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leben, eine Lebenserſahrung etwas „lehrt“,
doch gleichfalls geiſtige Werte der Seele Über-
mittelt oder in ihr wachgerufen werden. Sonſt
würde man hier nicht von einem „Lehren“
ſprechen. Damit gewinnt dann ſreilich der um-
Jaſſende Gebrauch des Wortes einen tiefen
Sinn, der ihm ſein gutes Recht gibt und uns
mahnt, auch hinſichtlich der Quellen und Kräfte
des Lehrens den Begriſſ nicht enger zu nehinen,
als die Spiache ihn nimmt und es der Wirk-
lichkeit entſpricht. Schwart.
Lernſchule |. Lernen uſw.
Leſebuch. 1. Vorgeſchichte bis ca. 1770. 2.
Die Zeit bis ca. 1900. 3. Die neueſte Zeit.
Jm Jahre 1776 ſchloß Nochow den Vorbericht
zum Kinderſreund mit dem Sake: „Übrigens hat
der Verſajſjer geglaubt, daß dieſes Buch ſolange,
bis ein beſſeres da iſt, geſchi>t ſei, die große Lücke
zwiſchen Fibel und Bibel auszufüllen.“ Sein
Zeitalter hatte alſo das Bewußtſein, daß zwiſchen
Fibel und Bibel eine Lücke klaffe. Das war neu;
Jahrhunderte hindurch hatte man nichts davon
gemerkt. Wir treſſen damit auf den erſten ent-
jeheidenden Punkt in ver Geſchichte des Leſe-
buches. Jm Jahre 1921 begann Fronemann eine
Broſchüre: „Das alte Schulleſebuch iſt tot."
Mag diejer Saß auch kritikbedürſtig jein, er be-
weiſt, daß das Lejebuchprinzip auch in Frage ge-
ſtellt werden kann, und damit iſt die zweite ent-
jcheidende Stelle gewonnen. Eine Darſtellung
der Geſchichte unſeres Gegenſtandes kann dem-
nach in drei Abſchnitte gegliedert werden: 1, Die
Vorgeſchichte bis etwa 1770. 2. Die Zeit
Der Herrſchaft des Leſebuche3 bis etwa
1900. 3. Die neueſte Zeit. Den beiden Wen-
depuntten ijt bejondere Sorgſalt zuzuwenden.
1. Vorgeſchichte bis ca. 1770. Vom 15, bis zum
18. Jahrhundert ſtanden dem Leſeunterricht als
Hilfsmittel das Abe-Bu) und die Bibel zur Ver-
fügung. Erſteres diente dem Leſenlernen und
praktiſchen Übungen für das Leben. Als Bei-
ſpiel für den Grundbeſtand desſelben mag die
„Teutjche Kindertafel“ von 1534 dienen. Sie
umfaßte 16 Seiten KFlemottav und enthielt das
Abe in großer und fleiner Fraktur, 81 ein-
zeilige Säße, meiſt je vier mit gleichen An-
ſangsbuchſtaben in der Reihenfolge des Alpha-
betes8, und den „Anſang des chriſtlichen Lebens",
das ſind die zehn Gebote, die Artikel, das
Vaterunſer, die Einſezungsöworte der Sakra-
mente, Morgen- und Abendſegen, Benedicite
und Gratias. Dieſer Grundbeſtand behauptete
ſich während der ganzen Zeit, wenn auch nicht
in ſtarrer Form. Die KatechisSmusſtü>e wurden
oft in Neimpaare gebracht:
Du jſolt glauben an einen got.
Swer nit, das iſt ſein gepot.
Bald kamen auch Bilder hinzu, zuerſt als JUlu-
ſtration zu den Buchſtaben, oft in ſpieleriſcher
Lernen und Lehren -- Leſebuch

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Weije, wie 1650 in Bunos neueingerichtetem
Abe- und Leſebuch. Andere Beigaben waren die
Briefſormen, Anreden u. dgl. Seit dem 17.
Jahrhundert ſchuf man Bücher in Schreibſchrift,
auch in ſchlechter, um im Handſchriftenleen zu
üben. Auch weltliche Reime fanden ſich ein, be-
jonders als Abe-Säße. Sie waren ſeltſamerweiſe
oft zweideutiger Art, ſo daß Mahnungen nol-
wendig wurden, nichts Unanſtändiges in die
Schulbücher aufzunehmen, häufiger jedoch ge-
j Im Leſebuch Jean Pauls ſtand 3. B. beim N fol-
gender Vers:
Die Kloſternonne will tun Buß,
Ein Nagelbohr man haben muß.
Erſt Ch. F. Weiße hat 1772 ſeinem neuen Abe-
Buch die verfeinerte Form des Cpigramms
dienſtbar gemacht, wie in dem A-Reim:
Der Aff ahmt blindlings nach, und er wird lächerlich.
Biſt du dem Affen gleich, ſo lacht man über dich.
Etwa zur gleichen Zeit ſchuf Claudius ſeine
Ichönen Abe-Verſe. Em letzter Beſtandteil waren
die „Schulzuchten“. Sie entſtammten dem Zeit-
alter St. Grobiani; aber neu war ihre Aufnahme
ins Abe-Buch im 17. Jahrhundert. Noch 1782
enthalten die Dillinger „Le8übungen" einen Ab-
jc Richtſchnur der guten Sitten. Die Verſe ſind
ſorgfältig in Paragraphen geordnet und wohl zu
lejen, wie etwa folgender:
Wenn man jich ſchneuzen muß, wie macht man'8? --
Nicht poſaunen,
Daß andre von dem Ton erſchreken und erſtaunen. --
Aber alle dieſe Übungen waren nur Vorſtufen,
Für das weitere Leſen brauchte man größere
Stoffe, und die lieferte die Bibel. Bei ihrer Ver-
wendung handelte es fich aber keineSwegs nur
um ein techmſches Hilfsmittel in Ermangelung
eines andern. Sie war vielmehr das Buch der
Zeit, und letztes Ziel des Unterrichtes war, in
ihr heimiſch zu machen. Jhr Gehalt bildete
ganz im Sinne Luthers die einheitliche geiſtige
Atmoſphäre für das geſamte Leben.
Dieſe Lage änderte ſich im 18. Jahrhundert
von Grund auf im Zuſammenhang mit der durc)
Bacon und Locke im 17. Jahrhundert theoretiſch
eingeleiteten und ſeit Anfang des 18. Jahrhun-
Dert3 als treibende Kraft im geſamten Leben zu
ivirken beginnenden Wendung der Kultur vom
Jenſeits zum Diesſeit8. Mit der Kultur wan=-
delten ſich auch deren Träger; die Vorherrſchaft
ging von der Kirche auf den Staat über, und
dieſer ſchidte ſich an, von ſich aus in friſchem
Schwunge und oft innaivem Vertrauen aufſeine
Sache die Völker mit allen Mitteln zu klarer
Crkenntnis und praktiſcher Lebenstüchtigkeit zu
ſühren. Da trat auf einmal als etwas völlio
Neues das Bewußtſein auf, daß die Reihe det
Schulbücher eime Lücke habe. Man brauchte ein
Buch, in dem dieſe weltlichen Mächte zu Worte

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