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Notgedrungen mußte er auch noch die ſechſte
Stunde zulaſſen, zwar zunächſt mit vorſichtiger
Beſchränkung „auf die Großſtädte mit weiten
Schulwegen und auf die Orte, in denen viele
Schüler täglich von ſernher zur Schule kommen
und nur unter Zuſtimmung der überwiegenden
Zahl der Eltern“. Da aber Fahrſchüler überall
vorhanden ſind, jo war damit die allgemeine
Cinführung der jechſten Kurzſtunde geſichert.
Heute herrſcht ſie überall. Außerdem hat ſich der
UnterrichtSbeginn um 8 Uhr in den Großſtädten
für das ganze Jahr durchgeſeßt; nur mittlere und
tleinere Städte halten an dem naturgemäßen 1-
Uhr-Anfang im Sommer feſt. So dauert jeht der
Unterricht von 8 Uhr bis 12.35 Uhr bei 5 Stun-
den, bis 1,30 Uhr bei 6 Stunden, bzw. um
1 Stunde früher beim 7-Uhr- Beginn, mit 60
Minuten Pauſe, jo daß a an reiner Unterrichts8zeit
41,5 Stunden bleiben. Da die Schulreform vom
Jahre 1925 die Geſamtzahl der Wochenſtunden
verringert hat, iſt der Nachmittag nunmehr faſt
völlig unterrichtsfrei. Für die Mittelichulen be-
jtehen ſeit ihrer leßten Neuordnung in Preußen
(vom 1. 6. 1925) die gleichen Beſtimmungen
wie ſür die höheren Schulen, alſo die Kurzſtunde
zu 45 Minuten, in der Regel die ungeteilte Un-
terricht3zeit, ſo daß 6 Vormittagsſtunden ſtatt-
ſinden können. Al3 Pauſenzeit ſind 50 Minuten
ſeſtgeſeßt, meiſt in der Verteilung: 10, 20, 10,10
Minuten; aber auch andere Säße kommen vor.
-- Bei den Volksſchulen beträgt die Stunden-
länge 50 Minuten. Auf jede Unterrichtsſtunde ſind
10 Minuten Pauſe gerechnet, die je nach den
ortlichen Bedürſnijſen ſich verſchieden verteilen.
4. Würdigung. Schon im Jahre 1911 konnte
Miniſterialrat Norrenberg (Monatsſchrift für
höhere Schulen) von günſtigen Ergebniſſen der
biöSher an 236 höheren Schulen Preußens an-
geſtellten Verſuche mit der Kurzſtunde berichten
Leiſtungen und Verſezungsausſichten der Schü-
ler jeien nicht geſunken; die ſreien Nachmittage
würden von den Schülern zu jportlichen Zweden
und zu geiſtiger Selbſttätigkeit ausgenußt; das
körperliche Wohlbefinden der Schüler ſei nach
Kurzſtunden und Paujen =-- Lagarde, Paul de

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Beobachtungen der Eltern geſtiegen, ihre Ar-
beitsluſt gewachſen, ihre Freude an der Schule
und Arbeit größer geworden. Auch die 6 Vor-
mittagsletktionen ſeien bei 60 MinutenPauſe keine
Überanſtrengung; die Schüler jeien nach der
6. Stunde nicht jo jhlaff wie früher in den Nach-
mittagsſtunden. Ein unleugbarer Übelſtand des
6-Stunden-Vormittags iſt für den Sommer
ſeine Ausdehnung bis in die hohe Mittagszeit
hinein. Indes die beſürchtete Hißegefahr hat
ſich in Wirklichkeit als nicht jo groß erwieſen. Für
die beſonders ſchonſamen unteren Klaſſen kommt
der 6-Stunden-Unterricht überhaupt nicht zur
Anwendung. Die überheißen Tage ſind in Deutj<-
land zu zählen und fallen großenteils in die
Sommerſerien, und bei Einzelfällen unzuträg-
licher Hiße wird nach genauen amtlichen Anord-
nungen der Unterricht ausgeſeßt. Wenn jezt die
Wahl gegeben würde, zu dem früheren Zuſtande
zurückzugehen oder den jeßigen beizubehalten,
j jür das erſtere entſcheiden, ein Beweis, daß die
heutigen Verhältniſſe den Bedürfniſſen der Zeit
entjprechen und von ihr gefordert werden. Auch
die Lehrer haben ſich im großen und ganzen mit
der Verkürzung der Unterrichtszeit abgeſunden,
wenn auch noch oft genug der eifrige Lehrer die
Uhr der Kurzſtunde ſeuſzend ſchlagen hört, bevor
er ſeine Aufgabe hat jach- und wunſchgemäß ab-
ſchließen können. Die Frage, wie und in welchem
Maße die Ziele des Unterrichts bei der heutigen
Lage der Dinge erreicht werden können, iſt zur
Zeit überhaupt noch offen; aber die Ungewißheit
Darüber hängt weniger von der Länge der Unter=-
richt8zeit ab, als von den geänderten und ge-
ſteigerten Anforderungen der Schulreform an
Methode und Gehalt des Unterrichts.
Literatur. Dr. med. Schmid-Monnard und
N. Schmidt: Schulgeſundheitslehre (1902). = Sel=
ter: Handbuch der deutſchen Schulhygiene (1914). =-
Wieſe-Kübler: Verordnungen und Geſetze für die
höheren Schulen in Preußen (18862), == Weidmanns=-
iche Tajchenau38gaben von Verordnungen der
vreußiſchen Unterricht8-Vertwaltung (Heft 33: Schüler
und Schülerinnen der höheren Schule).
Schmidt (Magdeburg).
L
&ngarde, Paul de. 1. Lebensgang und Perſön- |
lichkeit, Über Lagardes Leben berichtet ausführ-
lich Frau Anna de Lagarde (ſ. u.). Er wurde
am 2. November 1827 als Sohn des Gymnajial-
proſeſjor3 Dr. Wilhelm Bötticher geboren. Den
Namen de Lagarde nahm er erſt als Erwachſener
einer Großtante zuliebe an. In Berlin ſtudierte
er Theologie und orientaliſche Sprachen. Unter
jeinen Lehrern verehrte er beſonder8 Jakob
Grimm und Friedrich Rückert. 1850 wurde er
Privatdozent in Halle, 1852 ging er auf Grund

eines Stipendiums nach London, um im
Britiſchen Muſeum ſyriſche Texte zu bearbeiten.
Er wurde hier zum Politiker; er ſchreibt:
„Politiſch werde ic) der deutſcheſie, Dd. h). der
individuellſte Menſch, den es gibt". Nach ſeiner
NRückfehr ſah er ſich genötigt, ein Schulamt zu
übernehmen: von 1854-1866 wirtte er als
Oberlehrer an verſchiedenen höheren Schulen
in Berlin. Auf eine Eingabe an den König
wurde ex endlich vom Schuldienſt befreit und
1869 als ordentlicher Vrofeſſor der orientaliſchen

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