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jeim Weſen vom Cwigkeit8gedanken durchdrungen
iſt. In dieſer Richtung wollte L. der deutſchen
Frömmigkeit die Wege weiſen: Fühlt euch als
ewig, und ihr werdet ſiegreich durch jede Zeit-
lichfeit ſchreiten! Feſtigt eure Sittlichkeit durch
Religion, und im alten Zeichen wird der deutſche
Name neu erblühen! Mit Recht ſagt Schemann,
daß L. nicht für die Religion, wohl aber für die
TNeligibſität der Deutſchen Neue8 und Großes
gebracht habe.
3. Lagarde als Erzieher. Als Pädagoge iſt ex
zuerſt in der Richtung von Einfluß geweſen,
daß er mit aller Entſchiedenheit gegen den
jalſchen Begriff der Allgemeinbildung an den
höheren Schulen gekämpft hat. Die Denkſchrift
des Preußiſchen Miniſteriums über „Die Neu-
ordnung des preußiſchen höheren Schulweſens"
(1924) weiſt ausdrüclich auf L. hin und
zitiert jein Wort: „Das Gegengewicht gegen
Cinſeitigkeit liegt nicht in der Allſeitigkeit des
Wiſſens, nicht in ſeiner horizontalen Ausbrei-
tung, welche ſtets Verflachung wird und werden
muß, ſondern in der vem Ewigen zuſtrebenden
Nichtung des Willens“. Die deutſche Volks-
erziehung im Sinne L.3zeigt drei große Verti-
kale: die erſte Richtung geht auf das Verſön-
liche, die zweite auf das Cwige und die dritte
auf das Deutſche. Die Jdee der Perſönlichkeit
hat L. mit aller Entſchiedenheit und Klarheit
vertreten: „Zu der neuen Cpoche unſerer Ge-
Ichichte iſt unjere Hauptaufgabe die, möglichſt
viele Menſchen, zu Perſonen, zu Charakteren
zu erziehen!" Denn es gibt auf Erden nur ein
Göttliches: die Menſchenſeele. Deshalb iſt
jeder Menſch, der geboren wird, einzig in ſeiner
Art, und darum gibt es für ihn nur eine Bil-
dung, die ganz jpeziell auf ihn berechnet iſt
und deren Aufgabe jein muß, aus ihm das zu
machen, was irgend aus ihm gemacht werden
kann. Die Idee der differenzierten Einheits-
Ichule leuchtet hier auf! Dem entſpricht auch die
Forderung, daß auf Bildung jeder ein Recht
hat: „ein Volk im wahren Sinne de38 Wortes
iſt nur denkbar als die Gemeinſchaft ſo gebildeter
Menjchen, deren jeder an ſeinem Plaße zu-
jrieden jein wird, weil er ſein Leben darauf ein-
richtet, ihn auszufüllen, eine Gemeinſchaft von
Menſchen, welche nicht in Stände zerfallen“.
Mit Fichte ſtimmt L. darin überein, daß die
Bildung zum deutſchen Menſchen die höchſte
Auſgabe der Nation iſt. Dabei fönnen wir die
Hilfe der Religion nicht entbehren; de8halb
betont L. immer wieder, daß alle Erziehung
auf die Ewigkeit gehen muß. Denn Charakter
in vollem Sinne iſt nur durch Frömmigkeit
zu erwerben; nur in ihr dauert er. Die Menſchen
als Kinder Gotte8 zu erziehen -- das würde,
wenn es möglich wäre, das höchſte Ziel aller
Erziehung jein. Erſt durch das Chriſtentum er-
hält der deutſche Charakter die rechte Weihe
Lagarde, Paul de -- Landerziehungsheime

204
und innere Vertiefung: „Nur auf dem Wege
zum ewigen Leben liegt ein Vaterland!"
Hier iſt die Klammer zwiſchen der Jdee der
Cwigfkeit und dem deutſchen Gedanken.
Wie Fichte in ſeinen „Reden“, ſo faßt L. Volk
und Vaterland als etwas Ewiges, Göttliches
auf; die Vaterlandsliebe exſtrebt nichts Ge-
ringeres als das Aufblühen de8 Ewigen und
Göttlichen in der Welt. Die innerliche Einigung
Deutſchlands iſt nur möglich auf dem Wege
der Bolkserziehung: Deutijichland muß die Ge-
jamtheit aller deutſch empfindenden, deutſch
venfenven, deutſc wollenden Deutſchen werden!
-=- Daß L. eine echte Erzieherperjönlichkeit
war, beweiſt nicht nur ſeine praktiſche erfolg-
reiche Tätigkeit al8 Oberlehrer, die er zwölf Jahre
lang auszübte, ſondern auch der prachtvolle
Auſſaß in den Deutſchen Schriften „Über die
Klage, daß der deutſchen Jugend der Jdealis-
mus ſehlt". So ſehr L. an den Erwachſenen
zweifelt, jo feſt glaubt er an die Jugend und
damit an die Zukunft des Vaterlandes. Die
„Fugend iſt von Natur ideal veranlagt: ſie will
durchaus wahrhaftig, ehrlich, echt ſein, auch da,
wo es ihr Vorteil wäre, zu lügen, zu heucheln,
zu ſcheinen. Das Weſen der Jugend und des
echten Menſchen überhaupt beſteht darin, ideal
zu empfinden; nur dadurch, daß er dies tut,
unterſcheidet er ſich vom Tiere. Der JvealiSmus
iſt eme Kraſt, durch die die Menſchen leben!
Aber er iſt nicht nur Gabe, ſondern auch Auf-
gabe. Gerade weil er das höchſte Gut iſt, aljo
ethiſcher Beſit, gibt e3 auch eine Erziehung zum
ZvealisSmus. Deshalb prägt ex das große
Wort: „Möge Deutſchland nie glauben, daß
man in eine neuc Periode des Lebens treten
tann ohne ein neue8 Jdeal. Möge e38 bedenken,
daß Wwirtliches Leben von unten, nicht von
oben her wächſt, daß es erworben, nicht gegeben
wird!" (E38 iſt keine Frage, daß die Erziehung3-
gedanfen L.3 heute an Macht und Einfluß
immer mehr gewinnen.
Literatur. Baul de Lagarde: Schriften für das
deutſche Volk, 1. Bd.: Deutſche Schriften; 2. Vd.: Aus=
gewählte Schriften. Zuſammengeſtellt von Paul
Fiſcher (1924). -- Ludwig Schemann: P. de L., ein
Lebens- und Erinnerungsbild (19202), =- Anna de
Lagarde:;: P. de L., Erinnerungen aus ſeinem Leben
(1918*?). =- Paul Friedrich: P. de L, und die deutſche
Nenaiſſance (1912). =-- Hermann Mulert: VW, de L.
(1913). = Rudolf Hollmann: L. als Pädagoge
(1915). =“ Nichard Breitling: P. de L. und der große
deutſche Gedanke (1927). -- Otto Conrad: VW. de L.,
ein Prophet deutſcher Bildung und deutſchen Volkstums
(1928). -- Alfred Nahlfs: VW. de L.3 wiſſenſchaftliche8
Lebenswerk, im Rahmen ſeines Leben3 dargeſtellt
(1928). -- Derſelbe: Gedächtnisrede zu VW. de L.3
100. Geburts8tag (1928). - Kurt Klamroth: Staat
und Nation bei PB. de L. (1928). Conrad.
Landerziehungsheime. 1. Erklärung des
Namens. 2. Geſchichtliche Entwicklung.
3. Weſen. 4. Würdiauna.

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