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ſchloſſenen Augen, wobei das Sandpapier einen
etwaigen Fehler joſort fühlen läßt. Die Wahr-
nehmung des Buchſtabens wird auf dieſe Weiſe
rein nur durch die Muskeltaſtempfindung ver-
mittelt. Monteſſori legt größten Wert darauſ,
daß vas Bild eines alphabetiſchen Zeichens aufs
innigſte verbunden wird mit dem Muskelgedächt-
nis an die zum Schreiben notwendigen Bewe-
gungen
6) „Bewegliche Buchſtaben“, eine Art
„Leſekaſten“. ES ſind aus Karton ausgeſchnittene
Ginzelbuchſtaben, die das Kind zu Wörtern zu-
ſammenjſeßt.
Der Unterricht im Rechnen knüpft an die oben
beſchriebenen „Orgelpfeifen“ an (zehn Holzſtäbe).
Durch allerlei Spiele wird die Zahlenvorſtellung
und das Zahlengedächtnis geübt. In der Be-
handlung der vier Spezies bietet Monteſſori
nichts Neues.
3. Monteſſoris „Kinderhaus“. Jm Monteſſori-
Kinderhaus halten ſich die Kinder den ganzen Tag
auf. Sie werden nicht nur mit dem eben be-
ſchriebenen Material beſchäftigt, ſondern es
kommen daneben nod zahlreiche „Übungen aus
dem praktiſchen Leben“ zur Anwendung, 3. B.
alles, was zur körperlichen Reinigung gehört,
ſerner die Benußung der gebräuchlichſten Gegen-
ſtände des Haushalts, Zimmer in Ordnung
bringen, Tiſch decken, Bedienen der anderen bei
Tiſch, Gartenarbeiten, Pflege von Pflanzen und
Tieren, allerlei Handarbeiten und dgl. --- Das
Kinderhaus ſoll den Kindern all das bieten, was
man jonſtin einergutenFamilie findet. Monteſſori
ſchwebt dabei eine Sozialiſierung des Hauſes vor.
Sie meint, daß infolge der wirtſchaftlichen Ent-
wicklung die Familie der Zukunft die Aufgaben,
die ſie biSher hatte, zum Teil nicht mehr löſen
kann. Cinfüchenhaus --- Hausklinitk -- und eben
ihr Kinderhaus gehören ihrer Meinung nach zu-
ſammen, um die Mutterpflichten zu „kommuni-
ſieren".
4. Kritik der Monteſſori-Methode. A. Gut
und z. T. neu iſt an ihr folgendes: a) Sie
iſt ein neuer Verſuch ſyſtematiſcher „Bildung des
Willens von körperlicher Haltung und Bewegung
aus" (3. B. das Turnen auf dem „Strich“), was
von Meumann an der Monteſſori-Methode be-
ſonders anerkannt wird.
b) Die täglich eine Zeit lang zu übende „all-
gemeine Stille", in der die Kinder nur ganz leiſe
vom Stuhl auſſtehen, nur auf den Zehenſpitzen
laufen und gar nicht jprechen dürfen, ſtellt
eine vorzügliche Willensſchulung dar und eine
Vorſtuſe zur Selbſtbeherrſchung in höherem
Sinne. Außerdem macht es ---nach vorliegenden
Berichten (3. B. von Heer) -- den Kindern
Freude.
c) Die Selbſtkontrolle, die das Monteſſori-
Material 3. T. bietet, ermöglicht ein Beſchäf-
tigen der Kinder ohne ſtändige Beauſſichtigung
Monteſjori-Methode

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und Beurteilung ſeitens der Erzieherin, gibt den
Kindern alſo eine gewijſe Selbſtändigkeit.
d) Durch die Methode wird die Stellung der
Lehrerin zum Kind geändert. Die unmittelbare
ſtarke Beeinſluſjung des jungen Menſchen von
außen iſt hier verpönt. Die Monteſſori-Lehrerin
iſt im Prinzip (in der Praxis dagegen nicht allent-
halben, wie das Verhindern [ſpontanen Spiels
zeigt) jorgjam beobachtende Pflegerin des natür-
lichen kindlichen Entfalten3 und Wachſen3. Daher
ſoll ſie geduldig warten, bis die Entwicklung eines
Kinde3 ſo weit fortgeſchritten iſt, daß e3 reif iſt
für das Nächſte. ES iſt alſo dieſelbe Einſtellung
wie bei Fröbel, der lediglich de3halb ſeine Ex-
zieherinnen als Gärtnerinnen („Kindergärtner-
innen") bezeichnete.
B. Bedenken erwedt die Monteſjori-
Methode in folgenden Punkten: a) Die
Schöpferin der Monteſſori-Methode iſt nicht er-
ſüllt von der Geſamtheit der pädagogiſchen Pro-
blematik. Sie kommt eben nicht von der wiſſen-
ſchaftlichen Pädagogik her, iſt nicht herausge-
wachjen aus der pädagogiſchen Entwicklung der
lekten Jahrhunderte, kennt zahlloſe Grundfragen,
um die ſich die beſten pädagogiſchen Köpfe be=
müht haben, überhaupt nicht. Sie kennt 3. B.
kein eigentliches Erziehungsziel (Sergius Heſſen),
weiß nichts von dem unerſeßlichen Wert „unbe-
wußter Lernausleſe“ im frühen KindeSalter
(William Stern), faßt den Begriff „intellektuelle
Erziehung" erſchre>end eng (es iſt für ſie einfach
die Verbindung der SinneStätigkeit mit den
angemejjenen Bewegungen), hat keine Ahnung
vom Geiſt des modernen deutſchen Kindergartens
noch von dem, was Veſtalozzi und Fröbel wirk-
lich gewollt haben. Und troßdem glaubt ſie mit
ihrer Methode die geſamte Erziehung refor-
mieren zu können. Aus dieſer Tatſache erklärt es
ſich, daß die Monteſſori-Methode im allgemeinen
nur bei pädagogiſchen Laien enthuſiaſtiſche Be-
geiſterung, bei faſt allen Fachleuten dagegen mehr
Ablehnung als Zuſtimmung gefunden hat.
b) Dazu kommt, daß Maria Monteſſoris pſycho
logiſche Anſchauungen veraltet ſind (Cduard
Spranger). Jhre mechaniſchen Übungen bei der
Sinnesſchulung und beim Zeichnen nennt Meu-
mann geradezu „einen Rücfall in die älteſten
Methoden“, und Stern bezeichnet das Üben
iſolierter Sinnesempfimdungen als im Wider=
ſpruch ſtehend zu der modernen Auffaſſung von
der Wahrnehmung, die nicht aus funnmnierten
Empfindungselementen beſtehe, ſondern Ganz-
heiten erfaſſe.
6) Die ſchärfſte Kritik hat die Cinſtellung Maria
Monteſſoris zur kindlichen Phantaſie und zum
Spiel gefunden. Sie erblickt nämlich in der kind-
lichen Einbildungskraft nur Reſte des Erbteils
wilder Vorfahren, die ein Zeichen der kindlichen
Unreife jeien. Das echte Kinderſpiel hat daher
in ihrem Syſtem keinen Plaz. Wo ſich ſpontan
94%

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