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Über das Verhältnis von Methodik und Di-
dattit herrſcht eine gewiſſe Unklarheit, was ſich
ſchon darin zeigt, daß die beiven Begriſſe oſt
wahllos miteinander vertakiſcht oder nebenein-
ander geſtellt werden. Die Didaktik (j. d.) iſt =
nach der herfömmlichen Terminologie -- Unter-
richtslehre und fällt daher, wenigſtens mit ihrem
Hauptinhalt unter den Begriff der Bildungslehre*
die Methodik aber iſt die Lehre von den Metho-
den, die für die Erziehung überhaupt gelten =
aljo nicht nur für die Bildung oder gar nur für
den Unterricht --, greift aljo über die Didaktik
hinaus. Allerdings wird, wie erklärlich, in den
wiſſenſchaftlichen Syſtemen der Pädagogik die
Methodik nicht für jich behandelt, ſondern ver-
teilt ſich hier auf die Hauptgebiete der Puda-
gogit, und ſo erſcheint dann innerhalb der Di-
dattit aud) eine Methodik als Lehre von den Di-
daftiſchen Methoden. Was gewöhnlich unter der
„peziellen Methodik" verſtanden wird, iſt die
Didaktik der Cinzelſächer des Unterrichts =-
die aber gleichfalls auch ſür dieſe Fächer nicht
nur die methodiſchen Fragen behandelt, jondern
auch die ves Lehrzieles, des Lehrſtoſſes ujw. Es
iſt aljo wohl richtiger, jenen Ausdruk nur
für den auf die Lehrmethoden bezüglichen
Teil der „ſpeziellen Didaktik" zu gebrauchen.
Shwarß.
Meumann, Ernſt. 1. Entwicklung. 2. Sein
Schaffen. a) Pjychologiſche Arbeiten.
b) Bädagogiſch-pſychologiſche Arbeiten.
ce) Vhilojophiſche Arbeiten.
Geb. 29. Aug. 1862 zu Uerdingen bei Weſel,
Gymnaſium zu Gütersloh und Elberfeld, Stu-
dium in Tübingen, Berlin, Halle, Bonn. 1893
Aſſiſtent bei Wundt in Leipzig, 1894 Habilitation,
1897 Profejjor in Zürich, danach in Königs5-
berg, Münſter, Halle, Leipzig, Hamburg; ge-
ſtorben am 26. April 1915 zu Hamburg.
1. Entwicklung. Wie jo mancher bedeutende
Gelehrte, entſtammte auch M. dem evangeliſchen
Pfarrhauſe; nach dem Wunſche ſeines Vaters
ſtudierte er Theologie, legte beide theologiſchen
Cramina ab und das Oberlehrerexamen, gab
aber nach ſchweren inneren Kämpfen dieſe Lauſ-
bahn auf, „da er erkannt hatte, daß er die Lehren
der orthodoxen Kirche nicht mit ſeinen inneren
Anjchauungen vereinbaren könnte“, wie jein
Bruder mitteilt. Nach ſeiner Promotion zum
Dr. phil. in Tübingen bei Sigwart, wandte ex
jich einer Wiſſenſchaft zu, die biöher in ſeinen
Studien mehr zurüägetreten war und die von
nun an jein bejonders bevorzugtes Arbeitsfeld
werden ſollte. Es war die Pſychologie, die da-
mals in ihrer experimentellen Fundierung in
einer bejonderen Veriode ihres Auſſtiegs ſtand
und in Wilhelm Wundt in Leipzig ihre ſtärkſten
Anregungen und glänzendſte Vertretung fand.
M. wurde bald Aſſiſient bei Wundt und traf
hier auf einen Kreis von Verſönlichkeiten, die
Methode, Methodik, Methodologie -- Meumann

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ſich gegenſeitig auſs ſruchtbarſte beeinflußten;
ich erwähne nur Dswald Külpe, Emil Kräpelin,
Guſtav Störring, mit dem ihn jchon von Halle
her enge Freundſchaft verband, die bis zu ſeinem
zu ſrühen Tode vorhielt. 1894 habilitierte er ſich
jür Philoſophie. Schon hier erwies er ſich als
glänzender Experimentator, der es verſtand, die
pjychologijchen Probleme jo zu geſtalten, daß
ſie einer experimentellen Bearbeitung zugäng-
lich wurden, aber auch das ſo gewonnene Ma-
terial durch Anlegung pajjender Geſichtspunkte
auszuwerten und in große Zuſammenhänge
hineinzuſtellen. Seine Beiträge zur Pp Aloe
des Zeitſinns und zur Pſychologie und WAſthetik
des Rhythmus, die aus dieſer Zeit ſtammen, be-
fruchten noch heute die Forjchung und fanden
damals ſolche Beachtung, daß M., der noch kein
größeres Werk veröffentlicht hatte, 1897 als
Profeſſor der Philoſophie und Pädagogik nach
Zürich berufen wurde. Gerade dieſer Ruf ſollte
für ſeine weitere Entwicklung von entſcheidender
Bedeutung werden, da ex ihn mit einem Auf-
gabengebiet in Berührung brachte, dem bisher
jein Intereſje noch nicht gegolten hatte und auf
dem er jich nun mit ſolchem Erfolge betätigte,
Daß jein Name für alle Zeiten in die Entwicklung
der experimentellen Bädagogit, ſpeziell der päd-
agogiſchen Pſychologie mit goldenen Lettern
eingetragen bleiben wird. C38 mag der Gegen-
wart nicht mehr ganz leicht werden, die volle
Bedeutung M.5 zu erſaſſen, in einer Zeit, wv
die Anwendung der Pſychologie auf die ver-
ſchiedenſten Lebens8gebiete zu einer Selbſtver-
ſtändlichfeit geworden iſt, wo aber ſpeziell auf
dem Gebiete der Pädagogik, nachdem ſie erſt
durch M. langſam Eingang in den Kreis der
Wijſjenjchaſten geſunden hatte, die kulturphilo-
jophiſche Seite berechtigte Beachtung findet, wo
im Zuſammenhange damit die geiſteswiſſen-
Ichaftliche Pſychologie das pädagogiſche Denken
neu befruchtet. Nur derjenige, ver durch eigene
Forſchungsarbeit mit der Entwieklung der
Problemjtellung vertraut wird, wird einen deut-
lichen Einſchnitt an der Stelle finden, wo M.
oder ſeine zahlreichen Schüler verſuchten, das
Problem aufzugreiſen und mit den Mitteln ex-
perimenteller Forſchung einer Löſung entgegen-
zuführen.
Freilich darf nicht überſehen werden, daß
auch die Zeit reiß geworden war für Fragen,
Deren Löſung M. mit beſonderem Geſchic> in
Angriff zu nehmen verſtand; damit hängt auch
jeine ungeheure Wirkung in die Breite der päd-
agogiſchen Welt zuſammen. Die Mißerfolge
pädagogiſcher Bemühungen, beſonders an der
Großſtadtjugend, führten immer deutlicher vor
Augen, daß eine Pädagogik, die mehr deduktiv
vorging, von Zielen, Bildungsgütern und
Lehrern aus orientiert war, weſentlich ergänzt
werden müſſe durch eine Pädagogik vom Kinde

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