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bei ihm bildet eine tiefe Religioſität, die ſich feſt
auf die Bibel gründet und ſich auswirkt in ſeimem
lebendigen, zur Tat drängenden Glauben. Dieſer
ſtark machende Vorſehungsglaube, verbunden
mit wunderbarer Geiſte8gegenwart und regem
Schaffenstrieb, mit diplomatiſcher Gewandtheit
in allen Geſchäften, mit pſychologiſchem Scharf-
bli> und nicht zuleßt mit großartiger Herrſchergu-
be und reichem Organiſations8geſchi>, erklärt ſein
weitreichendes, erfolgreiches Wirken. Freilich,
aus der einſeitigen religiöſen Einſtellung ergibt
ſich eine gewiſſe Enge und Strenge, eine ge-
wiſſe Ängſtlichkeit und Engherzigkeit auch in
jeinen pädagogiſchen Maßnahmen; aber das
Clend der Zeit, die Not der Umwelt, die
Verwahrloſung des Familienlebens und der
Kindererziehung erklären und entſchuldigen da3;
er bewegt ſich damit durchaus auf der Linie
der Schulreſormatoren aus dem „Lehr- und Re-
gierſtande", die in und nach dem großen Krieg den
Hebel zur Wiederaufrichtung des deutſchen Volk3-
lebens angeſeßt hatten, eines Comenius und eines
Ernſt des Frommen. Für den Schmuck de8 Lebens
in Kunſt und Schönheit fehlt de8halb F. der
Sinn, und auch die Wiſſenſchaft muß bei ihm un-
mittelbar praktiſchen Zwecken dienſtbar werden;
aber umſo eifriger bemüht er ſich um die Auf-
erziehung eines Geſchlechts, das ernſte Frömmig-
keit, i Grundlage ſeiner Lebensführung zu machen ge-
willt iſt. Troß ſeiner peſſumiſtiſchen Beurteilung
der Kinde3natur hofft er, mit Gottes Beiſtand
durch treue Hingabe und praktiſche Umſicht dem
geſteädten Ziel näher kommen zu können und
nimmt dafür die Hilfe galeichgeſinnter Mitarbeiter
fräſtig in Anſpruch; es waren zumeiſt junge
Studenten.
Für ſie iſt auch F.3 einzige theoretiſche
Schriſt über Bädagogik beſtimmt, die ganz
aus diejen Grundanſchauungen erwachſen iſt,
und die man nicht mit Unrecht als „die reiſſte
pädagogiſche Frucht des Pietizmus"“ bezeichnet
hat. Ganz natürlich verbindet ſich in ihr, wie
auch jonſt bei F., Theoretiſches mit praktiſchen
Zweden aufs engſte. Ihr Titel lautet: „Kurzer
und Einfältiger Unterricht, Wie Kinder zur
wahren Gottjeligkeit und Chriſtlichen Klugheit
anzuführen ſind.“ Entſtanden iſt ſie gleich
nach Beginn ſeiner Schulgründungen; gedruckt
wurde ſie erſt 1702 im dem „Öffentlichen Zeug-
nis".
Was vas erſte. Erziehungs3ziel, die wahre
Gottſeligkeit, angeht, ſo heißt e8 da: „Die
Chre Gottes muß in allen Dingen, aber abſondexr-
lich im Auferziehung und Unterricht der Kinder
als Hauptzwe> immer für Augen ſein, ſowohl
dem Präceptor als den Untergebenen ſelbſt.
Wenn die Kinder zur beſtändigen Furcht und
Liebe des allgegenwärtigen Gottes erwecet
werden und ihnen der rechte Adel der menſchlichen
Frande

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Seele, ſo in der Erneuerung zum Ebenbilde
Gottes beſtehet, mit lebendigen Farben für
Augen gemalet wird und ſie alſo in der Zuchtund
Vermahnung zum Herrn erzogen werden, iſt
jolches hinlänglich genug und viel durchdringen-
der und fräſtiger zum Guten, als die jataniſche
Fürſtellung der Herrlichkeit dieſer Welt.“ Ganz
anders wie bei den früheren Pädagogen, ſelbſt
bei Comenius, tritt hier dieErziehung des Willen3
ſtatt der des Intellekt3 in den Vordergrund; das
wichtigſte Mittel dazu iſt das „gottſelige Gxempel"
des Lehrers, fleißiges Treiben des Katechismus,
unermüdliches Leſen der ganzen (!) Bibel, Er-
mahnung, Verheißung und Drohung, vor allem
aber die Einpflanzung der drei Haupttugenden
(Liebe zur Wahrheit, herzlicher Gehorſam und
Fleiß) bei noch zarten Jahren, Pflege des Gebet3-
lebens und möglichſte Ausſchaltung böſer Gejell-
ſchaft. Wünſchenswert iſt es, daß man alles Gute,
jo zum Chriſtentum und wahrer Gottſeligkeit ge-
hört, den Züöglingen mit Luſt und Liebe, Sanſt-
mut und Geduld beibringt; aber im Notfall iſt
die Straſe, auch mit der Rute, weiſe und maßvoll
zu benutzen. Das Jdeal F.3 iſt danach) nicht die
Familien-, ſondern die Anſtaltserziehung, bei der
der Erzieher eine ſtete Auſſicht üben kann. Täg-
lich, „nicht nur alle Tage in der Woche, jondern
auch Sonntags vor und nach der Predigt", ſollen
die Kinder zur Schule kommen, und Ferien gibt
es nicht. Die Religion ſamt Gebetsübungen
nimmt den Grundſäßen entſprechend einen
breiten Raum in ſeinem Lehrplan ein; von den
ſieben täglichen Stunden werden ihr in den
deutjchen Schulen drei bis vier gewidmet, und
die Gefahr des Unkindlichen und Mechaniſchen
ließ fich dabei j weiter in der Überzeugung von der völligen Ver-
verbtheit des natürlichen Menſchen peinliche,
dauernde Überwachung für nötig und gelegent-
lich ſtrenge Zuchtmittel für unvermeidlich hielt,
doch aber forderte, der Zögling ſolle dem Er-
zieher nach erfolgter Züchtigung die Hand geben,
jo barg das die Verſuchung zu Unwahrhaftigfeit
und Heuchelei nur zu leicht in ſich.
Daß aber die Erziehung nicht zu Weltſremdheit
und Weltſlucht führe, ſollte die zweite Forderung
F.3: die Erziehung zur verhindern. Auch ſie muß Gottes Ehre als Ziel
und Zweck unverrückt im Auge behalten; ſo gibt
zZ. B. im Waijenhaus der naturwiſſenſchaftliche
Unterricht Anlaß, daß die Schüler lernen, „wie
jie Gott aus der Natur erkennen und ſich durch
jeine Werke zu ſeinem Lobe reizen laſſen“, und bei
der Lektüre lateiniſcher Zeitungen im Pädago-
gium nimmt man „Gelegenheit, die Regierung
und Gerichte Gottes dabei vorzuſtellen und
zur Furcht Gottes zu ermahnen". Alles, was den
Schülern an nüßlichen Wiſſenſchaften, an
geſchidter Beredſamkeit und wohlanſtändigen
Sitten übermittelt wird, ſoll ja lezten Endes ſie

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