47
formaler Beziehung, über Güter, Werte und
Sinnverhalte in ſachlicher Beziehung. Aber das
eigentliche Bildungsmittel zur K. iſt und bleibt
das Leben und ſeine Deutung mittelſt einer kon-
kreten Menſchen- und Wirklichkeitsfunde, zu der
die Schule durch realiſtiſch-pſychologiſche Unter-
bauung ihres Tuns und Lehrens anleiten kann,
für die das Studium der Selbſtaufzeichnungen
großer Mämtier wie Stanley, Krupp, BiSmarc>
lebenstundigjte JUujſtrierungen bietet, die leßlich
aber doch aus den eigenen Erlebniſſen und
fremden Lebensſchickfalen aufgebaut wird und
auch fruchtbar auſgebaut werder kann, wenn die
metaphyſiſche Bewurzelung nicht ſehlt und die
Leben38- und Erziehungsweiöheit der vorauſf-
gegangenen Geſchlechter nicht in den Wind ge-
jhlagen wird.
Die mittelbare Erziehung zur K. wird ſich
angelegen ſein laſſen, dieſe ſeſten Richtpunkte
und tieſen Grundlagen zu ſchaffen, von denen
im Einzelfalle der KlugheitSakt in die Weite und
zur Wertverwirklichung ausſtrahlt; ſie wird ſo-
dann den jungen Menſchen lebenskundlich zu
rüſten und lebenstüchtig zu machen ſuchen durch
GCinführung in die Geſeßlichkeiten des inneren
Sein3 („Geographie des Herzens", J. Gotthelf),
in die Kunſt des Umgangs mit Menſchen, in die
Bemeiſterung der Jnnen- und der Außenwelt.
Hier ſpielen ethiſche Bezogenheiten und prak-
tiſche Übungsauſgaben eine weſentliche Rolle.
Geſchichte, Lektüre, die Wirklichkeit des Alltags
und des Berufslebens, die Erfahrungen des
eigenen Herzens mit ſich ſelbſt, mit don andern,
mit einer höheren Welt jind unerſchöpfliche Lehr-
meiſter der Leben3klugheit. Dieſe kann auch
von der Weltklugheit lernen -- unſere Zöglinge
jollen auch die Formen des geſellſchaftlichen
Verkehrs gebrauchen und beherrſchen lernen
(Loe, Hoſmeiſtererziehung! |. Art. „Höflichkeit")
--, aber ſie wird und darf darin nicht aufgehen;
K. iſt mehr als Routine, Berechnung, Lebens-
verſicherung.
Belangreich für alle pädagogiſche Einwirkung
erweiſt ſich auch auf dieſem Felde das Aus8gehen
von dem Gegenteil: die Praktizierung der Un-
klugheit („durch Schaden wird man klug“),
Unachtjamfkeit, Unfolgerichtigkeit, Oberflächlich-
reit an Folgerungen, die ohne einen bleibenden
Schaden ſür den äußeren oder inneren Leben3-
gang dennoch als unluſtbetont eindrucskräftig
haſten, zur Kontrolle hinſichtlich der gemachten
Tehler und zur Selbſtprüfung aufrufen oder
genüßt werden können. Und immer wird das
pragmatiſche Beziehung3verhältnis von Zwe>
und Mitteln, von Prüfung und Bewertung der
Mittel für die gegebene oder zu ſchaffende Lage
und Auswahl de3 auf kürzeſtem Wege zum
ſicheren Ziel führenden Mittels in den Geſichts3-
kreis rüden. Alles Geſunde, auch K. und Ver-
ſtand, braucht Zeit zum Wachſen und Stille zur
Klugheit -- Knoke

48
Entfaltung; nur die Dummheit ſchwäßt früh-
zeitig und vorlaut in die Welt hinaus, weil ſie
des Sokratiſchen Weisheitsſchlüſſel8, ſich ſelbſt
zu erkennen und von jenem Nichtwiſſen in den
Crfenntnisfragen auszugehen, ermangelt und
den eigenen „beſchränkten“, bisweilen ſogar
„vernagelten“" Horizont zum alleinigen Wert-
und Wahrheitsmeſſer macht. -- Auch die Alt-
tlugheit kann ein Erzeugnis verfrühter und
verfehrter GErziehung3eimwirkungen jein; ver-
ſtändige Eltern und Erzieher ſehen darum in
ihrem Auftreten mehr eine Gefahr als eine
Hoffnung für die Zukunft und weiſen ihre
Äußerungen zurück. Denn hier iſt das natürliche
und inſtinktſichere Wachstum durch künſtliche
Reizmittel beſchleunigt, und die vorzeitig ent=-
hüllte Blütenknoſpe teilt leicht das Los der
Treibhausgewächſe. Liegt folche Neigung der
Senilität im Kinde ſelbſt, das an Stelle und in
Verleugnung ſroher Unbeſangenheit und kind-
lichen Phantajiefluges die Nüchternheit des
Denkens oder Fühlens walten läßt und der
Nüblichkeit zuneigt, ſo führe man dem Verſtande3-
finde Wärme des Gemütes und Bewegtheit des
Gefühls zu, damit ſeine Entwicklung in dem
geſunden Rhythmus und in der normalen Breite
und Tieſe des Menſchſeins voranſchreitet und
nicht in der Seelenloſigfeit der Blaſiertheit oder
de8 Rechenexempel3 mündet. Das Leben iſt
mehr als eine kluge Rechnung, es iſt eine ſittliche
Aufgabe und die Lebensklugheit, derer e3 zu
ihrer Löſung bedarf, iſt Lebens8kunde, die das
Leben nicht nur erfaſſen, ſondern deuten und
meiſtern hilft.
Literatur. Martenſen: Die riſtliche Ethik 1
(1878). = PBaulſen: Bädagogik (1911). -- Matthias:
Wie erziehen wir unſeren Sohn Benjamin? (1896,
192113), -- Fr. W. Fvoerſters8 lebenskundliche Schriſ-
ten. --- Cberhard: Evangeliſche Lebensfunde (1928).
Cberhard.
Fnoke, Karl. 1. Lebenö3gang. K. wurde am 15.10.
1841 im Schmedenſtedt, Kr. Peine, geboren, wo
jein Vater Paſtor war. Nachdem er das „Lyzeum“
in Hannover beſucht hatte, ſtudierte er in Göt-
tingen und Erlangen Theologie und qualifizierte
ſich für den Pfarrdienſt in der hannoverſchen
evangeliſch-lutheriſchen Landeskirche. Nach zwei
Hauslehrerjahren wurde er im Jahre 1867
Stadtſchulrektor in Walsrode, Reg.-Bez. Lüne-
burg, 1869 Lehrer am Schullehrerſeminar in
Alfeld, Reg.-Bez. Hilde3heim, 1874 Leiter des
Lehrerjeminars in Wunſtorf vor Hannover und
1882 ordentlicher Profeſſor der Theologie in
Göttingen, wo er ſeit vem Jahre 1911 als
D. theol., Geheimer Konſiſtorialrat und Abt zu
Bursfelde im Ruheſtande lebte und am 22. 10.
1920 ſtarb.
2. 3) K&. al3 Lehrer in der Lehrerbildung.
K. war einer der wenigen Profeſſoren der prak-
tiſchen Theologie, die nicht aus vem Pſarramte
hervorgingen. Bevor er Univerſitätslehrer

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.