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bücher für die Sprachen, ſür Phyſik, für Ge-
ſchichte und Geographie; doch hat er in dex jeiner
Schule eigentümlichen Pflege der Realien erſt
hundert Jahre ſpäter an Comenius einen Nach-
jolger geſunden. Geographie und Geſchichte
nannte er „die zwei herrlichen Augen der Welt-
geſchichte", jedoch blieb ſeine Heimatkunde
mangels zureichender Quellen auf die Autopſie
oder die Lebensſtätten berühmter Gelehrter be-
ſchränkt. Ju den ſpäteren Jahren gab er auch
der individuellen Neigung ſeiner Schüler Raum,
indem er ſie bi8weilen „ins Grüne ſpazieren und
herbatum gehen“ ließ. Der religibjen Unter-.
weijung maß er großen Wert bei, weil pietas
ein Lebensziel der Schule, Künſte, Bücher,
Stände und Regimente ſei; ſeine historia populi
1)ei (1582) iſt ein Vorläuſer von Joh. Hübners
Bibliſcher Hiſtorie für die Lateinſchule. Aber die
Hauptjache bleiben auch in ſeinem Unterricht
das Lateiniſche und Griechiſche als die alle
menſchliche und den größten Teil der himmlijchen
Weisheit umſaſſenden Sprachen des Menſchen-
gejchlecht8; jedoch verraten das Schwüllſtige,
Sententiariſche und Sprachmiſcheriſche ſeinex
Anthologien, die er an Stelle der Klaſſiker leſen
ließ (vgl. 3. B. das Gnomologiceum graeco-
Jatinum), den ſich anbahnenden Abſtieg der Zeit
von den eigentlich humaniſtiſchen Tendenzen.
Die eloquentia war ihm ein Hauptziel des
Unterrichts um ihrer ſormalbildenden Wirkung
willen. Von dieſer mehr unterrichtlichen als
erziehlichen Einſtellung zeugt auch ſeine Unter-
richt3ordnung: „Bedenken an einen guten Herrn
und Freund, wie ein Knabe zu leiten und zu
unterweijen ujw., 1580“, wiewohl N. in Zeiten
der Peſt ſich als treuer Arzt und Pfleger ſeiner
Schüler bewährte. Nach dieſem Unterricht8plan
joll der Knabe von jechs bis acht Jahren Deutſch
und Lateiniſch lejen lernen und es zu einer an-
nehmbaren Fertigkeit darin bringen. Dann folgt
Neander -- Neigung
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Melanchthon anſchloß. Mit des lezteren Emp-
fehlungen wandte er ſich 1547, als er nach der
Schlacht bei Mühlberg die Stadt verlaſſen mußte,
nach Nordhauſen und wurde al8 Lehranſänger
von dem dortigen Schulrektor Baſilius Faber in
die pädagogiſche Praxis eingeführt. Drei Jahre
jpäter berieſ ihn der lezte Abt des Prämonſira-
tenſertloſter3 Jlfeld, der 1546 das Kloſter in ein
proteſtantiſches Pädagogium verwandelt hatte,
an die Anſtalt; N. vermochte ihn alsbald, die
Freiſtellen für Jnternats8züglinge von 12 auf
30 zu erhöhen. Den Fortbeſtand der Schule

die lateiniſche Grammatik und daneben Unterricht :
in Muſik und Schönſchreiben. Geſchichte wird
zwei Jahre lang getrieben; die Krönung bringt :
-Reigung. 1. Der Begriff N. entſtammt der-
toeiniſch, Griechiſch und Hebräiſch mit gleicher
das Studium trilingue, wie denn N. ſelbſt La-
Fertigkeit handhabte.
2. Sein Lebens8gang. Michael Neumann, von
Melanchthon Neander genannt, wurde 1525 in |
Sorau in der NiederlauſiBp geboren. Nach dem
Wunſch ſeines Vaters ſollte er, nachdem er in
Sorau und Goldberg den erſten Unterricht
empfangen hatte, in das väterliche Kauſmanns8-
geſchäft eintreten. Da entſchied ein Unfall über
jein Leben. Er brach ſich bei den Reitverſuchen,
die ihn für kaufmännijche Reiſen tüchtig machen
jollten, den Arm, und im Unmut rieſ jein Vater:
„Nur in ein Kloſter mit dir, du taugſt nicht in
die Welt!“ So wurde er wieder in die Schule ge-
tan und bezog 17 jährig die Univerſität Witten-
berg, wo er nach längerer Muße fich Luther und
nach dem Tode des Abtes (1559) konnte der
junge Nektor nur durch das den drei territorial
zuſtändigen und auſ Auſhebung des Kloſters
dringenden Fürſten gegebene Verſprechen ſichern,
Zeit jeine8 Leben3 bei der Schule zu Jlſeld zu
bleiben; jie beſteht noch heute als Gymnaſium
fort. N. wirkte hier neben ſeiner weitreichenden
produktiven Schriſtſtellertätigkeit als Verwalter
der Kloſtergüter (bis 1589), als Internatsleiter
und alleiniger Lehrer ſeiner 50--60 Schüler,
aus denen er ſich „Helſer“ für die jüngeren
heranzog. Die „Neandricei“ (Neanderſchüler)
zeichneten ſich auf der Univerſität durch gutz2
Vorbereitung aus, wiewohl die Zucht an der
Schule in den lebten Jahren nachließ, und
Melanchthon preiſt N. als den geſchickteſten
Lehrer und Erzieher. Er ſtarb 1595. Jn ſeinem
Charakter vereinigten ſich Biederkeit, Selbſtver-
leugnung und Fleiß mit einem gediegenen Wiſſen
und anregender Lehrgabe; eine Neigung zu
literariſcher Gitelfeit wurde durch jeine lebendige
Frömmigfkeit niedergehalten.
Literatur. Fledeiſen u. Maſius: M. N., Neue
Jahrbücher für Philologie und Pädagogik, Abt. 11
(1881/82, darin auch) ein Katalog jeiner Schriften). --
Klemm: M. N. und jeine Stellung im Unterrichts-
wejen des 16. Jahrhunderts (1884). = Votſch: Die
geographiſchen Schulbücher M. N.8. -- Das biblio-
graphiſch genaue Verzeichnis feiner 43 Schriften |. bei
Jöcher: Allgemeine8 Gelehrtenlexikon, 3. Teil (1751)
u. Fortſetzung Vd. 5. Eberhard.
jenigen Seite des menſchlichen Bewußtſeins, die
man in der ausgejprocheneren Form als Willen
' bezeichnet. Dabei iſt aber zu beachten, daß wir

damit ein Gebiet betreten, das durch ſeine große
praktiſche Bedeutung ſchon immer die Aufmeck-
ſamkeit nicht nur des Forjchers erweckte, das
aber wegen der Komplexität der Phänomene
und der Eigenart der Ginſtellung des Wollenden
einer gewiſſenhaſten Beobachtung ſchwer zu-
gänglich iſt. Damit hängt es dann zuſammen,
daß dieſe Seite des Bewußtſeins auch relativ
ſpät einer experimentellen Unterſuchung zu-
gänglich geworden iſt und daß die reine Selbſt-
beobachtung in der begrifflichen Unterſcheidung
der dabei ins Spiel tretenden Teilſunktionen
noch nicht die Stuſe der Klarheit und Deutlich-

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