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nahe brachten. Schließlich lieferte der Unermüd-
liche auch durch Bearbeitung der Chronik Carion3
(zuerſt 1532) ein viel benutztes Lehrbuch der
Weltgeſchichte.
3. Allgemeine Würdigung. M. iſt kein genialer,
bahnbrechender Geiſt, wohl aber ein vielſeitiges
Talent gewejen. Frei von aller Nuhmſucht hat
er in heißer Liebe für ſeinen Lehrerberuf und
in vorbildliäzer Treue und Geduld jeinem zarten,
ſ für jeine Zeit und die Zukunft bedeutſam waren,
und ſich bemüht, mit Würde, Selbſtbeherrſchung
und vermittelnder Milde das durch den Ernſt und
die Wärme des Chriſtentums verklärte Humani-
tätöideal im eigenen Leben zu verwirklichen und
ihm in weiten Kreiſen Anklang und Anhang zu
verſchafſen. Luther mit jeinem „rumoriſchen und
ſtürmiſchen“ Geiſt, der ſich berufen fühlte, die
Klötze und Stämme auszureuten, ſand in ihm
den ruhigen, ausgleichenden Freund und Mit-
arbeiter, der „bauet und pflanzet, ſjäet und
begeußt mit Luſt, nachdem ihm Gott gegeben
ſeine Gaben reichlich". Und wie er, ſieht auch die
moderne Forſ Reſormatoren „das Dionyſijſche und Apolliniſche
verkörpert gegenüberſtehen: auf der einen Seite
eine große, im Leben ſtehende und kämpfende
Perjönlichkeit, getragen von dem religiöſen
Bewußtſein einer göttlichen Miſſion; auf der
anderen Seite eime ruhige, abgeklärte, die
empiriſche Lage und ihre ſchweren Widerſtände
kennende und deShalb in der Verfolgung der
Ziele zur Vermittlung geneigte Gelehrtenperſüön-
lichfeit". Die Schwächen und Schranken M.3
liegen klar zu Tage; aber er teilt ſie mit vielen
jeiner humaniſtiſchen Zeitgenoſſen. Wie fie, hat
auch er kein hiſtoriſches Verſtändnis für das
Haſjiſche Altertum und läßt ſich durch ſeine Be-
wunderung für die Klaſſiker ſogar auf die Jrrwege
der Aſtrologie verführen. Auch als Pädagog
gehört er nicht zu den tieſen Denkern und kraſt-
vollen Bahnbrechern; aber ſeine große Mäßigung
und gewiſſenhafte Beſonnenheit, ſeine erſtaun-
liche Arbeitskraſt und jein großes Organiſations-
talent befähigten ihn dazu, ohne gewaltſame
RNevolution das höhere Schulweſen des Prote-
ſtantiSmus auf eine neue Grundlage zu ſtellen
und in ihm das Geiſt de3 Humani38musSs zu verſchmelzen. Da3 iſt
die bleibende Leiſtung des Lehrers Deutſchlands.
Literatur. C. Schmidt: Ph. M. (1861). -- G.
Sllinger: Ph). M. (1902). -- C. Hartfelver: Ph. M.
al8 Praeceptor Germaniae (1889) und Melanchthoniana
paedagogica (1893). -- A. Nebe: Ph. Vt. der Lehrer
Deutſchlands (1897) und Artikel M, in Rein8 Handbuch
der Pädagogik (1900, V?, S. 819 ff.). -- Kirn: Artikel
M. in der Nealenzyklopädie für prot. Theologie umd
Kirche (19032, X1]1, S. 513 ff., mit weiteren Literatur-=
angaben). = Koch: Ph. M.s Schola privata (1859). =
C. A. H. Burfhardt: Geſchichte der ſächſiſchen Kirchen-=
und Schulviſitationen (1879). -- H. Leſer: Das päd-
«avaiſche Problem, 1, S. 139 ff. (1925). Nebe.

Melanchthon -- Menſ
| verhält.
6530
Memorieren |. Auswendiglernen.
Menſchenkenninis. 1. Begriff der Menſchen-
kenntnis. 2. Menſc Hand einzelner tungs weijen. 3. Menjc Deutung der Ausdru>sbewegungen
bezw. ihrer Nachwirkungen. 4. Körper-
bau und Charakter. 5. Pädagogiſche
Menſchenkunde.
1. Begriff der Menſchenkenutnis. Unter M.
verſtehen wir die Fähigkeit, die Neigungen
und Eignungen, vor allem aber den Charakter
eines Menſchen aus verhältniSmäßig wenigen
Wahrnehmungen zu erſchließen. Wer eines
Menſchen Natur erſt kennen lernt auf Grund
mannigfacher ernſter Erſahrungen, hat damit
teme M. bewieſen, ſreilich Gelegenheit, ſie zu
erwerben. Lebenzerfahrung vermittelt M. in
ſehr verſchiedenemMaß, je nach den ſich bietenden
Gelegenheiten (3. B. im Beruf als Staats-
anwalt, Arzt, Geiſtlicher, Kauſmann) und Nöti-
gungen (z. B. ſehlen dieſe ſaſt im Familien-
leben) und aud) nach der Neigung und Begabung
zur Beobachtung, zur Einfühlung in andere
Menſchen und zum Verſtändnis fremden
Seelenlebens. Manche Beruſe feen ein hohes
Maß von M. voraus, und allgemein iſt ein Min-
deſtmaß von M. im praktiſchen Leben erforder-
lich, jo daß auch die Schule nicht umhin kann,
ſich bietende Gelegenheiten (Geſchichtöunter-
richt!) auszunußen. Allerdings darf man faum
wünſchen, daß eine allzu nüchterne Auffaſſung,
womöglich der Peſſimismus großer Menſchen-
kenner, ſchon in den Gemütern der Jugend
Plaß greiſt; denn zum Leben gehört neben Ein-
ſicht auch ein großes Maß von OptimismuSs,
ein ſroher Glaube, daß das eigne Leben zu
bejjerxen Zuſtänden und zu beſſeren Menſchen
hinleite. =- Daß die meitten Menſchen geneigt
ſind, ihre durch Lebenserfahrung gewonnene
M. zu Üüberſchäßen, wirkt ſich nicht ſelten für
ſie ſelbſt und für die von ihnen beurteilten
Perjonen verhängnisvoll aus. Das Bedürfnis
nach geſicherter Menſchenbeurteilung hat darum
ſeit langem mancherlei Ginrichtungen wach-
gerufen, durch die der ſubjektive Eimdruck des
Urteilenden berichtigt oder ergänzt werden
joll. Hierher gehören die Probejahre der Be-
amten, das Noviziat der Mönche und ins8be-
ſondere Prüfungen. Man hat in leßter Zei!
verſucht, außer Kenntnijjen und beſonderer
geiſtigen Fähigkeiten auch JIntereſjen, Nei-
gungen und Eignungen aller Art durch Prit-
ſungen mit künſtlichen Mitteln (Teſts) an:
Licht zu ziehen, jedoch inſofern mit begrenzten
Crſolg, als eine einmalige kurze Prüfung nich
erkennen läßt, wie ſich der Prüfling zu andere1
Zeiten und innerhalb längerer Zeitjpanne1
Überdies verbirgt jedermann ſein

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