347
tümlich iſt ihm, daß ex ins einzelne geht und im
weſentlichen ſich mur auf eine eimzige Schule
bezieht oder doch nur auf eine Gruppe ſolcher,
die äußerlich und innerlich gleich ſind. Im fol-
genden wird der Begriff Lehrplan im engeren
Sinne geſaßt.
2. Geſchichtliches. Ausführliche Lehrpläne von
bewußter Eigenart oder Theorien darüber ſind
der älteren Zeit fremd. Das Bildungsgut hat in
der Überlieferung eine gewiſſe Starrheit an-
genommen und wird allgemein anerkannt; die
GCinfachheit und Abrundung des Stoſſes und die
das Ganze tragende einheitliche Weltanjchauung
ſchließen Spannungen aus; pſychologiſche Er-
wägungen greiſen noch nicht ein. Comenius iſt
der erſte, der in ſeiner Didactica magna (1657
eine Theorie ves Lehrplans aufgeſtellt hat, ſofern
er von einem klaren Bildungsziel ausgeht, die
Stofſſe von diejem Geſichtspunkt aus prüſt, die
Zeit und die Methode nach vem Vorbild der
Natur beſtimmt. Rouſſeau weiß ſich in dem
Cmil (1762) frei von allen Feſſeln der Über-
lieferung, ſtellt aber in der Beachtung der Natur
des Kindes eine Bindung auf, der man ſich ganz
nie wieder entziehen konnte. Peſtalozzi hat das
tieſſte Gefühl daſür, was ein Lehrplan jein ſoll,
nicht eine Summe beliebiger Teile, jondern ein
lebendiger OrganiSmus, der an die natürlichen
Anlagen des Kindes anknüpft und jeine Kräfte
entwidelt; daß der Verſuch, in der Schrift „Wie
Gertrud ihre Kinder lehrt" (1801) einen Lehr-
plan theoretiſch zu entwikeln, nicht glückte, lag
in den Schranken feiner Begabung begründet.
Das 19. Jahrhundert iſt in ſteigendem Maße die
Zeit der Lehrplanarbeiten geworden. Die erſten
Verſuche liegen auf dem Gebiet der Volksſchule
und ſind durch die Namen Herbart und Ziller ge-
kennzeichnet. Daß gerade die Volksſchule das
Feld war, vas zuerſt in Angriff genommen wurde,
iſt nicht zufällig. Die höhere Schule in der Form
des alten Gymnaſiums konnte ſolange in einer
gewiſſen Nuhe verharren, als die beiden alten
Sprachen nach Zeit und Jnhalt jo ſehr die Schul-
arbeit bejtimmten, daß dagegen die anderen
Fächer nur eine dienende Rolle ſpielten. Hierher
gehören die Lehrpläne von Süvern 1812,
Thierſch 1829, Joh. Schulze 1837 und Wieje
1896. In der Volksſchule dagegen ſal) man ſich
9 oder 10 Fächern gegenübergeſtellt, die be-
ziehungs5los gleichſam wie die Stangen eines
Zaunes nebeneinander ſtanden. Dazu kam die
Kürze der zur Verſügung ſtehenden Zeit. Alles
Drängte zu dem Verſuch, durc< Verbeſſerung des
Lehrplans der Schwierigkeiten Herr zu werden.
Es fann zugegeben werden, daß LZillers Theorie
von den kulturhiſtoriſchen Stufen wiſſenſchaftlich
unhaltbar iſt und daß die Art, wie er die Kon-
zentration durchſührte, einzelnen Fächern Gewalt
antat (vgl. die Art. „Ziller“ und „Konzentration“).
Aber es wird ſtet8 als ein Verdienſt Zillers und
Lehrplan

948
ſeiner Schüler Rein, Dürpfeld u. a. anerkannt
werden müſſen, daß man das Problem in ſeiner
ganzen Tiefe erfannte, von der Bildungsaufgabe
ausging, die Dinge pſychologiſch durchdachte,
die Fächer zu Gruppen zuſammenſchloß, ein-
zelnen Fächern die Führung Übertrug, die an-
deren ablehnte, kurz aus dem Nebeneinander eim
In- und Mitemander machte. Auf dem Gebiet
Der hüheren Schule begann die Unruhe, als mit
der Wandlung der allgemeinen Weltanſchauung
die Naturwiſſenſchaften, die Mathematik und die
neueren Fremdſprachen in dem Gefüge des Lehr-
plans einen größeren Plaß beanjprüchten und
nach mancherlei Kämpfen auch erhielten. All-
mählich bilden ſich die drei Formen des Gym-
) | naſiums, des Realgymnaſiums und der Ober-
realſchule heraus. Daß 1892 im Anſchluß an die
Schulkonſerenz in Berlin 1890 das Deutſche als
Mittelpunkt des geſamten Unterrichts erklärt
wurde, bedingte eine innere Umſormung der
Lehrpläne. Die vielfachen Verſuche, zu einer
befriedigenden Löſung zu gelangen, werden
durch die preußiſchen Richtlinien 1925 abge-
Ichloſjen. Sie betonen nachdrücklich, daß die
Lehraufgaben nicht vom Einzelfach aus, ſondern
von den für alle Bildungsarbeit maßgebenden
allgemeinen Grundſäßen Ziel und Richtung er-
halten. Als entſcheidend ſür den Erfolg wird die
Arbeit8gemeinſchaft der Lehrer geſordert. Sie
ſtellt auf Grund der Richtlinien den Anſtalt3-
lehrplan auſ, der neben vem Typus der Schule
die beſondere kulturelle Lage der Landſchaft, die
Cigenart der Bevölkerung, die konſeſſionellen
Verhältnijje und die Bildungsmöglichkeiten des
Ortes berüdſichtigt. Neu iſt die Forderung eines
auſ Grund des Anſtaltsplanes jährlich neu auſ-
zuſtellenden JahreSplanes, der auf die beſonderen
Begabungen der Lehrer, die verſchiedenen Jntexr-
eſſenrichtungen und die Leiſtungsfähigkeit der
einzelnen Schülerjahrgänge Rückſicht nimmt,
einen angemeſjenen Wechſel im die Lehrauſgaben
bringt und dadurch der Geſahr der Einſeitigkeit
und Erſtarrung vorbeugt. Jm einzelnen ent-
halten die preußiſchen Richtlinien ſür alle Fächer
eine Fülle wertvoller Winke ſür die Lehrplan-
arbeit. Gigentümlich iſt ihnen ſchließlich, daß die
Gabelung in zwei oder mehr Fachgruppen auf
der Oberjtuſe grundjäßlich preisgegeben iſt,
während dieſe Form in den Unterricht8ordnungen
anderer deutſcher Länder als wertvoll empfohlen
wird. -- Für die Fachſchulen und techniſchen
Hochjhulen war von vornherein Auswahl und
Verbindung der Stoſſe gegeben. Sie erfreuen
ſich deShalb vön jeher eingehender Studienpläne.
Ob und in welchem Umſang an den Univerſitäten
ſeſte Studienordnungen einzuführen ſind, iſt
ſtrittig, da es ſich hier um das Problem handelt,
Die niemals preiSzugebende Freiheit mit einem
organiſchen Fortſchritt der Studierenden in Ein-
tlang zu bringen.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.