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4. Erziehliche Maßnahmen. Die beſten Er-
ziehungsmittel zur Verhütung ſowohl wie zur
Bekämpfung der Launenhaftigfeit ſind a) körper-
liche Kräſtigung und Abhärtung, b) Gemein-
Ichaſtspflege, €) Nichtbeachtung. Die körperliche
Abhärtung joll der krankhaften Reizbarkeit den
Boden entziehen. Namentlich iſt Schonung und
Pilege des Nervenſyſtems vonnöten. Kinder, die
zu Launenhaftigkeit neigen, müſſen vor Über-
bürdimg, Ermüdung und Überreizung bewahrt
bleiben. Soll das launenhaſte Kind in die Ge-
meinſchaft paſſen, muß es in der Gemeinſchaft,
und zwar in der richtigen Gemeinſchaft, erzogen
werden. Man ſchrec>e auch vor energiſchen Maß-
nahmen und unter Umſtänden vor einem Um-
gebungswechjel nicht zurüe. Tanten und Groß-
mütter, die das Kind verwöhnen, hyſteriſche
Mütter, die das Kind in fortwährendem Errege-
zuſtand halten, müſſen au8geſchaltet werden. Das
launenhafte Kind braucht Ruhe, Konſequenz und
gleichmäßige Güte. Überhißung und Überrei-
zung durch exploſive Geſfühl3ausbrüche, auch
durch exaltierte Liebe müſſen vermieden werden.
Zm Notfalle bringe man das Kind in einem ge-
eigneten Heime oder Penſionat vorübergehend
unter. Die Hauptſache bleibt natürlich, daß es in
eine Umgebung kommt, die zwar auf jeinen Zu-
ſtand Rückſicht nimmt, ohne aber jeder Laune
und jedem Einfall nachzugeben. Das führt
uns zu dem Nichtbeachten der launenhaften
Stimmung. Dadurch, daß man ängſtlich fragt
und den Urſachen dex Stimmung nachgeht,
kommt ſich das Kind ungemein wichtig und inter-
ejjant vor, beginnt ſich ſelbſt zu objektivieren, und
wenn dann noch eine Neigung zum Schauſtelle-
riſchen hinzutritt, iſt das frankhafte Geltungs-
bedürfnis und damit die Vorſtufe zur Hyſterie ge-
geben. Man ignoriere den Stimmungswechſfel,
behandle das Kind wie gewöhnlich, ſeze das Spiel
oder die Beſchäftigung ruhig fort, und wenn es
jich ſelbſt ausſchließt, tue man auch, als merke
man das nicht. Wenn das launenhafte Kind
ſieht, daß ſeine Mätzchen nicht beachtet werden,
kommt es leicht von jelber wieder und vergißt
jeine törichten Gewohnheiten. Ganz ungeeignet
zur Bekämpfung der Launenhaftigkeit ſind Er-
mahnungen, Belehrungen oder Strafen. Recht
gefährlich und bedenklich ſind auch Spott und
Zronie. Das launiſche Kind darf gar nicht merken,
Daß es erzogen wird. Nicht direkte oder willkür-
liche Maßnahmen des Erzieher8, ſondern die
ganze Atmoſphäre muß erziehen. Die richtige
Wahl der Umwelt in der oben ſkizzierten Rich-
tung iſt die einzige Rettung des launenhaften
Kindes. Spornhauer.
Lautiermethode ſ. Leſeunterricht.
Lavaier, Johann Kaſpar. 1. Leben und
Werke. 2. Die Verſon Chriſti. 3. Die
Bhyjioanomik L.3.
Launenhaftigkeit = Lavater


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1. Leben und Werke. L. wurde am 15. Nov.
1741 als zwöljtes Kind eines Arztes, der auch
Mitglied der Regierung war, in Zürich geboren.
Bodmer und Breitinger waren ſeine Lehrer
am alademiſchen Gymnaſium, wo ſich auch
die Freundſchaft mit den Brüdern Heß und dem
jpäter als Maler bekanntgewordenen H. Füßli
gründete. Nach gerade vollendetem Theologie-
ſtudium (1762) erregte ſein unerſchrodenes
Auſtreten gegen einen korrupten, mit dem
Bürgermeiſter von Zürich ſelbſt verwandten
Landvogt einer Zürcher Landvogtei berechtigtes
Auſſehen. L.3 Reiſe zu dem Theologen Spal-
ding zu Barth in Schwediſch-Pommern (1763
bis 64) vertiefte die der Aufklärung eigne
Toleranz, ohne ſeinen Bibelglauben den Ge-
jahren des RationaliSmus ausliefern zu können.
Nach ſeiner Rückkehr in die Schweiz vermählte
er fich 1766 mit Anna Schinz, der Tochter eines
angeſehenen Zürcher Kauſmanns8. 1769 wurde
L. Diakon an der Waiſenhauskirche in Zürich,
1775 Pfarrer daſelbſt. Einen ehrenvollen Ruf
nach Bremen hatte er ausgeſchlagen und war
von 1778 an, zunächſt als Diakon, ſeit 1786
als Pfarrer bis zu ſeinem LebenSsende. an der
St. Petersfirche in Zürich tätig. Erwähnt ſei
jeine Reiſe nach Kopenhagen 1'793, auf der ex,
begleitet von jeiner Tochter, wie auch ſonſt
auf ſeinen Reiſen möglichſt viele berühmte
Männer kennenzulernen trachtete. Den Über-
griſſen Frankreichs gegen die Schweiz nad)
Ausbruch der ſranzöſiſchen Revolution trat
L. öffentlich und unerjchro>en in Rede und
Schrift („Ein Wort eines freien Schweizers
an die große Nation" 1798) entgegen. Er wurde
jogar am 16. Mai 1799 nach Baſel deportiert,
wieder freigelaſſen, aber am Tage der neuer-
lichen Bejezung Zürichs durch die Franzoſen,
am 26. September 1799, von einem ſranzöſiſchen
Soldaten durch einen Schuß ſchwer verleßt
und erlag dieſer Verlezung aud) nach langem
Leiden am 2. Januar 1801. Aus der außer-
ordentlich zahlreichen ſchriftſtelleriſchen Pro-
duttion L.3 jeien nur einige Hauptwerke heraus-
gehoben: Geheimes Tagebuch von einem Be-
pbachter ſeiner ſelbſt (1771-73), Auöſichten in
die Cwigfeit (1768-78), Pontius Pilatus
(1782-85), Nathanael (1786). Dazu kommen
noch einige größere religiöſe Dichtungen und
zahlreiche Lieder. Das Hauptwerk L.3 aber
jind ſeine „Vhyſiognomiſchen Fragmente"
(4 Bände 1775--78, anaſtat. Neudruck 1908),
an denen auch Goethe mitgearbeitet hat und
denen 1772 ſchon ein von L.38 Freund Zimmer-
mann ohne jein Wiſſen veröffentlichter Vortrag
„Zon der Phyſiognomik"“ vorangegangen war.
Eine Ergänzung zum Hauptwerk ſtellen „TJ.
C. 2.3 vermiſchte phyſiognomiſche Regeln,
ein Manuſkript für Freunde" (1789) dar. Die
hinter den „Fraamenten" ſtehende Erkenntnis-

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