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ſowie grammatiſche und orthographiſche Schniber
gröbſter Art ſind an der Tageöordnung. Man
merkt bei jeder Zeile, daß das Kind nicht bloß
unverhältnismäßig raſch gearbeitet, ſondern ſich
auch nicht die Mühe genommen hat, die Arbeit
nach Beendigung durchzulejen. „Flüchtigkeits-
jehler“ ſind das Kreuz des Lehrers.
2. Vrfſache und Behandlung. Flüchtigkeit
fann die Folge einer angeborenen JIntelligenz-
ſchwäche ſein, iſt aber viel häufiger noch die Folge
allzu nachſichtiger und weichlicher Erziehung.
Das flüchtige Kind muß mit ſtrenger Konſequenz
behandelt werden. Vor allem gewöhne man es
an eine feſte Tageseinteilung, an einen regel-
mäßigen Wechſel zwijchen Arbeit und Spiel.
Gewöhnlich geſchieht die Vernachläſſigung der
Arbeit zu Gunſten des beliebteren Spieles. Man
halte mit Beſtimmtheit darauf, daß zum Spiel
nur die vorgeſchriebene Zeit verwendet wird und
auc< nur dann, wenn vorher die Schul- und
häuslichen Arbeiten gewiſſenhaft erledigt ſind.
Man verſäume auch nicht, außer den Schul-
arbeiten dem Kinde ein tägliches Penjum an
kleinen Verrichtungen innerhalb des elterlichen
Haushaltes aufzugeben, und halte auf deſjen
gewiſjenhafte Erledigung genau ſo wie auf die
jorgfältige Anſertigung der Schularbeiten. Der
Unterricht gewöhne das flüchtige Kind an ſach-
liche, gründliche und gediegene Arbeit. Fehler-
haſte Arbeiten ſind unnachſichtlich noch einmal
zur Anfertigung auſzugeben. Spoxnyhauner.
Folgſamfeit j. Gehorjam ujw.
Fbrdertlaſen. 1. Förderklaſſen für Mindexr-
begabte. Um denjenigen Volksſchulkindern, die in
der Normalj gelegentlich fißen blieben und die eine oder andere
Klaſje wiederholen mußten, troßdem eine mög-
lichſt abgeſchlojjene Ausbildung zu ſichern, fügte
Proſejjor Dr. Sickinger, der Stadtſchulrat von
Mannheim, jeinem Schulſyſtem eine Reihe von
7FÖrderktlaſſen ein; ſie beſtanden aus vier Wieder-
holungs8- und zwei Abſchlußfklaſſen und bildeten
innerhalb des Mannheimer Syſtems einen
eigenen Klaſſenzug, der etwa in der Mitte ſtand
zwiſchen der normalen Volksſchule und der Hilſs8-
jchule. Das Beiſpiel Mannheims hat vielſach
Nachahmung geſunden, und aud) die Unterrichts-
verwaltungen haben ſich mit diejer Art von För-
Dertlajjen befaßt; ſo heißt es in einem Erlaß des
Württembergiſchen Miniſteriums des Kirchen- |
und Schulweſens vom 25. 4. 10:
„das Miniſterium iſt ſeit längerer Zeit der Frage näher
getreten, ob und in welchem Umfang an den württem=
bergiſchen Volköſchulen die Einrichtung von „Förder-
anzuſtreben iſt. Um dieſe Frage beantworten zu können,
wünſcht das Miniſterium eine Überſicht darüber zu er-
halten, wie viele Entlaßſchüler in den größeren Gemein-
den die ganze Schule einſchließlich) der lezten Klaſſe durch=
Flüchtigkeit -- Förderklajjen

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nicht einmal die letztere erreichen. (E38 ſoll daher eine ent-
ſprechende Statiſtik für die mittleren und großen Städte
aufgeſtellt werden, umd zwar für die Schuljahre 1909/10
und 1910/11. Dabei iſt von ſolchen Schulen dex Minder-
heitskonfeſſion, die nicht wenigſtens 14 Klaſſen umfaſſen,
abzuſehen. Für da8 Schuljahr 1910/11 iſt zugleich zu er-
heben, wieviel Schüler der drei oberſten Klaſſen nac dem
Urteil ihrer Klaſſenlehrer für den Übertritt in das prak-
tiſche Leben beſſer in einer Abſchlußklaſſe als in den Nvr-
malklaſjen vorbereitet würden. Den DOberſchulräten
wird anheimgeſtellt, über die Geſicht8punkte, unter denen
die Überweiſung in eine ſolche Abſchlußklaſſe zu erfolgen
hätte, beim Ausſchreiben der Statiſtik nähere Anhalts-
vunkte zu geben.“
Die badiſche „Schulordnung für die Volks8-
ſchulen“ vom 12. 12. 13 ſagt im 8 51:
„Zu großen Schulen können die nichtverſetzten Schüler
in beſonderen Förderklaſſen mit kleinen Schülerzahlen
vereinigt werden. Anderweite Einrichtungen zur Förde-
rung zurückgebliebener Schüler bedürfen im einzelnen
Fall der Genehmigung des Unterricht3miniſteriums.
Die Einrichtung von Förder- und Wiederholungs-
tlaſſen ſoll die Möglichkeit bieten, die nichtverſeßten Schü
ler in beſonderen Abteilungen bei beſchränkter Schüler-
zahl durch einen intenſiv betriebenen Unterricht ſoweit zu
fördern, daß ſie am Ende des Schuljahres in die ihrem
Jahrgang entſprechende Normalklaſje wieder eintreten
können. Die Zuweiſung in die Förderklaſſe erſolgt durch
den Schulleiter; ſie iſt für die davon betroffenen Schüler
verbindlich. Wird das mit ver Zuweiſung erſtrebte Ziel
nicht erreicht, ſo treten die Schüler wieder in diejenige
Klaſſe zurü>, der ſie bei Vollzug der ſ. Zt. ausgeſproche-
nen Nichtverſetzung angehören würden. Eine Weiter-
führung der Förderklaſſen als Klaſſen für weniger be-
gabtie Schüler geht über Zweck und Abſicht der Beſtim-
mung des 8 51 hinaus. Die Faſſung der Beſtimmung
: JIchließt nicht aus, daß die Einrichtung aud) an anderen
als großen Schulen, ſofern ein Bedürfnis dafür vorliegt
getroſſen wird. Sie bedarf in jedem Fall der Genehmi-
gung durch das Unterrichtsminiſterium“.
Die Verordnung vom 23. 7. 19 zur Aus-
führung des ſächſijchen Übergangsgeſeßes für
das Volksöſchulweſen beſtimmt im 8 6:
„Die Maßnahmen zur Förderung ſc Schüler müſſen rechtzeitig einſehen. Wvo keine Hilfsſchul-
und Förderklaſſen beſtehen, haben die Schulleiter in den
jährlichen Berichten an den Bezirksſchulrat die Schüler,
die wegen ſchwacher Begabung nicht mit Erfolg am Un-
terricht der allgemeinen Volksſchule teilnehmen können,
zu benennen und dabei anzugeben, was zu deren Fürde=
rung geſchehen iſt oder geſchehen joll.“
Auch auf der Reichöſchulkonſerenz wurde
darauf hingewieſen, daß der Volksſchule die
Möglichkeit gegeben werden müſſe, für jchwächer
begabte und weniger leiſtungsfähige Kinder
durc die Einrichtung von Förderklajjen zu jorgen.
(Über den „pädagogiſchen und ſozialen Wert der
Förderklaſjen" |. Lindenmayer im „Pharus“,
15. Jahrg. 1924. S. 85 |f.)
2. Förderklaſſen für Hochbegabte. Während
es fid) bei den biSher erwähnten Einrichtungen
: um Förderklaſſen der minderbegabten Kinder
: handelt, gibt es andererſeits auch ſolche für hoch-
| begabte. Für die Grundſchule allerdings ſind
klaſſen“ oder mindeſtens von ſogenannten Abſchlußklaſſen : derartige Förderklaſſen faſt überall unzuläſſig;
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laufen, wie viele bei ihrem Schulaustritt aus der zweit- |
vberſten Klaſſe entlaſjen werden müſſen, und wie viele , ſchulpflicht ſteht e8 nicht im Einklanae, wenn innerhalb
ſo heißt es in dem preußiſchen Miniſterialerlaß
vom 31. 3. 23 über die Ausführung des Grund-
jchulgeſeßes:
„Mit der reichörechtlich feſtgejeßten vierjährigen Grund-

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