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haben, in die volkliche Brudergeſinnung gliedhaft
eimzugehen. Die Jpdeendienſte geſtalten ſich
innerhalb der Volk8gemeinſchaft zu Berufen
um, deren Sinn ein Schenken an alle Volks8-
genoſjen und ein Beſchenktwerden von allen iſt.
Da rauſcht dann hinter der Hingabe jedes
Einzelnen an ſeinen Beruf der Strom der Ver-
bundenheit, in dem alle mit allen ſtehen. Eben
dieſe Willensverkettung der Subjekie gibt dem
Einzelnen in der Hingabe an ſein Objekt Halt und
Rügrat. Sie ermöglicht ihm exſt ſein Ver-
hältnis zum Objekt; denn ohne das Zuſammen-
greiſen der anderen Berufe mit dem ſeinigen
ſchwebte er in der Luft, wäre er gar nicht die
Einzelperjönlichkeit, die der ideellen Aufgabe
ſeelijchen Spielraum böte. Daß ihm ein Teil
Lebenslaſt von den anderen Berufen ab-
genommen wird, deren Gaben zu ihm ſtrömen,
das macht ihn frei, frei zur Hingabe an Geiſtiges
und ſrei in dieſer Hingabe. Die bloße Jdee hat
nämlich dem Einzelnen gegenüber etwas Über-
wuchtendes. Wohl hebt ihn die Aufgabe, ſolange
ſie ſeinen Willen ſpannt; aber der Wille kann
nicht immer geſpannt ſein, und das Können
bleibt oft hinter dem Wollen zurück. Das Gefühl,
die Unendlichkeit der Auſgabe nicht zu erreichen,
müßte den Einzelnen drücken und ſeinen Mut
lähmen, wenn ihn nicht immer wieder die Verant-
wortlichkeit belebte, in der er ſich gegenüber dem
Volksganzen fühlt. Er iſt nicht der Jdee ſchuldig,
daß er alles erfüllt, was ſie fordert, aber er iſt
vem Volksganzen ſchuldig, daß er das, was er
kann, auf die beſte Weiſe erfüllt. Die Größe
der Jdee ordnet ſich unter die tieſere Größe der
Gemeinjc zur Einheit und auf den gemeinſamen Nenner
der Liebe bringt. So verbindet ſich mit der
Liebe zum Volkstum, deſſen Art in meinem
Schaffen lebt, die Geſinnung volksbrüderlicher
Liebe. Beide Objekte der vaterländiſchen Er-
ziehung erhalten ihre wiſſenſchaftliche Berechti-
gung. Für das „Wie“ dieſer Erziehung ſind
noh immer die Richtlinien vorbildlich, die
Fichte in ſeinen „Reden an die deutſche Nation“
gezeichnet hat: Wekung wiſſenſchaftlicher und
ſozialer Selbſttätigkeit bei religiöſer Vertiefung.
Literatur. Georg Vollart: Unſere nationalen
Erzieher von Luther bi8 Vi8mar> (1923). =- Hermann
Ließ: Die deutſche Nationalſchule (1911). -- Fichtes
„Neden an die Deutſche Nation“; dazu: H. Schwarz:
Cinführung in Fichtes Reden an die Deutſche Nation
(19252). =- Genannt ſei nod) die Zeitſchrift „Natio=-
nale Erziehung“, herausgeg. von A. Bartſch.
Schwarz (Greif8wald).
Nationale Schule |. Schule.
NativiSmus und Empirismus. 1. Begrifſsbe-
ſtimmung umd hiſtoriſche Entwicklung des Pro-
blems. Das Begriſſ8paar NativiSmus und Empi-
riSmus (N. und CE.) bezeichnet entgegengeſeßte
piychologiſche Grundanſchauungen. In allae-
Nationale Erziehung -- Nativismus und Empiriösmus

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meiner Kennzeichnung laſſen ſich als empiriſtiſch
alle diejenigen pſychologiſchen Lehren bezeich-
nen, die von ver Annahme ausgehen, daß ſich das
gejamte BewußtſeinsSleben aus Erfahrungs-
beſtandteilen aufbaue, als nativiſtiſch diejenigen,
die dem Angeborenen entſcheidende Bedeutung
ſür Auſbau und Jnhalt des Seelenlehens zuer-
kennen. Schon im Altertum laſjen ſich empiriſti-
jche und nativiſtiſche Pſychologien unterſcheiden.
Mit voller Schärfe tritt der Gegenſaß beider An-
ſchauungen erſt in den philoſophiſchen Syſtemen
des 17. und 18. Jahrhundert3 in Erſcheinung.
Wenn Lode die menſchliche Seele als weißes
Papier (tabula rasa) bezeichnet, auf dem nur
das eine Wort „Erfahrung“ einzutragen ſei, wenn
ex nachzuweiſen ſucht, daß nicht nur alle Inhalte
des Bewußtſeins (Vorſtellungen) auf sensations
zurückgehen, ſondern auch alle Urteile, Schlüſſe
(reflections) allein auf derGrundlage derSinne3-
erfahrungen entſtehen, ſo erſcheint ex als der
typiſche Vertreter eines (ſenſualiſtiſchen) E., der
die -- in ihrem Weſen freilich erkenntnistheore-
tiſche -- Frage nach der Natur des menſchlichen
Verſtandes pſychologiſch beantwortet. Jhm
ſolgt im weſentlichen die Schar der engliſchen
Empiriſten. Die Abhängigkeit vom Empirismus,
in der ji) mit der Ajfſociationspſfychologie auch
ein großer Teil der empiriſchen Pſychologie de3
19. Jahrhunderts befand, brachte es mit ſich, daß
inder deutſchen Pſychologie der CE. vorübergehend
einen entſchiedenen Vorrang erhielt. Dagegen
ſpielen in der Pſychologie des Descartes die
angeborenen Jdeen eine erhebliche Rolle; von
ihm iſt namentlich die Pſychologie des Rationa-
liSmus beeinflußt.
Der hiſtoriſche Zuſammenhang, der demnach
jowohl den pſychologiſchen E. als auch den pſy-
theoretiſchen Grundanſchauungen und Tenden-
zen verknüpft (vgl. Art. „EmpiriSmus“), hat dazu
geführt, daß ſehr oft der pſychologiſche E. mit
dem erkenntnistheoretiſchen EC. und der pſycholo-
giſche N. mit dem erkenntnistheoretiſchen Ra-
tionaliSmus, noch häufiger mit dem AprioriSmu3
fälſchlich identifiziert und daß ſomit das Pro-
blem der genetiſchen Herkunft der Inhalte des
individuellen Bewußtſeins mit der Frage nach
den die Bewußtſeinsinhalte allgemein bedingen-
den Faktoren verwechſelt wurde. Doch war ſchon
Kant die klaxe Abtrennung der erkenntnis-
theoretiſchen Frage nach der prinzipiellen Mög-
lichfeit der Erfahrung von der pſychologiſch-
genetiſchen Frage nach ihrem konkreten Zuſtande-
kommen gelungen.
2. Der gegenwärtige Stand der wiſſenſchaſt-
lichen Anſchauungen. Der Gegenſaß von E. und
N. begegnet uns in der hiſtoriſchen Entwicklung
der Pſychologie in zahlreichen Kontroverſen. Am
härteſten umſtritten war im 19. Jahrhundert das
Problem des Zuſtandefommens8 der Raum- und

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