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allen Richtungen neigen. Die Kinder werden
jo zu Tyrannen für die Umgebung erzogen.
Gerade der oſt erſtaunliche Einfluß des rechten
Erziehers beweiſt die Berechtigung des eben
Gejagten. Derjenige, der die Lage überſicht,
braucht oſt faum ein ſtrenges Wort auszuſprechen,
es genügt ein ernſtes, aber ſreumdlich geſproche-
nes Wort, um dem ganzen Theater der Aſffekt-
entladungen, Zwangsvorſtellungen, Ungezvogen-
heiten ein Ende zu machen!
Faſt inſtinktiv fühlen die Kinde1, wer ſie durch-
jhaut, wer ſie verſteht, wer ſie wirklich liebt,
und von dieſer Seite genügt dann ein Wort, um
das zu erweden, was ſonſt bei großer Strenge
und Energie unerreichbar iſt. Ein Wort bewirkt
dann die nötige Einſicht und Einfügung. Gerade
in Anſtalten kann man die Eignung zum Er-
zieher bei jolchen Gelegenheiten klaſſijch erleben!
Nuhe, Regelmäßigkeit, Konſequenz, Gewöh-
nungan beſtimmte, unweigerlich innezuhaltende
Ordnung im Zubettgehen, Auſſtehen, Spielen,
Sicherholen, Arbeiten, Cſjen und Trinken ſind
die erſte Regel.
Unterlaſſung (ſchon beim kleinen Kinde) alles
dejjen, was zur Erregung des Kindes beiträgt,
iſt nötig, um den ruhigen Schlaf, das Ausbleiben
des Aufſchre>ens zu erreichen. Daher abends
en leichte Koſt und keine Erregung der Phan-
taſie !
Ter Schrechaſtigkeit der nervöſen Kinder iſt
mit der größten Ruhe, Milde, Beſtimmtheit und
Liebe zu begegnen; niemals darf man hier mit
Strenge, Schelten, Strafen etwas zu erreichen
hoffen!
Von außerordentlicher Bedeutung iſt ſpäter
das richtige Crfennen der Leiſtungsmöglichkeiten
und der Leiſtungsgrenzen. Ermüdung iſt das
Signal des Körpers, daß ſeine Kräſte auſge-
braucht ſind. Gerade bei allen Nervöſen iſt ſorg-
fältig auf dieſes Zeichen zu achten. Andererſeits
iſt es aber unbedingt nötig, Leiſtungen zu ſor-
dern, die vollbracht werden können. Cine er-
füllbare und erfüllte Leiſtung ſtärkt die Kräfte
und das Selbſtvertrauen; eine unerfüllte nimmt
-- wenn unerfüllbar -- das Vertrauen zum
Erzieher.
Den Phaſen der Erſchöpfung, der Apathie,
die es gar nicht zum Handeln kommen läßt,
ſtehen beim Neuraſthenifer -- wie beim Hyſte-
rifer =- die Phaſen der Raſtloſigkeit, des Alles-
Wollens, Alles-Anfangens gegenüber. Hier hat
der Erzieher jorgfältig ſchonend und ſordernd die
Schwellen zu überwinden. (83 iſt bei den Neur-
aſthenikern oſt geradezu tragiſch, wie ſehr ſie ſich
abmühen, wie ſehr ſie leiden im Kampfe ihres
Könnens und ihres Wollens. Sie „wollen“ --
aber ſie ſind von vornherein jelbſt überzeugt, daß
ihr Wollen erfolg!o3 iſt; dieje Vergeblichkeit de3
„guten Willens“ ſteigert ihre Nervoſität, ihre
Entmutigung. Coue hat ausgezeichnet dieſe
Neuraſthenie -- Neurvoje

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Tatſache als vas Geſetz der das Gegenteil
bewirkenden Anſtrengung bezeichnet. „Jch
gebe mir ſolche Mühe!" Der Erzieher hat gerade
hier, zur rechten Zeit hemmend und zur rechten
Zeit ſürdernd, einzugreiſen. Coue vergleicht die
erſchöpfende Erfolgloſigkeit diefer Anſtren-
gungen mit dem Wandern im Flugſand: je an-
geſtrengter man geht, um jo tiefer ſinkt man ein!
(ES laſſen ſich hier keine Einzelvorſchriſten, keine
Vorſchriſten ſür die Behandlung des Einzel-
ſalles geben. Der Erzieher muß wiſſen, ver-
ſtehen, faſt intuitiv ſich in die Pſyche des Zög-
lings verſeßen.
Der Erfolg der Erziehung wird natürlich ſtets
ſtarf bedingt jein durch das, was im Einzelſalle
oft ſchwer zu entjcheiden iſt --- durch erbliche
Minderleiſtungsſähigkfkeit oper Überbeanſpru-
Hier liegt auch ſür die Schule weithin die Lö-
ſung für die Frage der Überbürdung. Sehr
häufig wird da über Überbürdung geklagt, wo
eben eine normale Forderung auf eine angebo-
rene Minderleiſtungsſähigkeit ſtößt.
Literatur. Walther Cimbal: Neurojen des
Kindesalters (1927). -- Heller: Pädagogiſche Therapie
für praktiſche Ärzte (1914). =- Kronfeld: Pſycho-
therapie (1925). = C. v, Düring: Grundlagen und
Grundſätze der Heilpädagogik (1925). -- Scholz: Die
Charakterfehler des Kindes (1911). -- Werxberg: Das
nervöſe Kind (1926). v. Düring.
Neuroje. Wenn man ſich nach einer allge-
mein angenommenen Deſmition des Begriſſes
„Neuroſen“ umſieht, tritt dem Forſchenden die
große Mannigſaltigkeit, Subjektivität bei der
Aufſajjung der nervöſen Erkrankungen entgegen.
Die Einteilung der geiſtigen Erkrankungen nach
einem Prinzip: nach den anatomiſchen Be-
ſunden oder nach den Urſachen oder nach den
Symptomen, iſt nicht möglich.
Bleuler, dejjen Ausführungen mir am
tlarſten zu ſein ſcheinen, ſagt über die Neuroſen
(S. 123): „Die Neuroſen ſind in Wirklichkeit
pjychiſche Krankheiten.“ „Unter dem Namen der
großen Neuroſen hat man früher die Epilepſie
und Hyſterie zuſammengefaßt . . . Die Übrigen
werden jebt häufig als Pſychoneuroſen zu-
ſammengefaßt, ein Name, der früher in ganz
anderer Bedeutung gebraucht worden war, jetzt
aber darauf hinweiſen foll, daß es ſich um
Krankheiten zwar pſychiſchen Urſprungs, aber
von der ſozialen Bedeutung bloßer Neurojen im
biöSherigen Sinne?) handelt. Sie können ja
zum großen Teil in oſſenen Anſtalten be-
handelt werden und beeinträchtigen die Hand-
lungs8- und Zurechnungsſfähigkeit in viel gerin-
gerem Maße als die Geiſteskrankheiten. Dex
RKaie behandelt die Neurotiker als geiſtig geſund,
weil er den Zujammenhang der Symptome
1) Etwa in dem Sinne, in dem Nervoſität
(1. Dd.) aejaat wird.

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