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ginne man mit Franzöſiſch und zwar ſrüh, da
dann die Sprechwerkzeuge noch geſchmeidig ſind.
Der rechte Weg iſt Lernen durch Sprechen und
Hören. In derſelben Weiſe iſt Latein zu be-
treiben ohne viel Grammatik; man ſpreche über
Dinge der Natur und Vorgänge der Geſchichte.
So wird das doppelte Ziel erreicht: Fähigkeit, die
lateiniſchen Klaſſiker zu lejen, umd Boroicherung
der Kenntniſſe. Grammatik bleibe den Gelehrten
von Beruſ; Verſemachen iſt Unvernunft. Von
den Klaſſikern wird beſonders Cicero „Über die
Pſlichten" genannt. Erdkunde möge mit Globus
und Karte betrieben werden, Geometrie nach
Guklid, Geſchichte an der Hand der lateiniſchen
Klaſſiker, Phyſik nach Newton, Philoſophie nach
Carteſius, Metaphyſif nach der Bibel. Griechiſch
fann den Gelehrten überlaſjen bleiben. Dagegen
iſt Unwijſjenheit in den Landes8geſezen unziem-
lich. Stets iſt zu bedenken, daß der Zögling ſeine
Mutterſprache gut ſprechen und ſchreiben lernt
und vor dem Fehler bewahrt bleibt, ſie als die
Sprache des ungelehrten Pöbels zu verachten. --
Tanzen, Reiten und Fechten muß ein junger
Mann von Stand eiſrig betreiben, ebenſo aber
auch ein Handwerk zur Erholung erlernen.
Kaufmännijches Rechnen und Buchſührung ſind
notwendig, nicht um ein Vermögen zu erwerben,
jondern um es anſtändig zu verwalten. Reiſen
können ſür die Bildung von großem Nußen ſein,
aber nicht in der Zeit vom 16. bis zum 21. Jahre:
da kann der Jüngling Schaden an Leib und Seele
nehmen. Nichtiger iſt es, den Zögling mit ſeinem
Hofmeiſter in der Zeit vom 7. bis zum 14. oder
16. Lebensjahre Reiſen machen zu laſſen, da ex
dann aufnahmeſähig und ungefährdet ift, oder ſie
jolange hinauszuſchieben, bis der Zögling ein ge-
feſtigter Mann geworden iſt.
4. Bedeutung. L. iſt der Begründer der Auf-
klärung im England. Was ſpäter dieſe Geiſtes-
richtung beſonders kennzeichnet, iſt in ſeinen
Schriften klar vorgebildet: die Vernunft als
Prinzip der Lebensgeſtaltung, das Gefühl der
Verantwortung für das allgemeine Wohl, die
Zuverſicht auf einen ſicheren Aufſtieg der Menſch-
heit zu Glück und Würde. Seine politiſchen Ge-
danken hat MonteSquieu zum Gemeingut von
Curopa gemacht, ſeine religiöſen Jdeen wuchſen
ſich zu der „natürlichen Theologie“ aus, ſeime
volfswirtſchaftlichen Vorſchläge hat Adam Smith)
ausgebaut, in der Pädagogik iſt er der Begründer
der rationellen, natürlichen Erziehung. -- Von
Vorgängern L.3 in pädagogiſcher Beziehung läßt
ſich nur in beſchränktem Sinne reden; er iſt von
Montaigne angeregt worden (vgl. den Art. „M.“),
Ratke und Comenius ſcheint er kaum beachtet zu
haben, eher ſchon Fenelons „Über Mädchen-
erziehung" 1687. Die „Gedanken über Erzie-
hung“ fanden in England und Frankreich außer-
prdentlichen Beiſall, bis ſie durch Rouſſeaus
Cmil eine Zeitlang in den Schatten geſtellt
Pädagogiſches Lexikon. 11.
Lode -- Logik

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wurden. Zweiſellos beſtehen zwiſchen L. und
Roujſeau ſtarke Unterſchiede, ſofern dieſer 3. B.
die Kultur und den nationalen Gedanken ver-
wirft, die elterliche Erziehung geringſchäßt, den
Nüßlichkeitsſtandpunkt ſtärker betont, das Chr-
gefühl nicht berücfichtigt und für die Erwerbung
des Sachwiſſens ganz neue Wege eröffnet. Im
ganzen aber iſt der „Emil ohne L. kaum zu
denken“ (Sallwürt S. 69). Jm übrigen muß auf
den Art. „Nouſſeau“ verwieſen werden. ---
Bei einer Würdigung der pädagogiſchen An-
ſichten L.8 iſt ſtets zu beachten, daß er am Schluß
der „Gedanken über Erziehung“ ausdrücklich be-
tont, er habe nur einen ganz jungen Edelmann
im Auge; nicht zwei Kinder könnten gleich be-
handelt werden, und nur Anregung zu eigenem
vernünftigen Verſuch habe er geben wollen.
Die Verkennung des Wertes der Erziehung in der
öffentlichen Schule, die Unterſchäzung der Gei-
ſteswiſſenſchaften und die ſchwache Betonung der
religiös-ſittlichen Mächte erklärt ſich aus der Zeit,
in der er lebte. Von bleibendem Wert iſt aber,
daß er auf naturgemäße Entwicklung des Kindes
dringt, einer vernünftigen Kürperpflege das
Wort redet, die Macht der guten Gewöhnung be-
achtet, Chrgefühl und Verantwortlichkeitsſinn
heranzieht und die überragende Bedeutung der
Charakterbildung betont. Das engliſche Er-
ziehungsideal des Gentleman hat ſeine Wurzeln
in John L.s „Gedanken über Erziehung“.
Literatur. Über L. als Philoſophen die Dar-
ſtellungen der Geſchichte der Philoſophie, beſonders
K. Fiſcher: Francis Bacon und ſein Nachfolger (1875*);
zuſammenfaſſend Überweg: Grundriß der Geſchichte
der Philoſophie, 111 (19241?), wo auch die vollſtändige
Literatur angegeben iſt. =- Über L. als Pädagogen:
Raumer: Geſchichte der Pädagogit, 1 (1843). --
K. Schmidt: Geſchichte der Pädagogikf, 1I1l (1883). --
G. Schmid: Geſchichte der Crziehung, 111 (1903). ---
v. Sallwürk: John Lockes „Gedanken über Erziehung“
eingeleitet, überſeßt und erflärt (18972), -- Schärer:
John Locke (1860). =-- Doſt: Die Pädagogik L.8(1877).--
Derſelbe: Die Didaktik der neueren Pädagogen Cng=
lands im Zuſammenhang mit der Unterrichtstheorie
Lockes (Programm des Gymnaſiums Plauen, 1884). --
Gitſchmann: Die Pädagogik des J. L., hiſtoriſch und
pſychvlogiſch beleuchtet (1881). =- Fechtner: IJ. L.38
Gedanken über Erziehung dargeſtellt und gewürdigt
(1894). -- Grau.
Logit. 1. Abgrenzung des Gebiets der
Logifund Richtungen derſelben. 2. Über-
bli über das Gebietder Logikim engeren
Sinne. 3. Zur Geſchichte der Logik.
1. Abgrenzung de3 Gebiets der Lyogit und
Richtlinien derſelben. Man kann die Logik als
Lehre vom richtigen Denken definieren. Sie iſt
dann ein Gegenſtüc> zur Ethif, der Lehre vom
richtigen Handeln bzw. Wollen. Wenn man die
Logik als Lehre vom Denken überhaupt auſ-
ſaßt, ſo verwiſcht man die Grenze zwiſchen ihr
und ver Pſychologie. Denn dieſe hat es auch
mit den Denkvorgängen zu tun jo gut wie mit
anderen pfychiſchen Vorgängen. Beide Wiſſen-
16

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