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unendlid) viel daran, die Jugend einer geregelten
und ſruchtbringenden Nußung des Lebens ent-
gegenzuführen und für werteſchaffende Tätigkeit
zu gewinnen. Denn der M. -- ob durch Arbeits-
loſigkeit erzwungen oder durch Arbeitöunluſt
erwählt -- höhlt die Willensſtärke aus und
zermürbt die Gewiſſenhaftigkeit; er wirkt er-
jſchlaſſend auf Körper und Geiſt und wird ein
Nährboden ſchlechter Neigungen und böſer Ein-
fälle =- alle Wirkungen diejer Art aber ſind bei
der außzerordentlichen Bildſamkeit des Kindes
von ungeahnter Bedeutung.
Dem Ziel der Anleitung zu planvoſller Tätig-
keit fommt denn aud) die Anlage des Menſchen
auf Betätigung hilfreich entgegen, und über die
Mittel des Spiels, der Beſchäſtigung und der
Arbeit ſteigt die Erziehung im Rhythmus mit
der findlichen Entwieklung zur ſinnvollen Exr-
jüllung de3 Leben3 auf. An irgend einem Punkt
ſpringt jelbſt bei dem trägen und gleichgültigen
Kinde erfahrung8gemäß die Arbeitsluſt auf; die
Kunſt des Erziehers iſt es, dieſen Anſaßpunkt der
Leiſtung ausfindig und läufig zu machen. Im
Falle hartnäckigen M.3 muß natürlich auch zu
hartnäckigen Mitteln der Bekämpfung gegriffen
werden, weil der Menſc< ſonſt für ſein ganzes
Leben von dem M. verdorben werden kann:
rückjichtsSloſes Fordern, beharrliche Folgerichtig-
keit, feſte, unabänderliche Ordnung und un-
überwindliche Geduld ſind ſolche Mittel der Auf-
rüttelung. Eberhard.
Mutieren ſ. Stimmbildung.
Muiterſprache. 1. Wort und Begriff. 2. Ge-
ſhichtliche Entwieklung. 3. Mutterſprache
und Volkstum. 4. Mutterſprache als
Bildungsaufgabe. a) Die Sprachwiſſen-
ſchaft, b) Die Ziele deutſ erziehung, ce) Die Bedeutung der preu-
Biſchen Richtlinien und ihre Auswirkung.
5. Überblid und Auzblid.
1. Wort und Begriff erſcheint zuerſt in mittel-
lateiniſchen Quellen des 14, Jahrhunderts als
lingua materna. Deutſch iſt es vorhanden im
16. Jahrhundert: die Muterſpraach, auch nieder-
Deutſch: Moderſprake. Es wird zunächſt auf die
eigene Sprache bezogen, in der Regel auf die
allgemeine Schriftſprache. Der Grammatiker
Schottelius dringt bereit3 darauf (Mitte des 17.
Jahrhunderts8), daß die Mutterſprache „nicht in
der alltäglichen ungewiſſen Gewohnheit, ſondern
in kunſtmäßigen Lehrſäten und gründlicher An-
leitung ſeſt beſtehen müſje". Die Anwendung auf
die Mundart im Gegenſatz zum Hochdeutſchen
ſindet ſich im 17. Jahrhundert bei Grimmels3-
hauſen, die auf die Heimatſprache fremder Völker
bei Schottelius. Das Wort wird heute im all-
gemeinen Sprachgebrauch auf unſere hochdeut-
IHDe Gemeinſprache bezogen im Sinne eines
vaterländiſchen und volkhaften Beſite8 und
Müßiggang -- Mutterſprache

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Wert3 (vgl. Schenkendorſs Gedicht „Mutter-
ſprache" 1814); daneben auch auf heimatliche
Mundart, beſonders die niederdeutſche (vgl.
Klaus Groth „Min Moderſprak"). Die Erkennt-
m18 der nationalen Bedeutung des Hochdeutſchen
als M. ſtammt aus der romantiſchen Geiſteswelt
und aus der Stimmung der Freiheitskriege. Vgl.
Friedrich Rückert:
„Nur noch ein einziges Band iſt euch geblieben,
das iſt die Sprache, die ihr ſonſt verachtet ;
nun müßt ihr ſie als euer einziges lieben.“
Dieſe Vorſtellung des geiſtigen Bandes aller
Deutſchen in der Welt hat ſich unter den Folge-
wirkungen des Weltkrieges erneuert, vertieft
und verſtärkt; der Deutſche Sprachverein nennt
ſeine Zeitſchrift jezt „Mutterſprache“. Sie ſteht
im Mittelpunkte des Kampfes der Ausland3-
deutſchen um ihr Volkstum.
Die Bedeutung unſerer M. für das Volkstum
liegt darin begründet, daß ſie der eigentliche
geiſtige Träger und Geſtalter der deutſchen Volk-
heit war und iſt. Sie ijt nach Schillers Wort der
Spiegel der Nation, der uns das Geſamtbild
unjeres geiſtigen Seins und Erlebens, unſerer
Bildungsgeſchichte zeigt. Dieſe ſchöpferiſche
"Leiſtung vollbringt die M. nicht als bloße Ge-
meinſprache, als Umgangsſprache, vielmehr in
ihrer Ausgeſtaltung als geſteigerte Kulturſprache,
als Hochſprache, .wie ſie ſich im Schrifttum ent-
faltet. Es iſt deShalb nötig, zunächſt die Ent=
wicklung der deutſchen Literaturſprachen
ins Auge zu faſſen. -
2. Geſchichtliche Entwiälung. Die germaniſche
Frühzeit kannte lediglich eine noc weithin über-
einſtimmende, von allen Germanen verſtandene
urſprüngliche Sprachſorm, eine Bauernſprache.
Dieſe Bauern waren zugleich Krieger. Bei den
Goten empfing ſie vergeiſtigte Geſtalt im Helden-
lied als Dichterſprache und in einer chriſtlichen
Kirchenſprache, die uns im Wulſilas Bibelüber-
jekung ſtückweiſe erhalten iſt. Die Heldenlieder,
die Karl der Große ſammeln ließ, ſind verloren
gegangen; eine Vorſtellung davon geben die
älteren Teile der isländiſchen Cdda und ſpärliche
althochdeutſche Reſte, die älteſten Zeugniſſe einer
deutſcher Dichterjprache.
Das Althochdeuiſche war weder eine Einheit-
ſprache, noch ſtrebte e8 nach Spracheinheit; es
beſteht aus einer Fülle von Mundarten. In der
geiſtlichen Literatur der Klöſter bildeten ſich ge-
hobene Sprachfſormen heraus. Auch darf man
als ſicher annehmen, daß im Kreiſe des Kaiſers
Karl eine vornehmere hochdeutſche Kulturſprache
üblich war, auf rheinfränkiſcher Grundlage, die
ſogenannte Karolingiſche Hoſſprache.
In der mittelhochdeutſchen Literatur erreichte
das Altdeutſche jeme klaſſiſche Blüte, als die Füh-
rung in der geiſtigen Kultur von der Kloſtergeiſt-
lichfeit an den neu entſtehenden weltlichen Ritter-
itand überaina, der ein eigenes aeſellſchaftliches

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