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dung3ſprache auſgezogen werden kann. Dieſe iſt
nicht der Mundart gegenjäßlich auſzupropfen,
ſondern allmählich heraufzuentwikeln, indem
zuerſt Mundart geſprochen, ſpäter die Mundart
zur Verdeutlichung (Überſezung) hochſprachlicher
Wörter und Formen genüßt wird, jo daß der Aus-
dru> immer im Sprechdenken verwurzelt bleibt,
nicht zu entwurzelter nachplappernder Korrekt-
heit erſtarrt. Bei den Zehn- bis Fünſfzehnjährigen
der Volksſchule ermöglicht die jo gewonnene
Zweiſprachigkeit das Vergleichen. Einführung in
Volkstum und Dichtung werden am ſruchtbarſien
immer wieder in der nächſtvertrauten Umgebung
beginnen: Volksdichtung, Volkslied, Volksbrauch
ſind vielfach der Mundart verwoben. Mittel- und
Oberſtuſe der höheren Schule finden in der Mund-
art, die einen andersartigen älteren Sprach-
zuſtand vergegenwärtigt, einen Schlüſjel zur
Ginſicht in die deutſche Sprachgeſchichte und in
die Kulturgeſchichte der engeren Heimat.
Literatur. Zu 1. Streitberg-Michels: Ge-
ſchic)te der indogermaniſchen Sprachwijſenſchaft, 11, 2
(1927). -- Zu 2 und 3. F. Wrede: Deutſche Dialekt-
geographie. Berichte und Studien in Einzelheſten
(ab 1908). -- A. Hübner: Die Mundart der Heimat
(1925). = T. Fring3 und E. Tille: Kulturmorpho-
logie, in der Zeitſchrift „Teutoniſta“ 11. -- T. Frings:
Nheiniſche Sprachgeſchichte (1924). = Zeitſchrift für
deutſche Mundarten (bis 1924). -- Teutoniſta,
Zeitſchrift für Dialektforſchung und Sprachgeſchichte
(ab 1924). -“- Zu 4. O. Karſtädt: Mundart und Schule
(1925; mit viel Einzelliteratur). -- W. Baetke: Die
niederdeutſche Mundart im Deutſchunterricht, in Wenz,
Deutſcher Arbeitönuterricht 11 (1928). Dra).
2. Geſchichtliches. 3. Bedeutung. 4. Hem-
mungen. 5. Möglichkeiten und Gelegen-
heiten. 6. Übungs8gang. "7. Geſahren.
1. Begriff und Ziel, Der neuzeitliche Deutſch-
unterricht pflegt in ſteigendem Maße neben dem
„Fennen“ das „Können“ im Sinne der AuS3-
drudsſchulung und der Ausdrudsbeherrſchung.
Der Schüler ſoll, ſeinem jeweiligen geiſtigen
Stand entſprechend, jeine Mutterſprache münd-
lich und jch brauchen lernen. Dieſe beiden Arten der
Selbſtdarſtellung ſind nach Zwe, Voraus-
jehungen, Mitteln, Hemmungen -- troß weit-
gehender Verwandtſchaft =- im Grunde ſo ver-
ſchieden, daß Sonderſchulung notwendig wird.
Unter m. A. werden daher im urſprünglichen
Sinn des Wortes „Nhetorit" -=- unter Auf-
gabe ſeiner drucd- und ſchreibſeligen Auslegung
(Probſt: Redelehre, 19203)--alle die Maßnahmen
verſtanden, die in planmäßigem Fortſchreiten
(Geſpräch, Mitteilung, Bericht, Vortrag, Rede)
den Sdjüler befähigen, einen geiſtigen Gehalt in
ſprachlich ausdrucsſtarkfer und ſprechtechniſch
eindrucksvoller Form ſrei ſchöpferiſch zu ge-
ſtalten. =- Den alten Streit, ob dem mündlichen
over dem ſchriſtlichen Verſahren der Vorrang
aebühre (Wackernagel, Raumer, Hildebrand,
Mundart = Mündlicher Ausdrucd
| Zwe> der Willensbeeinfluſjung.
Mäündlicher Ausdruf. 1. Begriff und Ziel.

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Lüttge: Hieke, Laas, Geyer, Lehmann, W.
Schneider) klärt Viſchers Ausſpruch („Cine Nede
iſt keine Schreibe"). Da die geiſtige Leiſtung
(Sammlung, Sichtung, Ordnung, Verknüpfung,
Wertung, ſprachliche Formung der Gedanken)
für beide Möglichkeiten die gleiche iſt, die münd-
liche Äußerung aber darüber hinaus ein hohes
Maß ſprechtechniſchen Könnens und geiſtiger
Wendigkeit verlangt, wird man (mit Bojunga)
bis zur Mittelſtuſe dem mündlichen Verſahren
den Vorzug geben und erſt von da an eine be-
wußte Scheidung nach Sonderbelangen ein-
treten laſſen.--Die älteren Lehrverſajjungen
ſahen im „Aufſaß“ die Krönung der Sprach-
beherrſichung. Nach der leßten großen Neu-
ordnung betonen die Pläne aller Länder ohne
Unterſchied die Notwendigkeit der Pſlege ves
m. A. Sie entwickeln den geſamten mutter-
ſprachlichen Unterricht aus dem lebendigen
Sprachgeſtalten und begnügen ſich nicht nur
mit Zieljezungen, ſondern geben verſtändige
Cinzelbemerkungen, teilweiſe jogar emen ſtuſen-
mäßig aufgebauten Übungsgang (vgl. z. B.
die preußiſchen Richtlinien ſür die höheren
Schulen, für die Volksſchulen; die Beſtimmungen
über die Mittelſchulen; die Thüringer Schul-
geſeze; den Lehrplanentwurf für Hamburg; den
Lehrplan für die Berliner Volksſchulen).
Das Höchſtziel rhetoriſcher Erziehung iſt
die Rede als ſprachlich und lautlich kunſt-
mäßig geſtaltete WillenSäußerung mit dem
Auch für
die höhere Schule kann dies Ziel, ſchon wegen
der mangelnden Lebensreife der Schüler, nicht
als verbindlich aufgeſtellt werden. Jmmerhin
ſollte der Schüler das Weſen der Rede inſoweit
kennen, daß er imſtande iſt, redneriſche Höchſt-
leiſtungen nach feſten Maßſtäben zu werten.
Überſpannte Hoſſnungen hegen, heißt dagegen
der guten Sache ſchaden. Die Lehrer aller Schul-
gattungen aber werden auch ihre beſcheidenjten
Cinzelmaßnahmen von der Höchſtfoxrderung aus
beſruchten lajjen.
Da hier nur das Grundſäßliche gegeben
werden kann -- die verſchiedenen Schularten
unterſcheiden ſich in dieſer Frage wohl nach
der Zielhöhe, nicht aber im Übungs8gang -,
müſſen Zielſezungen im einzelnen unterbleiben.
Jede Schule wird ihre Pflicht getan haben,
wenn ihre Schüler imſtande ſind, einen ihrer
geiſtigen Höhenlage und ihrem Geſichtskreis
entjprechenden ſelbſtgewählten und verarbeiteten
Sachzuſammenhang frei, ſprachrichtig, einfach,
treffend und wohlklingend vorzutragen: aljo
die Mitte zu halten zwiſchen dem hohlen Wort-
getön des Volköredner8 und dem Stammeln
der Angſtbeklemmten. Die Brüfungenkommen
dieſer Zielſorderung ſchon entgegen (vgl. 3. B.
| es 0 nBiſchen Reiſeprüſungs8beſtimmungen,.
l .

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