747
ligion8- und Sittenlehre durch die Verkündigung
einer konkreten Lebenslehre überwunden. Die
Mittel der M. ſind vor allem die Analyſe ty-
piſcher Menſchen und die Beſprechung hand-
greiflicher Lebensfragen; ihr Weſen beſteht da-
rin, „die Moralpredigt abzuſchaffen und jo we-
nig wie möglich von Moral zu reden, dagegen
der Jugend zur rechten Kenntnis der Wirklichkeit
in ſich und um jich zu helfen, ſie auf die inneren
Kräſte hinzuweijen, durch deren Übung jie diejer
Wirklichkeit allein gewachjen iſt" (Foerſter). Dieſe
Deutung der M. als vertiefter Lebensführungs-
weisheit iſt wohl auch auf den beiden biSher ge-
haltenen Tnternationalen Kongrejjen ſür Moxral-
pädagogik (im London 1908, im Haag 1912) in dem
Widerſtreit der Meinungen zur Geltung gekom-
men; von Beſchlußfaſſungen ſah man bei der
Ungeflärtheit der Lage ab.
Literatur ſ. unter „Moralunterricht“. Dazu: Ver=-
weyen: Deutſchlands geiſtige Erneuerung (1924), --
Wolfs8dorf: Moniſtiſche Pädagogik (1912). -- P. Na-
torp: Neligion innerhalb der Grenzen der Humanität
(1894, 1908*?). -- Benzig: Moralunterricht und RNe-
ligionsunterricht (in? Varth, Verhandlungen des
1. Deutſchen Kongreſſes f. M., 1921). =-- Jon. Cohn:
Moralunterricht und Gottesglaube (ebd.). =- Meſſer=
Pribilla: Katholiſches und moderne8 Denken (1924,
disfutiert die Frage von Neligion und Sittlichkeit). --
Dyroff: Neligion und Moral (1925). = Göttler:
RNRoligion8- und Moralpädagogit (1923, katholiſch). --
Cberhard: Religion und Moral in ihrem pädagogiſchen
Beziehung3verhältnis (in! Schule, Religion und Leben,
1926). -- Störring: Die ſittlichen Forderungen und
die Frage ihrer Gültigkeit (1919). -- Derſelbe: Die
Hebel der ſittlichen Entwiedlung der Jugend (1919). --
Veiträge zu der neuen Humanitätsethik aus dem Aus-
lande: Epiller: Papers on moral education (1908,
Bericht über den 1. Internationalen Kongreß für M.). --
Dyſerin>: Memoires zur Veducation morale (1912,
Bericht über den 2. Kongreß |f. M.). = Salter: The
religion of morals (deutſch von Gizy>i: Die Religion
der Moral, 1885). -- Adler: The religion of duty
(1892). -- Luzzati: Libertä di coscienza e liberta di
geienza (deutſch von Bluwſtein: Freiheit des Gewiſſens
und Wiſſen3, 1909; erörtert die ſtaatsrechtlichen Ver-
hältniſſe zwiſchen Kirche und Staat, Denk- und Glaubens8-
freiheit). Cberhaxrd.
Morahmterricht. 1. Weſen und Begründung.
Der M. im Sinne der gegenwärtigen bffentlichen
Schulerziehung hat es mit der von konſeſſioneller
Begründung lo3gelöſten, auf Charakterbildung
gerichteten ſittlichen Unterweijung zu tun; er dect
ſich inſofern mit der „Sittlichen Lebenskunde“",
die aber nicht das lehrhafte Clement und das fach-
unterrichtliche Prinzip zum Prägſtempel hat und
darum in den neueren Schulprogrammen bevor-
zugt wird. Die Begründung der Notwendigkeit
eines unabhängigen M.3 in der Volksſchule zeigt
ſehr verſchiedenartige Motive, je nachdem ſie von
dem Gegenſaß gegen die von dem praktiſch-ſozialen Bedürfnis der demo-
kratiſchen Kulturentwicklung, von dem Streben,
in der öffentlichen Schule religiöſe Konflikte zu
vermeiden, oder von vem Bemühen, die ſittliche
Erziehung in religiöſer wie weltlicher Gemein-
Moralpädagogitk -- Moralunterricht


748
Ichaſt zu einem Gegenſtand praktiſcher Pſycholo-
gie und anſchaulicher Pädagogik zu machen, aus-
geht. Man kann in der Gegenwart etwa vier
Gruppen unterſcheiden: eine religionsfeindlich-
ſfreivenkeriſche mit antireligiöſem Weltanjchau-
ungsöunterricht; eine die Autonomie des Sittlichen
und Religiöſen vertretende, aber die ſittliche Er-
ziehung als Allgemeinbedürſnis und Kraſtzen-
irum über die religiöſe ſezende; eine ſtaat3päDd-
agogiſche, die zwe>ds Wahrung der ſtaatlichen
Neutralität in bezug auf Religion und Weltan-
ſchauung die religiöſe Begründung der Sittlich-
feit aus der öffentlichen Schule ausgeſchloſſen
wiſſen will; eine religionsfreundliche, die ſelb-
ſtändig, aber in Bezogenheit aufeinander einen
religionöſreundlichen M. und einen moralfreund-
lichen Religionö3unterricht vertritt.
2. Entſtehung und Verbreitung. Die Forde-
rung eines beſonderen M. geht auf Kant zurück,
nachdem freilich ſchon Dei3mus und Aufklärungs-
philoſophie ſich um das Problem der natürlichen
Erziehung und Sittlichkeit gemüht haben. Aber
nicht in Deutſchland, ſondern in dem durch Com-
tes PoſitivioSmus laiſierten Frankreich ſand die
Autonomie der Moral ihre pädagogiſche Verwirk-
lichung und geſeßgeberiſche Verankerung (1882).
Die Anlehnung an Kant erhellt nicht nur aus der
ſtarken Betonung des Pſlichtbegriffes in ver Lehr-
bücherfülle, ſondern auch aus der abſtrakten Un-
terrichtszmethode, die des Zuſammenhangs mit
den lebendigen Kräften der Religion und Des
Lebens ermangelt. Die Urteile namhaſter ſran-
zöſiſchen Philojophen und Soziologen über die
Crfolge der jogenannten Laienſchule lauten daher
wenig ermutigend, wiewohl es an neuerlichen
Beſtrebungen zur Durchblutung nicht ſehlt.
Gemütvollere Anſäße eines weltlichen Sitten-
und Staats8bürgerunterrichts ſind in Jtalien und
einzelnen Kantonen der Schweiz zu verzeichnen.
Das amerikaniſche Schulweſen hat durch ſeine
demokratiſch betonten Schuleinrichtungen (Selbſt-
regierung 1. a.) einen praktiſchen Unterbau der
Charakterbildung geſchaffen; in England beſteht
ſeit 1906 (ohne Gegenſaß zu der Mannigſaltig-
keit der dort vorhandenen Denominationen) ein
obligatorijcher M. in den Volſöſchulen. Kenn-
zeichnend für die Fülle der Akzentgebungsmög-
lichfeiten iſt vie unterſchiedliche Negelung, die der
M. in Frankreich und England geſunden hat: dort
iſt die „Instruction morale et eivique“ von 1882
ein Kampfmittel gegen die Kirche, hier hat ſich
ein friedliches Nebeneimander von religiöſer und
ethiſcher Unterweijung entwidelt; dort wird dem
Kinde ein ausgearbeiteter KatechiSmus mit
ſyſtematiſchem Gang in die Hand gelegt, hier
hat der Lehrer ein ſorgſam durchdachtes und mit
individuellem Leben zu erfüllendes Gerüſt an der
Hand.
In Deutſchland ruhten die moralpädago-
giſchen Beſtrebungen nahezu hundert Jahre.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.