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d) Das pjyc Alle materialiſtiſche Metaphyſik iſt immer kurz-
lebig gewejen, weil unbeſriedigend. In den
Zeiten hochentwickelter philoſophiſcher Kultur,
bei den Jundern, Griechen, Chriſten, Deutſchen
herrſchte das vollkommene Gegenteil einer
materialiſtiſchen Weltanſchauung. Plato ex-
tlärte das Stofiliche mit jeinen Berwandlungen
für bloßen Schein, ja ſür ein Nichtſeiendes. Die
mittelalterliche trachtete eine vorkreatürliche logiſche Welt-
ordnung als die eigentlich ſeiende. Die deutſchen
Zdealiſten, an ihrer Spitze Hegel, löſten das
Nätſel der Welt mit ihrer Lehre von der Ent-
wicklung eines abſoluten Geiſtes durch die Natur
hindurch zum bewußten Geiſt. Bei all dieſen
Weltanjchauungsſchöpfungen liegt das Bedürfnis
zugrunde, die höchſte, edelſte, wertvollſte Seite
unjeres Menſchentums, unſer geiſtig-ſittliches
Wejen im Weltgrund wiederzuſinden. Dem
Geiſt iſt der Geiſt das Intereſjanteſte.
Tas iſt nur natürlich. Den Geiſt mit ſeinem
Willensfind oder den Willen mit ſeinem Geiſtkind
nicht als Weſentlichſtes im Weltgrund anzu-
nehmen, muß jede tieſer organiſierte Menſchen-
bruſt unglüclich machen. Denn Geiſtwille
iſt Ordnungswille, und der Anblick einer
ungeordneten, weil ungeijtigen Welt macht uns
erjchauern. Wir fühlen uns verloren, fremd und
heimatlos in einer ſolchen geſelz- und regelloſen
Welt. Grauen erſaßt uns angeſichts ihrer Kälte
und Öde, und wir wenden uns entſeßt von ihr
ab wie der Dichter des Fauſt. Eine ſolche Welt
erſcheint un3 wie oin verwahrloſter Garten, in
dem wir nicht das Walten einer ordnenden
Menſchenhand wahrnehmen. Ruhe findet unſer
Geiſt erſt im Anſchauen eines geiſtgetragenen
Weltenſinns, einer ihm vertrauten logiſchen und
vielleicht auch äſthetiſchen, ja moraliſchen Welt-
ordnung, in die er ſich mit einem Gefühl des
Heimatlichen einſchmiegt. Der Materialismus
bedeutet aljo, ethiſch-pſychologiſch betrachtet,
für unſer geiſtig-ſittlich organiſiertes Weſen eine
gewollte und uns ganz unangemeſſene, auch
völlig unnötige Entjagung8metaphyſik, die
in der Geſchichte auch immer in Begleitung
der ſtoijchen Reſignationsethik aufgetreten iſt,
die ſich verzichtend, wenn auch nicht ohne
Tapſerkeit in das vermeintlich unabwendbare
Schidſal, einem öden, mechaniſtiſchen Welt-
zuſammenhang anzugehören, findet. Das aber
haben wir heute nicht mehr nötig. Die
moderne Wiſſenſchaft, vor allem die vitaliſtiſche
Biologie, bietet uns Handhaben und Argy-
mente genug, um, wenn wir nur wollen, uns
eine edlere, ſonnigere, tröſtlichere Weltan-
jchauung auſzubauen, als ſie der Materiali8Smus
darſtellt, eine Welt, die in jenem Goldglanz
erglfüht, in dem ſie Goethe, der Gottnatur-
Ylnbeter, jah.
Materiali8smus -- Mathematiſche Geographie

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5. Gibt es überhaupt Materie? Wie ein dichter,
undurchdringlicher Schleiex hängt die Materie
vor dem Weligeheimnis. Die moderne Atom-
phyſik iſt damit beſchäftigt, dieſen Schleier
hinwegzuziehen vom Bilde zu Sais. Wenn
man einen modernen Phyſiker fragt, was
Materie denn eigentlich ſei, jo antwortet er:
Materie gibt es gar nicht. Er führt ums vor ſein
Atommodell und zeigt uns, daß das Atom, aus
dem die Materie beſteht, nichts iſt als ein Kom-
plex von Kräſteſpannungen. Negativ geladene
Clektronen kreiſen in beſtimmter Anzahl und in
einem beſtimmten Abſtand um einen poſitiv
elefirijch geladenen Atomkern von noch uner-
ſorſchter Natur. Das ganze Atom beſteht alſo
im weſentlichen aus Abſtand und Bewegung.
Man kann mit Alphaſtrahlen durc) das Atom
hindurchſchießen wie durdy) einen leeren Raum.
Materie iſt aljo ein bloßer Schein. Die moderne
Wiſſenſchaft iſt auf dem Wege, ihren Begriff
überhaupt zu zerſtören, und niemand kann wiſſen,
zu welchen Ergebniſſen dieſe jüngſte Wiſjenſchaft
des 20. Jahrhunderts noch gelangt. Soviel darf
man jedenſalls heute ſchon jagen: als wiſſen-
jchaſtlich denkender Menſch in unſerer Zeit nod)
Materialiſt zu ſein, dazu gehört Mut.
Und was die moderne Atomphyſif dem
MaterialiSmus genommen hat, nämlich den
Boden jeiner Vorausſezungen, das gibt ſie
heute als unwiderlegliches Argument einer
entgegengejeßten idealiſtiſchen Metaphyſik.
Jimm dem Waſſerſtoffatom eins ſeiner Elek-
tronen, es wird nicht eher ruhen, als bis es ſeine
gejeßliche Clektronenzahl wieder ergänzt hat nach
der Jdee ſeines ewigen Bilde3. Aus 92 Grund-
elementen iſt die Welt gebaut, jedes durch eine beſtimmte Anzahl von Elektronen.
Wird es jich auch nicht irren in ſeiner Zahl?
Wird das Gejekß, nach dem es angetreten, jemals
vergehen? Und welche unausdenkbar große
Zahl von Waſſerſtoffatomen mag es in der Welt
wohl geben, alle gebaut nach der Jdee „Wajſſer-
ſtofſatom'“? Jn der Tat: die Welt beſteht aus
92 Platoniſchen Jdeen, in denen der Welt-
geiſt ſinnt. MaterialiSmuS iſt ein Anachroni8mus
geworden. Wer ſich aus ethiſch-pſychologiſchen
Gründen nicht ſchämt, Materialiſt zu ſein, der
begebe ſich in einen phyſikaliſchen Hörjaal und
betrachte das Bohr'ſche Atommodell. Er kann
dann nicht länger Materialiſt bleiben.
Literatur: Hermann Sch warz: Der moderne
Materialiömus (1904). --- Oſtwald: Die Überwin-
dung des wiſſenſchaftlichen Materialiamus (1895), -- €.
Baeumd>er: Das Problem der Materie in der grie-
Wejen der Materie (1918). Bergmann.
Mathematiſche Geographie. 1. Stellung im
Schuylmterricht. Die mathematiſche Erdkunde
nimmt ebenjo wie die Aſtronomie auf der Schule
cine Zwiſchenſtellung ein, da ſie lezten Endes

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