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haben mit dem Ziele, zwar nicht jedem das
Gleiche, aber jedem das Seine zu geben.
Literatur: Genaue Auskunft über alle mit deim
2. Sch. zujammenhängenden Fragen erteilt die Schrift:
Sickinger: Arbeitöunterricht, Ginheitsſchule, Mami
heimer Schulſyſtem im Lichte der NReichsverfaſſung
(1920). Crgänzende Veröfſentlichungen von demſelben
Verfaſſer: Zur Geſchichte der Förderklaſſen -“- 25 Jahre
M. Sch. (1926), und: 50 Jahre Bad. Simultanſchule
(1926). -- Handivörterbuch der Kommunalwiſſenſchaften,
Ergänzungsband H--Z (1927). -- Stofkexr.
Manuelle Betätigung |. Handbetätigung.
Maſchinenbayſchnlen j. Fachſchulweſen und das
Bildungsweſen der Länder.
Materiale Bildung |. Bildung.
Materialismus, i. Die Theſen des Mate-
rialismus. 2. Geſchichtliches. 3. Beweiſe
für den MaterialiSmus. 4. Beweiſe gegen
Den MaierialiSmus. 5. Gibtes überhaupt
Materie?
1. Die Theſen des Materiali8mys. Der Ma-
terialiamus iſt die primitivſte aller Metaphy-
fiken. Gr entſpricht auf metaphyſiſchem Ge-
biet ungefähr dem, was der naive Reali8mus
auf erkenntnistheoretiſchem Gebiet bedeutet.
Dennoch haſtet ver materialiſtiſchen Hypotheſe
in ihrer modernen Vortragsſorm ein gewiſſer
Überzeugungswert inne, der uns zwingt, ſie
genau zu prüfen.
Erſte Theje: Alles Seiende iſt in Wahr-
heit körperlicher, ſtofflicher Natur. Die Welt
beſteht aus Stofſ, der aus8gedehnt, undurchdring-
lich und ungeiſtig iſt; eine ſtarre Maſſe, an der
ſich miſche Kräfte betätigen. So kann der Urſtoff
oder Weltſtoff, der aus Atomen beſteht, die durch
Druck und Stoß bewegt werden, mannigfaltige
Formen und Zuſtände annehmen. Wir nennen
dieje Lehre vom kraſtbegabten Weltſtoff ko8mo-
logiſchen Materialismus.
Zweite Theje: Auch alles Seeliſche und
Geiſtige iſt körperlicher Natur, bzw. die pſy-
chiſchen Vorgänge müſſen auf phyſiſche zurück-
geführt werden. Wir nennen dieſe Lehre den
pjychologiſchen Materiali8Smus. Zu unter-
Ieheiden ſind hier drei Untertheſen, die oſt
miteinander verwechſelt oder nicht genau aus-
einander gehalten werden: a) der Geiſt iſt Ma-
teric oder ſeiner Stoff (griech. w»edus), b) der
Geiſt iſt ein Produkt der Materie, ce) der Geiſt
iſt eine Funktion der Materie. (Es ergeben ſich
jo gröbere oder feinere Formen des pſycholo-
giſchen MaterialiSmus, die oſt miteinander in
unklarer Vermiſchung erſcheinen, denen aber
allen die gemeinſame Theſe zugrunde liegt, daß
der Geiſt oder die Seele nichts Selbſtändiges im
Weltzujammenhang jei. Der Hauptſaß des
modernen Materialismus iſt die Untertheſe 2:
Ter Geiſt iſt Produkt oder eine Art AuSicheidung
Mannheimer Schulſyſtem -- Materialismus

Dd12
der Materie, ein an ihr erſcheinendes ſekundäres
Weltprinzip.
2. Geſchichtliches. Die Geſchichte des Materialis-
mus iſt kulturhiſtoriſch hoch intereſſant. Dreimal
in der abendländiſchen Geiſtesgeſchichte hat die
materialiſtiſche Hypotheſe günſtige Entwicklungs-
bedingungen gefunden, nämlich jede3mal, wenn
die Naturwiſſenſj genommen hatten und ſchlagende Argumente
geliefert zu haben ſchienen zur Überwindung und
Zerſtörung der entgegengeſeßten, nämlich der
ſpiritualiſtiſchen Weltanſicht.
a) Der MaterialiSmus der Antike. In
der ganzen vorſokratiſchen Philoſophie findet ſich
materialiſtijche8 Denken. Die jonijchen Natur-
philoſophen juchen den Urſtoff zu beſtimmen.
Auch der Geiſt wird als ein beſonders feiner,
feurig aufflammender Weltenbrandſtoff (He ra-
flit) begriſſen. Dieſex naive kos8mologiſche
MaterialiSmus der vorplatonijchen Zeit ent-
wicelt ſich im AtomiSmus des Demofrit zu einem
radikalen pjychologiſchen MaterialiSmus, der die
Seele aus beſonders glatten und ſeinen Atomen
beſtehen läßt. Dieſe Lehre findet ſich auch bei
Cpikfur und wurde in der Renaiſſance durd)
Gaſſendi (7 1655) erneuert. In der Stoa
erhielt der antike MaterialiSmus eine mecha-
niſtiſche Färbung (z» omMua= alles iſt Körper).
In der materialiſtiſchen Metaphyſik des Thomas
Hobbes (De Corpore, 1655) wird die materia-
liſtiſche Theſe ebenfalls mit den Argumenten
der Antike geſtüßt.
b) Der franzöſiſche Materiali8mus des
138. Jahrhundert 3. Der Urheber des Auſ-
klärungsmaterialiSmus iſt ſeltſamerweiſe De8-
cartes, der große Verteidiger der Gottes-
beweije und Begründer einer idealiſtiſchen Ex-
fenntnistheorie.
Descartes hatte behauptet, die Tiere ſeien
bloße Maſchinen, und es war nur eine Frage der
Zeit, daß ſeine Nachſolger dieſen Grundſatz eines
biologiſchen Mechani8Smus und Materiali8mus
auch auf den Menſchen übertrugen. Dieſen
Schritt tat zuerſt Lamettrie (f 1751) in ſeiner
berühmten GESdrift „1?Homme machine“
(1749). Lamettrie, Vorlejer Friedrichs des
Großen, geriet wegen ſeines pſychologiſchen
AutomatiSmus und Materializmus in einen
heftigen Streit mit den deutſchen Spiritualiſten,
wie 3. B. dem Dichter Albrecht von Haller,
der von Leibniz herkam (vgl. Ernſt Berg-
mann, „Die Satiren ves Herren Maſchine",
1913). Er ſtarb am Genuß einer Trüffelpaſtete,
was jeine "Gegner als Argument wider den
MaterialiSmus auslegten. Hier, wie überall,
zeigt ſich der MaterialiSmus als religionsfeind-
lich. Sowohl die Gotte38- als auch die Unſterblich-
keitösidee werden durch die Lehre, die Welt ſei
nichts als Stoff und Bewegung, negiert. Auch
Diderot (1784) und der aanze franzöſiſche

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