prüfer: Die pädagogiſchen Beſtre-
bungen Fr. Fröbel8 in den Jahren 1836-1842 (Diſſ.
Leipzig 1909). -- Derſelbe: Friedrich Fröbel. Sein
Leben und Schaffen (19272). = Hanſchmann: Das
Syſtem des Kindergartens nach Fröbel (1874). --
v. Marenholtß-Bülow: Der Kindergarten, des Kindes
erſte Werkſtätte (1878*). -- Fiſcher: Der Kindergarten
(1900). -- Goldſchmidt: Was ich von Fröbel lernte
und lehrte (1909). Prüfer.
FKindergottesdienſt (Sonntagsſ ſchichte. 2. Der deutſche Kindergottes-
dienſt. 3. Aufgabe des Kindergottes3-
dienſtes.
1. Geſchichte. Will man einen geſchichtlichen
Überbli&d über den „Kindergottesdienſt" ge-
winnen, ſo muß man jich zuvor über die ſach-
liche Bedeutung dieſes Wortes klar jein. Das
wird aber erſchwert durch die Tatſache, daß man
zu einer reſtlos eindeutigen und allgemein an-
erkannten Auffaſſung deſſen, was man unter
„Findergottesdienſt" zu verſtehen hat, noch im-
mer nicht gefommen iſt. Das beweiſt auch 3. B.
die Definition von D. Dr. Boehmer: „Kinder-
gottesdienſt findet allenthalben ſtatt, wo Kinder
zur Feier eine3 Gottesdienſtes verſammelt ſind,
gleichviel, in welchen Formen und unter weſſen
Leitung.“ (Vgl. ſeinen Auffaß: „Landkinder-
gottesdienſte, ihre Schwierigkeiten und WVer-
ſchiedenheiten, aus der Erfahrung gewürdigt"
im „Kindergottesdienſt", heraus8gegeben von
D. Pierſig, Jahrgang 1925, Heft 6, Seite 162.)

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