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Das methodiſche Prinzip der evangeliſchen
Erziehung iſt die Weisheit des Grziehers, die in
der Erfenntnis des Erziehungsziels wie in der
eignen Haltung des Erziehers gegenüber dem
Zögling jich jelber immer mehr reinigt und ver-
tieſt, die Natur des Zöglings jorgſältig ſiudiert
und ſich des Kindes Seele offen zu erhalten
verſteht. Sie iſt ebenſo weit von dem Irrtum
entſernt, den Zögling nur in ſeiner Art und
nach jeinen Neigungen wachſen laſſen zu müſjjen,
wie von dem Aberglauben an die Allmacht der
erziehlichen Cinwirkung.
Die „reale Ausführung“ evangeliſcher Ex-
ziehung beſtimmt jich durch die Notwendigfeit,
den Zögling durch die „Zucht“ im Kampf
zwiſchen Geiſt und Fleiſch bis dahin zu führen,
daß er diejen Kampf in eigner Verantwortung
in der Meiſterung des Fleiſches durch den Geiſt
zu ſühren vermag. Die Zucht iſt natürlich nicht
im Sinn der bloßen (gar bloß der körperlichen)
Züchtigung gemeint, ſondern in dem der Hand-
habung deſſen, was den noch vom Fleiſch be-
herrſchten Willen nötigt, ſich einem höheren
Willen, dem Geſet, zu unterwerſen. Die Liebe
iſt der lebendige GotteShauch, der alle Zucht
durchdringt, wie die Zucht der Beweis iſt, daß
die Liebe nicht nur der Naturtrieb iſt, ſondern
geheiligt durch Gottes Geiſt. Zur Zucht der
Liebe tritt die Zucht der Wahrheit; dadurch, daß
der Erzieher dom Zögling zur Erkenntnis der
Wahrheit hilft, rüſtet ex ihn mit etwas Objek-
tivem aus, das ihm zum eignen freien Beſiß wird,
Bei der Zucht der Liebe wird unterſchieden
die Zucht im Verhältnis zum animaliſchen Leben
(Nahrung, Kleivung, Bewegung, Reinlichkeit), im
Verhältnis zum Spiel (hier auch Ausführungen
über Gymnaſtik), im Verhältnis zum ſittlichen
Leben (Andacht [Gebet] und Gottesfurcht; Be-
ziehung zur Gemeinſchaft [Eltern, Geſchwiſter,
Dienſtboten, Geſpielen, zur Welt [| Politik und VatriotiSmus, geſelliges
Leben, Kunſt, Natur]; ſchließlich das Verhältnis
Des Zöglings zu ſich jelbit [Leichtſinn, Chrgefühl,
Schamhajtigkeit, Selbſterziehung; ſexuelle Be-
ſtimmtheit des perſönlichen Lebens]). Mittel
der Liebeszucht ſind Wort, Selbſtdarſtellung
(Beiſpiel), Lohn und Strafe.
Die Zucht der Wahrheit bezieht ſich auf die
Auswahl der Lehrſtoffe ſür die gemeinbildung (die Wahrheit hat es nicht bloß
mit den religiöſen Wahrheiten zu tun, ſondern
mit ver ganzen Wirklichkeit des Lebens) und auf
die Methoden des Lehrens (Zubereitung des
Kindes für die Lehrſtoffe, der Lehrſtoffe für die
Kinder; der Prozeß des Lernens jelbſt).
Literatur. J. Knapp: Realenzyklopädie für pro-
teſtantiſche Theologie umd Kirche, 142, 606 ff. = Th.
E hvtt: Allgemeine deutſche Biographie, 25, 104 ff. --
C. Weizſäder: Jahrbücher für deutſche Theologie, 1875,
353 ff. ev euticherGc -- Worte derErinnerungan D. VP. (1875). -- Eger.

Palmer -- PBantheismus, Panentheiösmus

1108
Panthei5mus, Panenthei5mys. 1. Der Pan-
thei8Smus und das Tranſzendenzpro-
blem. 2. Der Vantheismus und das
Problem: Geiſt-Materie. 3. Der Pan-
theisSmus und die Frage der Perſönlich-
keit Gottes. 4. Der Panentheismus.
Der PV. übt auf moderne Menjhen immer
wieder eine außerordentliche Anziehungskraft
aus. Das iſt darin begründet, daß der P. --
zwar nicht eigentlich in ſich jelbſt d. h. in jeiner
eigenen Grundpoſition, wohl aber in ſeiner
Polemik gegen die naive GotteSvorſtellung
bedeutſame WahrheitsSmomente enthält.
1. Dex P. und 593 Tranſzendenzproblem. Die
Polemik richtet fich nämlich zunächſt gegen die
äußerliche Fajſjung der Tranjzendenz Gottes,
wie ſie die naive Aufſaſjung und in weiterm
Umfange auch die firchliche Dogmatik beherrſcht.
Nach diejer Auſſajſung wird die Tranſzendenz
Gottes als außerweltliche gedacht, alſo ſo,
daß Wott außer und neben der Welt zu jtehen
kommt. Dieſe Fatſung der Tranſzendenz
Gottes hängt aufs engſte mit dem früheren
Weltbild der geozentriſchen Betrachtungsweiſe
zujammen. Da wird unjere kleine Erde als
der Mittelpunkt des geſamten Ko3moS betrachtet
und Gott wird als über der Erde im Himmel
weilend und von dort her auf die Erde wirkend
gedacht. Gott befindet ſich alſo nach diejer Vor-
ſtellung in eimem kontinuierlichen räumlichen
Zuſammenhang mit der Welt.
Dieje Betrachtungsweiſe hatte den Vorteil,
daß das Daſein und Wirken Gottes als abſolute
Realität anſchaulich vorgeſtellt wurde. Tats-
jächlich iſt die Exiſtenz Gottes in der Zeit, da
jenes Weltbild allgemein gültig war, nur ſehr
jelien bezweiſelt worden; auch von ſolchen nicht,
die ſich praktiſch um Gott nicht kümmerten.
Mit dieſer Betrachtungsweiſe iſt dann weiter,
was das eigentliche Wejen Gottes angeht,
eine anthropomorphiſtiſche Auffaſſung Got-
tes gegeben, d. h. Gott wird wie ein einzelnes
Individuum nach Menſchenart vorgeſtellt.
Nan hat allerdings ſchon die Scholaſtik und
ebenjo dann auch die altproteſtantijſche Dog-
matif dieje Betrachtungsweije umzugeſtalten
geſucht. Jndes dieſe Verſuche beſchränken ſich
Doc) darauf, der Schwierigkeit mittelſt bloßer
Begriffsbeſtimmungen und Begriſſsdiſtinktionen
Herr zu werden, die im Grunde auch ihrerſeits
jenes Weltbild 'vorausſeten. Als ganzes iſt
es nicht wirklich überwunden. Für uns iſt aber
heute jene ganze Betrachtungsweiſe vollſtändig
unhaltbar. Drei Faktoren ſind vor allem zu
nennen, die zu dieſem Urteil nötigen: 1. Die
Verdrängung des ptolemäiſchen Weltbildes
durch das kopernikanitche, 2. das Aufkommen
ver Entwiklungslehre für das Gebiet des Natur-
geſchehens, 3. das Aufkommen der hiſtoriſchen
Denkweiſe. Dadurch iſt der frühere organiſche

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