295 Lehmann
vollziehen fann, ja vollziehen muß". Darum
ließ L. die verſchiedenen Schultypen als gleich-
vertig und gleichberechtigt gelten, neben das
humaniſtiſche Gymnaſium traten das Fieal-
gymnaſium und die Oberrealſchule. So ſchrieb
L. den für humaniſtiſche Ohren ſo anſtößigen
Saß: „Der Kulturwert ver Antike iſt nur noch
ein Wert unter andern, wenn auch immer noch
einer der höchſten; und dementſprechend ſind die
alten Sprachen und Literaturen nur noc Lehr-
jächer unter andern Fächern". Nicht die Einheit
des Stoffes, ſondern die Einheit des Geiſtes
jollte auſ unſeren Schulen maßgebend ſein:
„Mehr al3 auf der Gleichheit der Lehrſtoſſe beruht
der Charakter nationaler Kultur auf der Ein-
heitlichfeit des Geiſte3, der das gejamte Bildungs- | ü
weſen durchdringt und der ſic) an den ver-
ſchiedenſten Unterrichtsſtoffen und auf ven ver-
jchiedenjten Bildungsſtuſen betätigt". LK. iſt
aber nicht bei den Gedanken über das höhere
Schulweſen, von venen er ausgegangen war,
ſtehen geblieben. Sein Jedal war ein umſaſjendes
Volksbildungsweſen, innerhalb deſſen die ver-
ſchiedenen Schulformen nur Stockwerke und
Gliederungen bedeuteten. Jhm war e3 daher
eine Forderung der jozialen Gerechtigkeit, daß
begabten Volksſchülern der Weg zur höheren
Schule eröſjnet würde. „Wenn nun die Sühne
und Töchter der oberen Stände aus der Volk3-
jchule in Gymnaſien und Realanſtalten über-
gehen und damit den Weg zu den höheren
Lebenöberuſen beſchreiten, jo erſcheint e3 als
eine Forderung der Gerechtigkeit, daß auch
den Kindern de3 Volkes, ſoweit ſie Veranlagung
und Willensfraft im die gleiche Bahn weiſen,
dieſe nicht verſperrt bleiben darf“. Die Lehrex-
bildung wollte L. ſür alle Lehrer, jowohl ſür
die Lehrer an den höheren wie an den Volks-
ſchulen, auf die Univerſität gelegt ſehen, damit
ſie dort gemeinſam in die wiſſenſchaſtliche und
praktiſche Pädagogik eingeführt würden, und
zwar vor dem Fachſtudium. Ciner völligen
Uniformierung, die alle Lehrer erſt in der Grund-
ſchule anfangen läßt, hat ſich L. widerſeßt, aber
voch einen einheitlichen Lehrerſtand geſordert,
der auf gemeinſamer Grundlage ſich gliedert
und abſtuſt.
7. 2.3 Bedeutung. Ju dem Lebenöwerk NR. L.3
ſpiegelt ſich die moderne pädagogiſche Proble-
matik, für deren Löſung L. bedeutſame Finger-
zeige gegeben hat. Er hat einer philoſophiſchen
Begründung der Pädagogik das Wort geredet,
durch die die Pädagogik aus der Enge techniſcher
Anweiſungen ſich zu einer wirklichen Kultur-
philoſophie zu weiten begann. Er hat ven Wert
der Geſchichte und der Pſychologie ſür die Väd-
agogif gekannt und betont, aber ex hat beiden
auch klare Grenzen gejeßt und damit dem Hiſto-
riSmus8 und dem PſychologiSmus in der Päd-
agogit gewehrt. Er hat eine moderne Phäno-

- RYehyrer 296
menvlogie de8 Lehrers gegeben und auf ihrer
Grundlage das Berufsetho8 des Lehrers ge-
ſtärkt. Ex hat in der Methodii die modernen
Prinzipien der Freiheit, des Vertrauens und der
Selbſtändigkeit vertreten. Er hat nicht zulett
die Prinzipien der Einheit und der Diſſeren-
zierung im Bildungsweſjen jorgfältig gegenein-
ander abgewogen und damit im ganzen eine
Richtung eingeſchlagen, die die beſonnen ſort-
jchrittliche Pädagogik der Gegenwart im weſent-
lichen einhält.
Literatur. Eigene Schriften L.3: Der dentſche
Unterricht (19093); Überſicht über die deutſche Sprache
und Literatur (19211); Erziehung undUnterricht (1912?);
Lehrbuch der philoſophiſchen Propädeutik (19218);
Wege und Ziele der philoſophiſchen Propädeutik (1905);
ber die gegenwärtige Entwickelung unſerer höheren
Sculen (1907); Deutiche Boetik (1917*?); Die deutſchen
Klajſiker (1921); Die pädagogiſche Bewegung der Gegen-
wart, 2 Bd. (1922-23). - W. Richter: R. Lehmanns8
Anſicht über den Neuherbartiani8mus (1910). -- Kurt
Kejſeler: Pädagogijche Charakterköpfe (1929*), -=-
Vgl. auch die Nachrufe in faſt allen pädagogiſchen Zeit-
ſchriften d. Jahres 1927. Keſjeler,
Lehrbuch ]. Lehr- und Lernmittel.
Lehren j. Lernen uſw.
Lehrer. 1. Die Auſgabe des Lehrers.
2. Die Lehrerperſönlichkeit. 3. Die
geiſtige Ausrüſtung des Lehrers.
(83 iſt nicht beabſichtigt, hier die beruſlichen
Verhältniſſe des L.5 nach jeiten der Vorbildung,
der jchuldienſtlichen Verwendung, der amtlichen
Stellung, der ſozialen Geltung u. dgl. zu
erörtern. Soweit dieſe Dinge in einem pädago-
giſchen Werf Berückſichtigung finden müſſen,
werden ſie in andern Zuſammenhängen be=-
ſprochen. An dieſer Stelle kann e3 ſich nur darum
handeln, die pädagogiſche Auſgabe des L.8 und
die Bedingungen ihrer Erfüllung, ſoweit ſie den
L. ſelbſt, ſeine Verſönlichkeit und ſeine geiſtige
Ausrüſtung betreffen, kurz zu umſchreiben. Es
wird unvermeidlich jein, daß dabei eine Art
Tdealbild herausfommt; anders läßt ſich über
einen jol ſtens hätte es anders8 keinen rechten Sinn. Der
ewige Abſtand zwiſchen Jdeal und Wirklichkeit
bleibt dabei unvergeſſen; er drängt ſich jedem
von ſelbſt auſ und wird von denen am tieſſten
empfunden, denen das Jdeal am ſtrengſten
und flarſten vor der Seele ſteht.
1. Die Aufgabe des Lehrer35. Der Saß, daß
der L. nicht nur zu unterrichten, ſondern
auch zu erziehen habe, iſt befannt. Es
liegt ihm ein Begriff der Erziehung zugrunde,
der nur auf die ſittliche oder ſittlich-religiöſe
Entwicklung der Jugend zielt, und em Begriff
Des Unterrichts, der dieſem (abgeſehen von der
Vermittlung der notwendigen „Fertigkeiten")
nur die Aufgabe der Wiſjensvermittlung zuweiſt,
nicht aber die der religivs-ſittlichen Bildung,

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