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Begehren, wenn es berechtigt iſt, ſoll, wenn
irgend möglich, befriedigt werden, aber das
alles in den gebotenen Grenzen und nicht über
das natürliche Bedürfnis hinaus. Sonſt wird
das aus der Befriedigung erwachſende Luſt-
gefühl zu ſtark und trägt dazu bei, daß wieder
ein Begehren entſteht, und zwar ein verſtärktes.
Dann kommt es allmählich dahin: „Je mehr
er hat, je mehr er will, nie ſchweigen ſeine
Wünſche ſtill", oder: „So taumle ich von Be-
gierde zum Genuß und im Genuß verſchmacht
ich nach Begierde." Befriedigung in den ge-
botenen Grenzen, den natürlichen Bedürfniſſen
entjprechend! Damit iſt aber vor allem Cin-
ſachheit und Beſcheidenheit in der LebenSs-
weiſe geſorvert, auch für die Kinder und gerade
jür ſie. Dieſe Mahnung iſt zwar ſehr alt, aber
jie wird viel zu wenig gehört und noch weniger
befolgt. Kaum war die Ernährungsnot der
Kriegs8- und InſlationsSzeit vorüber, haben alle
Bevölkerungskreiſe, die ſogenannten Armen
nicht ausgejchloſjen, wieder angefangen, nicht
nur über ihre Verhältniſje, ſondern auch über
ihre Bedürfniſſe zu leben, und ſie tun das zum
Teil auch weiter. Die Jugend iſt dabei beſpnder3
gefährdet. Denn ſie braucht vor allem auch in
diejer Beziehung das Vorbild. Wo aber find
heute die Erwachſenen, die Männer und
Frauen, die Eltern, die Lehrer und Erzieher,
die den Mut haben, der ihnen anvertrauten
zugend auch in der Einfachheit der Leben3-
haltung ein gutes Beiſpiel zu geben? Denn
Mut gehört heute dazu. Man braucht
nur an die Answüchſe der Mode, beſonders
Der Kleidermode, zu denken. Wer wagt ihnen
zu wehren? Wer wagt es auch mun, ſich jelbſt
ihnen zu entziehen? Aber das Vorbild hilft
allein auch nicht. Auch Gewöhnung und Auf-
ſicht müſſen das Jhre tun. Denn ganz ohne
Autorität wird es auch heute und in Zukunft
nicht gehen. Äußerer Zwang tut es nicht.
Ter jetzt allgemein oder doch weithin hexrr-
Ichenden Geſmmung, an der die Leidenſchaft
den fruchtbarſten Nährboden findet, muß der
Kampf gelten. Innere Umkehr tut not. Vor
allem muß unjer Volk in allen ſeinen
Schichten wieder arbeiten lernen und arbeiten
wollen. Wir dürfen und müſſen mit beiden
Füßen auf der Erde ſtehen, dürfen uns des
Lebens und der Welt freuen, aber die Welt
darſ nicht uns, wir müſſen ſie beherrſchen, nicht
nur die Welt um uns -- darin haben wir es
ja ſchon herrlich weit gebracht --, ſondern auch
die Welt in uns, d. h). unſere Triebe, Begierden
und Leidenſchaften. Jn dieſer Beziehung haben
wir alle noch große Aufgaben, beſonders aber
hat ſie die Erziehung. Zwar muß darin das
Cliernhaus das meiſte und beſte tun, aber auch
die Schule darf dieje Aufgaben nicht leicht
nehmen. Das Ziel, zu dem die werdende Per-
Leidenj
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jönlichkeit des Kindes geführt werden muß, iſt
die ſittliche Freiheit. Dieſe aber ſchließt die
Pflicht zur Selbſtzucht in ſich. Zucht und Zwang,
die einſt als der rechte Weg zur Freiheit galten,
werden heute immer mehr abgelehnt. Die ernſte
Frage iſt, ob die Freiheit der Selbſtzucht erreicht
werden fann, wenn niht mehr der Zwang
den Weg dazu bereitet, nicht dex Zwang um
jeiner ſelbſt willen, ſondern eben um der Frei-
heit willen. Denn Dieſe muß allerdings immer
jein Zwe ſein. Nur freie Menſchen können
jich jelbſt beſtimmen. Nur im eigenen Herzen
tann die Kraft liegen, die den Fluten ver
Leidenſchaſt erſolgreich wehrt. Nur der eigene
Wille fann ſie überwinden oder vielmehr ihr
vorbeugen, jolange es nod) Zeit iſt. Willens-
bildung iſt de3halb auch hier die Aufgabe, aber
jo, daß der Wille nicht nur ſtark werde, ſondern
auch auf das Gute gerichtet ſei. Gute Gedanken
und ein reines Herz: daß wir der Jugend, ſo-
weit uns das möglich iſt, dazu verhelfen, daß
wir dazu den Grund legen, darauf hat ſie ein
Recht. Ob fie im Kampfe gegen die Leidenſchaft,
der keinem im Leben erſpart bleibt, beſteht,
und ob ſie in dieſem Kampfe den Sieg behält,
das iſt ihre Sache, aber ein gut Teil der Ver-
antwortung fällt dabei auch der Erziehung zu.
Schulz (Königsberg).
Leiſtung. L. iſt eine in beſtimmter Abſicht herbei-
geführte Wirkung, wobei ſich die in den Wirkungs-
zujammenhang hineingeſtellte Perſönlichkeit als
Urſache dieſer Wirkung auffaßt und darum ſich
dieje L. zurechnet als ihre L. und eventuell daran
ihre Leiſtungsfähigkeit beurteilt oder gar mißt.
Zwar wendet man den Begriff L. auch auf Ma-
jehinen an, wobei einerſeits der Begriff L. zu
vem der Arbeit verengert, andererſeits aber wohl
die Majchine etwas vermenſchlicht aufgefaßt
wird. Bei der menſchlichen Betätigung fällt auch
das Spiel unter die L. Auch das iſt zunächſt
gleichgültig, auf welchem Gebiet menſchlicher
Betätigung die abſichtlich herbeigeführte Wirkung
eintritt und ob der Wille dazu mittelbar oder
unmittelbar angeregt wird. So kann das Kind
beim Spielen mit Bauſteinen ſelbſt auf die Ab-
jicht verfallen, möglichſt viel aufeinander zu
türmen, ohne daß ſie umfallen, und wird das
Gelungene als ſeine Leiſtung auffaſſen und ſich
ſreuen Über ſeine Leiſtungsfähigkeit, aber e3
kann auch autoritativ eine Aufgabe übernehmen
und faßt dann doch das ſo Vollbrachte als ſeine
L. auf. Für die jubjekiive Auſſaſſung der L.
kommt neben der Abſicht aber auch noch in Be-
tracht, ob dabei ein gewiſſer Widerſtand zu über-
winden iſt. Die Größe der L. wird wenigſtens
in der ſubjektiven Beurteilung an der Größe
Dieje3 Widerſtandes gemeſſen, und ſolche Be-
tätigungen, die durch häufige Wiederholung ſo
geläufig geworden ſind, daß dieſer Widerſtand
kaum merklich iſt, verlieren in der jubjektiven Be-

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