1D
Konfordatie, 1. Weſen. Unter Konfordaten
verſteht man in der Negel Vereinbarungen
eine3 Staate3 mit der röm.-katholiſchen Kirche
über deren Rechtsſtellung in ſeinex Mitte.
Der Streit über den rechtlichen Charakter
von Konkordaten (Privilegientheorie, Wer-
tragstheorie, Legaltheorie) iſt infolge des
Mangels an einem zuſtändigen Organ, ihn ab-
ſchließend zu entſcheiden, nicht zum Austrag ge-
fommen. Aber er hat dadurch jeine Bedeutung | P
eingebüßt, daß die Beurteilung der Konkordate
als quajivölkerrechtliche Verträge eine große An-
erfennung geſunden hat und nicht Theorien über
das Weſen von Konkordaten deren tatſächliche
Bedeutung beſtimmen, jondern Machtverhält-
niſje und der Wille der Kontrahenten. Konkor-
date der modernen Zeit werden zwiſchen dem
Oberhaupt des betrefjenden Staate3s und vem
Heiligen Stuhl abgeſchloſſen. BiSher iſt es nicht
üblich geweſen, über ihre Geltungö3dauer in die
Konkordate ſelbſt Beſtimmungen auſzunehmen.
Doch iſt das in vem am 30. Mai 1922 mit ver
Regierung von Lettland abgeſchlojjenen Kon-
fordat geſchehen, das zunächſt eine Geltungs-
dauer von 3 Jahren, aber dann eine Kündigungs-
ſriſt von 6 Monaten vorgeſehen hat (Artikel 20).
Auch ohne Vereinbarung dieſer Art aber jind
durch) die weltliche Gewalt zuweilen Konkordate
aufgehoben worden: das öſterreichiſche Kaiſer-
reich hat das am 18. Auguſt 1855 unterzeichnete
Konkordat nach dem Vatikaniſchen Konzil am
30. Juli 1870 annulliert, und die franzöſiſche Re-
publik hat durch das Geſetz über die Trennung
von Staat und Kirche vom 9. Dezember 1905 das
Konkordat vom 15. Juli 1801 außer Kraft geſeßt.
Der Umſtand, daß jedes Konkordat eme Neu-
regelung der Beziehungen zwiſchen Staat und
katholiſcher Kirche in einem beſtimmten Staate
darſtellt, weiſt darauf hin, daß durch ſeinen Ab-
ſchluß Zuſtände beſeitigt werden ſollen, die als
abänderungsbedürftig erjcheimen. So wurde
der Wiederaufbau der durch die ſranzöſiſche Re-
volution zertrümmerten fatholiſchen Kirche
Frankreichs durch jenes von Napoleon mit Papſt
Pius VU. abgeſchloſjene Konkordat von 1801
herbeigeführt, und ebenſo erfolgte in Deutſchland
die Wieverherſtellung der katholiſchen Kirche nach
ihrem infolge des Reichsdeputation3haupt-
jchluſjes von 1803 eingetretenen Zuſammenbruch
durch eine Reihe von Abmachungen einzelner
deutſcher Staaten mit der Kurie (ſ. u.). Eine
neue Konkordatsära hat nach dem Aus8gang des
Weltkrieges eingeſeßi, da er die Begründung
neuer Staatiswejen im Geſolge hatte, und die
politiſchen Grenzen zahlreicher Länder verändert
wurden. Aber die Verhandlungen zwiſchen den
einzelnen Staatöregierungen und dem Heiligen
Stuhl haben zur Zeit erſt in einigen Fällen zum
Ziele geführt, ſo daß die Geſamtentwilung no)
nicht überſchant werden kann. In Deutſchland
Konkordate

16
iſt die Lage dadurch beſonvder3 verwickelt, daß die
hier vollzogene Veränderung 'dex Staatsform
zu einer Verſajſjung geführt hat, die nicht nur den
chriſtlichen Kirchen vas Necht der Selbſtverwal-
tung zuſprach (Art. 137), ſondern zugleich das
Problem jc Länder oder das Reich und die Länder Verein-
barungen von fonkordatsmäßigem Charakter
eingehen ſollen. Dex Staat Bayern hat mit
apſt Pius A]. bereits am 29. März 1924 ein
Konkordat abgeſchloſſen; Preußen ſteht darüber
noch in Verhandlungen. Die Geſchichte der neu-
zeitlichen Konkordaite zeigt alſo, daß ſie durch ſehr
verſchiedenartige Verhältnijje veranlaßt worden
ſind. Dieſe Sachlage bietet zugleich die Erklärung
Dafür, daß jedes Konkordat ein eigenartiges Ge-
bilve iſt, und daß es kein Normaltonkordat gibt.
Dadurch wird ſelbſtverſtändlich nicht ausge-
jchloſſen, daß die unter denſelben Zeitverhält-
mijjen entſtandenen Konkordate untereinander
manche Ähnlichfeiten aufweiſen, ganz abgeſehen
Iavon, daß die von der Kurie vertretenen Grund
gedanken naturgemäß in ven verſchiedenen Ver-
trägen übereinſtimmen.
2. Geſthichte. Die Geſchichte der Konkordate
wird bei einer weiteren Fajjung des Begriffs
Konkordat durch die Abmachung des Papſtes
Urban 11. mit dem Grafen Roger von Calabrien
und Sizilien 1098 eröffnet und umſaßt 133
Nummern bis zum Jahre 1914. Davon entfallen
auſ die Zeit bis zum 14. Jahrhundert nur 25
Stü. Dieſe niedrige Ziffer findet darin ihre Er-
klärung, daß die Macht der Kirche in der Blüte-
zeit des Mittelalters jo groß war, vaß die Rege-
lung des Verhältniſſes zwijchen der geiſtlichen
und der weltlichen Gewalt überwiegend in ihrer
Hand lag. Die Erſchütterung dieſer Machtſtellung
jchuf dagegen die VorauSſezungen für den Ab-
jehluß beſonderer Abmachungen, wie das 15.
Jahrhundert zeigt. Während das Zeitalter der
Reſormation und der Gegenreſormation noch
wenige Anläſſe zu derartigen Vereinbarungen
darbot, hat die Herausbildung des modernen
Staates und ſeine Verſelbſtändigung gegenüber
der Kirche ſchon im 18. Jahrhundert ein ſtarkes
Anwachſen der Konkordate zur Folge gehabt;
denn ihm gehören 34 an und mehr noch dem
vergangenen Jahrhundert, für da3 bis zum Be=-
ginn des Weltkrieges 59 nachgewieſen werden
können. Für dieſe neuzeitliche Entwieklung iſt
das von Napoleon mit Pius YI. 1801 ge-
Ichlojjene Konkordat von grundlegender Bedeu-
tung. Sie liegt nicht nur darin, daß e38 anderen
Staaten die Anregung gab, für die Neugeſtaltung
ihrer Beziehungen zur katholiſchen Kirche die
Form des Konkordates oder eine ihm ähnliche
Abmachung zu wählen; auch in der materiellen
Behandlung de8 zur Verhandlung ſtehenden
Grenzgebiets zwiſchen Staat und Kirche wirkte
e3 vorbildlich. Endlich hat Napoleon durch die

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.