797
ſten Rechte dem, der jie nicht handhaben kann?
Kaum ein anderes höheres Recht geben mag es
als das, kraſt welches wir Deutſche ſind, als die
uns angeerbte Sprache, in deren volle Gewähr
und reichen Schmu wir erſt eingeſeßt werden,
ſobald wir ſie erſorſchen, reinhalten und aus-
bilden . . . Wie es jich mit dieſer Sprache im
Guten und Schlimmen bisher angelajſen haho:
ihr wohnt noch eine friſche und ſxojße Ausſicht bei,
daß ihre lezten Geſchide lange noch nicht erfüllt
jind und unter den übrigen Mitbewerbern wir
auch eine Braut davontragen ſollen. Dann wer-
den neue Wellen über alten Schaden ſtrömen.“
Dazu gehört desjelben großen deutſchen Geiſtes
Schlußwort in der Vorrede zum deutſchen Wör-
terbuch: „Deutſche, geliebte Landsleute, welches
Reichs, welches Glaubens ihr ſeiet, tretet ein in
die euch allen auſgetane Halle eurer angeſtamm-
ten uralten Sprache, lernt und heiliget jie und
haltet an ihr, eure Volkskraſt und Dauer hängt
in ihr!
Literatur. Friedrich Panzer: Volkstum und
Sprache (Heidelberger Nektoratsrede, 1926). --- Leo
Weisgerber: Muiterjprache und Geiſtesbildung(1929).
-- Hermann Paul: Über Sprachunterricht (1921). --
Friedrich Kluge: Deutſche Sprachgeſchichte (1925*), =“
Hans Nauman: Geſchichte der deutſchen Literatur-
ſprachen (1926). -- Rudolf Hildebrand: Vom deut-
jc Bildung überhaupt (19281*?), -- Karl Bergmann:
Deutſches Leben im Lichtkreis der Sprache (1926). --
O. Weiſe: Unſere Mutterſprache, ihr Werden und ihr
Wejen (19251), --- Friedrich Kluge: Unſer Deutſch.
Einſührung in die Mutterſprache (19148). -- Karl Otto
Erdmann: Die Bedeutung de38 Wortes (19228). --
Ewald Geißler: Erziehung zur Hochſprache 1 (1925). ---
Broder Chriſtianſen: Die Kunſt de8 Schreibens8
(5. Aufl., ov. J.). -- Guſtav Manz: Das lebende Wort
(19217). = Erich Drach: Sprecherziehung (1929*). ---
Wilhelm Schneider: Deutſcher Stils und Aufſaß-
unterricht (19283), -- Eduacd Engel: Deutſche Stil-
funft (19111?), -- Theodor Sieb3: Deutſche Bühnen-
ausſprache (1910*), -- Walther Seidemann: Der
Deutſchunterricht al8 innere Sprachbildung (1927), --
Sprengel.
Matwille. 1. Duellen. Der Begriff M. hat einen
bemertkenöwerten Bedeutung3wandel durch-
gemacht. Urſprünglich bedeutet das Wort
„ireier Wille", der mit Mut, d. h. der richtigen
Geſinnung etwas tut. In Luthers Bibel-
überſezung bezeichnet es den böſen Gigenwillen,
deſſen der Gottloſe ſich rühmt (Pſ. 10, 3), oder
den ungezähmten Frevelmut, der die Gnade
Gotte8 auf „Mutwillen“ zieht (Jud. V. 4).
Heute denkt man bei M. weniger an die Brutali-
tät, die auf dem Willen zu ſchaden und zu ver-
lezen beruht oder aus Gefühlloſigkeit hervor-
eht, ſondern meint damit die Ausbrüche über-
hänmender Lebensfraſt oder plößlicher Gin-
fälle, die mit dem prikelnden Mut („Übermut“)
meiſt Harmloſigkeit des Gemüts und Humor, ja
warmherziges Gefühl unter Auslaſſung des
Nachdenkens über etwaige Folgen vereinigen,
ſeltener die Ausgelaſſenheit de3 Willens, d. h.
alio ungebundenes und unverantwortliches

Mutterjprache -- Myſtik

798
Handeln, zum Merkmal haben. Zur Roheit und
Bosheit wächſt ſich der M. aus, wenn er Schaden
tet oder gar beabſichtigt, oder wenn er über
er Sitte auch die Sittlichkeit antaſtet. Sein
Nährboden iſt neben den Quellen des Tempera-
ments (Sanguiniker, Choleriker), der Lebens-
geſundheit und Augenblickslaune die Sorgloſig-
keit ver Lage und das Geborgenſein vor der Not,
weshalb der M. einmal den Jahren überſchüſſiger
Kraſtentſaltung (dem ſogenannten Flegel- und
auch Bacfſiſchalter) und ſodann dem Studenten-
tum eigen ijt. Entfeſſelt werden ſeine bedenk-
lichen Erjcheinungen vielfach durch die Läh-
mung des Willens und Trübung der Bewußt-
jeinsklarheit, die der Alkoholgenuß im Gefolge
hat; hier haben die in akademiſchen Kreiſen zu-
nehmende Enthaltſamkeit8bewegung undLebenSs-
not wohl eine Eindämmung im Gefolge gehabt.
2. Pädagogiſche Behandlung. Der ſelbſt durch
jugendlichen Frohſinn hindurchgegangene Exr-
zieher wird nicht grieSgrämig die Lebensluſt der
Jungen beargwöhnen und den leichten Sinn
ſeiner Schüler zum Anlaß beſchwerender Staats-
attionen nehmen; das würde nur ſeine Rat- und
Hilfloſigkeit beweiſen. Je mehr ſein Weſen
ein Verſtehen für Jugendfreude atmet, deſto
ſicherer hat er unziemlichen Ausbrüchen des
M.3 die Spiße abgebrochen; aber auch in Fällen
letzterer Art wird er ſich als Meiſter der Situation
dann bewähren, wenn er nicht poliziſtiſch in-
quirierend vorgeht, ſondern jugendkundlich ein-
ſühlend die Motive de3 „Falles" zu finden und
zu bewerten ſtrebt. Verraten dieſe ein mangeln-
des jittliches Feingefühl, aſozialen Überheblich-
keitSwillen, ungezügeltes Kraftproßentum oder
ſonſt eine Geſinnungsloſigkeit bzw. Gefühls-
vroheit, jo wird er aus der vollen Reife ver-
antwortlichen Erziehertums heraus den vollen
Ernſt der Zucht geltend machen; gerade durc
ſol Einzelfalle zu wählenden Mittel wird er die
innere Autorität ſeiner Stellung ſchaffen und
ſichern. Eine rechte Miſchung von Scherz und
Ernſt, ein Körnlein jenes echten Humors, der
jugendliche Übermutserſcheinungen nicht noch
ſteigert oder jpöttiſch bemäkelt, ſondern ſie aus
der Überlegenheit des Reiferen heraus mild ver-
ſtehend einordnet und dabei nie den Ernſt des
Lebens preis8gibt, ſtempeln den Lehrer zum
Erzieher, deſſen Vorbild auf dieſem delikaten
Felde ſicherer in die Sphären ſittlicher Reifung
hinüberführt als irgendwelche Sittenrichterei
oder Nigoroſität der „Maßnahmen“. „Fröhlich
die Schüler, fröhlicher der Magiſter, am fröh-
lichſten der Rektor!" Cberhard.
Myſtit. 1. Allgemeinbegrifſ und Spiel-
arten; 2. Geſchichte; 3. Beurteilung.
1 Allgemeinbegriff und Spielarten. Der
Begriff der M. iſt, troß einer ungeheuren Lite-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.