277 Lebensphilojophie --Lebenund Erziehung, Lebenund Shule 278
gen ſeine angebliche mechaniſtiſche Jrreleitung
durch vas Prattiſche geht,“ richtet ſich die auch
ſtark von Nießſche beeinflußte L. von Ludwig
Klages gegen den „Geiſt", der in den Formen
des Willens, der Zwecke, Jmperative, der
Meßbartkeit, aber auch der Berjon und ganz all-
gemein des erfaſjenden Bewußtjeins ſich gegen
Das Leben richte und den Untergang der Seele
Darſtelſle. Was Klage3 im „Geiſt“ bekämpſt, iſt
eigentlich das Chriſtentum. Die Völker des
Chriſtentums jind für ihn die Träger de3 zer-
ſtörenden Fortſchritts von der Seele zum Geiſt
(Menjc< und Erde, 3. erweit. Aufl. 1929, 34),
wenn er auch in einem Atem zugeben muß, daß
die Geburt des Geiſtes ſchon viel ſrüher beginne.
Während der Geiſt ſich in Bildungen ergehe,
deren Kennzeichen Beſtändigkeit iſt, wie die
Perſon, die Dinge und die Jdee der Unſterblich-
keit, lebt die Seele in einer Welt von Bildern
und d. h). für Klages in einer Welt des ewig Ent-
ſtehenden und unwiderruflich Vergehenden.
(ES iſt ganz durchſichtig, daß aljo im Chriſtentum
der Unſterblichkeitösglaube, wie Klages ſich mehr-
ſach ausdrückt, der „Vergeiſtigungsſchwindel'
(Vom ko38mogoniſchen Eros, 2. erweit. Auſl.
1926, 146) befämpft werden ſoll. Wie überall
entſcheidet auch hier die Grundabſicht und ex-
übrigt jede weitere Kritik.
8. Neuerdings gehen ſtarke leben3philoſophiſche
Impulſe neben Bergjon und Niekbſche auch
von dem Dänen Sören Kierkegaard (1813 bis
1855) aus. Mit dem Subjektiven, „ECxiſten-
ziellen" zuſammen wird das Jrrationale dadurch
betont, daß aller auſ Erfahrung beruhenden ver-
nünftigen Erwartung, allem auf Gleichförmig-
keit gründenden Vorblick, damit aber überhaupt
dem Denken die „Entſcheidung“ des Augenblicks
als das Lekte und allein Maßgebliche entgegen-
geſezt wird. War die Zeit als die reale Dauer,
als das eigentliche Weltgeſchehen bei Bergſon
mehr im Sinne des unabhängig von allem Ge-
ſchichtlichen betrachteten elan vital in den Vordex-
grund gerückt, ſo gewinnt nun das Moment des
Hiſtorijchen erhöhte Bedeutung. Troß des ſehr
Poſitiven iſt auch hier die L. ähnlich wie bei
Klages und Bergſon von dem Vorwurf einer
einſeitigen Ausſchaltung, die an die Stelle des
Goethejichen Jdeals der Totalität der Geiſte3-
und Seelenkräſte tritt, nicht ſreizuſprechen.
Literatur. Goethes Naturwiſſenſchaftliche Schriſ=
ten. -- H. Bergſon: Schöpferiſche Entwicklung (deutſch
1921); Zeit und Freiheit (deutſch 1911); Einführung in
die Metaphyſik (deutſch 1912). =- Aus Kierkegaards
zahlreichen Schriften vor allem die „Philoſophiſchen
Brocken“ und die „Abſchließende unwiſſenſchaftliche
Nachſchrift“ (deutſch 1910). -- G. Simmel: Leben8-
anſchauung (1922*). -- IJ. Volkelt: Die Gefühlsgewiß=
heit (1922), -- H. Rickert: Die Philojophie des Lebens
(19222, Kritik). - Weinhandl.
Leben und Erziehung, Leben und Schule. Die
Klage iſt alt, daß die Erziehung neben dem Leben

einhergehe. Daß ſie nicht mit ihrem Wort, ihrer
Weiſe, ihren Veranſtaltungen in die Wirklichkeit
des Lebens hinein Hilfe, Ordnung, Geſtaltung
bringe, daß die Wirklichkeiten des Lebens ihre
anderen Geſeze, Notwendigkeiten und Schaffen3-
kräfte hätten und befolgten. Daher die immer
wieder neu werdende „Erziehungsnot", die Kla-
gen über das Verjagen der Schule (vgl. ſeitens
der Alten Grafs Schülerjahre 1912, ſeitens der
Jungen Blüher38 Wandervogel 1912), die Anläufe
zur Neform oder Revolution, die Anpreiſungen
einer Neupädagogit. Iſt dieje Tragik Schickjal?
Gibt es kein Mittel, die in dem Weſen der beiden
Mächte gegebene Spannung annäherungs3weiſe
zu Überwinden? Grundſäßliche Betrachtung
mag darauf antworten, nicht in dem Sinne, daß
ſie „Löſungen“ reſtlos herbeibringt, ſondern daß
ſie die vorhandene Problematik aufzeigt und
durch Klärung der Bezogenheiten die Stellung-
nahme erleichtert.
1. Löſung3verſuche des Problem3. Die Foxr-
derung der „Lebensnähe“ iſt in ſic) vieldeutig,
weil der Begriff des Lebens ſelber fließend und
verſchieden deutbar iſt. Nimmt man mit der
marxiſtiſchen Geſchicht8philoſophie das Leben
als den geſchichtlich-ökonomiſc Geſellſchaft gliedert und ihre Kultur prägt, fo
wird die Schule -- wie in dem Sowjet-Rußland
Blonskys und Pinkevies (j. Art. „Arbeits8ſchule")
=- ein von dem Geſetz der Arbeit beſtimmter, der
Jugend angepaßter Ableger und Anhängſel der
Induſtrie ; ſie verliert als techmſch-ökonomiſch-
kommuniſtiſche jede Eigenbewegung, und Ziel
der Erziehung wird „die Einführung des Kindes
in die Beherrſchung der modernen induſtriellen
Kultur". Oder die Erziehung bekommt -- wie in
der Schuldoktrin des deutſchen und öſterreichiſchen
MarxiSmus -- die Auſgabe, innerhalb der ge-
gebenen Parteien Stellung zu nehmen und
ſozialiſtiſche Geſinnungspflege zu treiben; das
führt auf eine klaſſenkämpferiſche Ausnutzung
der proletariſchen Gemeinſchaftsſchule. Nimmt
man dagegen das Leben als eine unendliche Auſ-
gabe für die Zukunft, ſo bekommt die Schule den
Beruf, Kulturmittelpunkt zu jem, die Schäden
der gegenwärtigen Geſellſchaft zu überwinden
und eine „beſſere“ Zeit herauſzuführen. Sie iſt
nicht ein Kompromiß zwiſchen Jugend und Le-
ben, nicht ein Gegenſtand methodiſcher Reform,
ſie iſt überhaupt „nicht Unterricht8- und Erzie-
hungsanſtalt, ſondern ſchlechthin die Lebensſtätte
der Jugend, beherrſcht von ihrem ureigenen Le-
bens8gejeß" (W. Pauljen). Jugend und Schule
erſcheinen hier inſelhaft getrennt von dem Ozean
des Lebens, und die „Lebensſerne“, die man ſonſt
der Schulerziehung zum Vorwurf macht, gibt
den Ausgangspunkt des pädagogiſchen Pro-
gramms, das eine neue Welt mit neuen LebenS-
inhalten und eine „werdende Geſellſchaft" mit
reinerem Menſchentum auſzubauen ſtrebt. In

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