603
liſchen Glaubens ſeſtſtehen ſolle. Dieſen Glauben
jolle er nicht auf ein Buchſtabenbekenntnis,
jondern allein auf die Perſon Chriſti und ſein
gewaltiges Wirken in ſeiner Zeit und im Gange
der Weltgeſchichte begründen und von ihm aus
nur jein religivſes, geſchichtliches und wiſſen-
jchaftliches Gewijjen beſragen, um ven Schülern
in rechter Weije dienen zu können. Was aber
evangeliſches Chrijtentum war, das hat ex
nirgends feiner und tiefer zu ſchildern verſtanden
als in ſeinem wertvollen Aufſaß „Deutſches
Chriſtentum und griechiſches Heidentum
in Goethes Iphigenie“ („Aus Schule,
Unterricht uſw.“, S. 333), wo er zwar „Deutijches
Chriſtentum" jagt, aber in Wirklichkeit evange-
liſches Chriſtentum zeichnet.
An einen weiteren Kreis endlich wandte er
ſich mit ſeiner „weltlichen Familienpoſtille“,
wie er das zum Sinnen und Nachdenken an-
regende Büchlein: „Wie werdenwirKinder
des Glüds?“ (1900, 1916*%, rd. 11 000 Ab-
drucde), nannte, mit dem er nicht nur „jeinen
drei Söhnen auf ihrem Weg zum Glück", ſondern
allen „nach wahrem Glück Suchenden“ weiter
helfen wollte. Dieſes Glück ſah er nicht in einem
verweichlichenden Eudämonismus, ſondern „in
der zuſammenſaſjenden und führenden Geiſtes-
richtung, die den Erſcheinungen, Tatſachen, Ver-
hältmiſjen und Perſonen die lebenbejahende,
ſtärkende Seite abzugewinnen weiß, die auf den
verſchiedenſten Lebens- und Arbeits8gebieten für
ein geläutertes Empfinden eine feſte Lebens-
jührung ſich erringt und die Verhältniſſe zu ge-
ſtalten jucht nach dem Maße der eigenen Kraft".
zu dieſem Sinne iſt er ſelbſt ein beſonder3 be-
gnadetes „Kind des Glücks" geweſen.
M. war im beſten Sinne ein moderner Menſch.
Cr erkannte ſeine Zeit und ging mit ihr; er war
durchaus auſgeſchloſſen für geſunde neue Be-
wegungen. Über die große Schulkonferenz von
1900 jchrieb er im Hinbli> auf den erreichten
„Sculfrieden": „Das Bedürfnis weiterer Fort-
bildung iſt an ſehr wichtigen Punkten noch vor-
handen; denn zu den Lebensgeſezen alles
Menſchlichen gehört es, daß das organiſch
Lebendige, das ja nicht bloß ein techniſch kon-
ſtruiertes iſt, einem ſteten, ſtillen Wandel unter-
liegt und daß ſchon die Linien ſich andeuten, auf
denen die weitere Entwieklung ſich vollziehen
wird. (Es bleiben noch Wünſche. Fehlten ſie, ſo
würde das wahre Leben und Lebensglüc fehlen."
Aber er mahnte auch immer zur Vorſicht dem
Projektenmachen gegenüber: „Zeitſtrömungen
haben nicht jelten etwas Krankhaftes und Ein-
jeitiges an ſich, das dadurch am wirkſamſten
bekämpft wird, daß man alle guten Geiſter der
Vergangenheit zur Hilfe ruſt.“ So hat ex allem,
was in der Weiterentwieklung der Gegenwarts-
pädagogif geſundem Leben entſprungen iſt,
vorgearbeitet: ohne ihn wäre die Überſührung
Matthias -- Me&lenburg-Schwerin (Bildungs8weſen)

604
der Gedanfenwelt der Lehrerkreije in das, was
die neueſten Rejormen erſtreben, überhaupt
unmöglich. Und jo wird das Wirken dieſes
ausgezeichneten Pädagogen, der tieſgründiges
Wiſjen, weitjchauende Cinjicht und ein warmes,
ſrohes und gütiges Herz vereinigte, noch weiter
über Naum und Zeit lebendig bleiben.
Literatur. Werke von M.: Außer den im Text
genannten: Das deutſche Volkslied (1889, 1913*); Die
patriotiſche Lyrik der Befreiungskriege (1897); Goethes
und Schiller8 Gedankenlyrik (1902 umd 1908); Erfklä-
rungen von Grillparzers Sappho (1903); Ahnfrau (1904);
Frau Aja, Goethes Mutter (1913), = Die ſoziale und
vraktijche Bedeutung der Schulrefoxm vom Jahre 1900
(1905); Im Zeichen der Schulreform (1912); Krieg und
Schule (1915); Dentjche Wehrkraft und kommendes Ge-
jhlec nach dem Kriege (1916).
Nachrufe. Lehmann: Deutſches Philologenblatt,
S. 347 (1917). = v. Shmid=-Mancy: Zeitſchrift für
lateinlvſe höhere Schulen, S. 145 (1917). -- Ziehen:
Frankfurter Zeitung vom 20. 6, 1917. -- Gruber:
Deutſche Zeitung vom 20. 6. 1917. -- Bieſe: Monats-
jc Kurz: Pharus, S. 105 (1917). -- Zeitſchrift für den
deutſchen Unterricht, S. 494 (1917). -- Norrenberg:
Deutj Waßner,.
Melenburg-Schweriun (Bildyngöweien). All-
gemeines. 1. Volk3- und Mittelſchulen.
2. Höhere Schulen. 3. Berufs8- und Fort-
bildungsſhulen. 4. LandeSuniverſität
Roſto>. 5. Fachſchulen. 6. Anſtalten für
nicht-vollſinnige und geiſtig ſchwache
Kinder. 7. Jugendwohlfahrt. 8. Andere
Bildungsanſtalten.
Allgemeines, Das geſamte Unterricht3- und
Bildungswejen des Landes unterſteht dem
Miniſterium für Unterricht, Kunſt, geiſtliche und
Medizinalangelegenheiten =- mit Ausnahme
Der techniſchen und jozialen Fachſchulen, der
Fröbelſchule, der Seefahrtſchule, der Fragen der
Zugendwohlfahrt, die dem Miniſterium des
Innern, und der landwirtſchaftlichen Schulen,
die dem Miniſterium für Landwirtſchaft, Do-
mänen und Forſten zugeteilt ſind. Anſchrift der
Miniſterien: Schwerin i. M., Regierungs8ge-
bäude 1 und Il, Schloßſtraße.
Geſetze und Erlajſje werden im Regierungs-
blatt (Nbl.) veröffentlicht.
Die für die allgemeinbildenden Schulen un»
ihre Lehrer wichtigſten Geſeße uſw. finden ſich
in Cvermann und Wahls, Schulrecht und
Lehrerrecht im Freiſtaat Mec>lenburg-Schwerin,
Wismar 1925, mit Ergänzungs8band von 1927.
Unter Lehrern ſind im folgenden im allge-
meinen auch Lehrerinnen zu verſtehen.
Die Beſoldung der unmittelbaren Staats-
beamten iſt geregelt durch das Geſeß vom
6. 2. 1928 --- Rbl. S. 45.
1. Volks- und Mittelſchulen. Die geſeßliche
Grundlage für das Volk3- und Mittelſchulweſen
bilden im wejentlichen das Volksſchul-Unter-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.