1131
Freilich iſt jene Jutrozeption kein ein-
maliger Akt, der die Bielgeſtaltigkeit der
Wertwelten wie durch ein Zauberwort ein-
verleiben könnte. Wäre dies möglich, jo müßte
es für die Perſönlichfeit ein „Fertig-ſein“
geben. Gs iſt aber das vornehmſte Kennzeichen
echter Perjüönlichkeit, von wertgerichteter
Unvollendbarkeit zu jein, in der das ſich
jelbſt geſtaltende I< in dauernden Kämpfen,
Niederlagen und Siegen das Nicht-JIch geſtaltet,
indem es dejjien Zwece zu jeinen Zweden
macht, ſeine individuelle Ganzheit in Richtung
auf ein wertumſaſjenderes Transperſonales
ausweitet, deſjen objektive Gehalte in ſich
fübjektiviert und durch die Objektivation eines
jo bereicherten Selbſt den Kulturprozeß leiten
hilft. So ſtellt ſich die „Perſönlichkeit“ dar
als ein Wirkungsergebnis von I< und Nicht-J<,
von Individuum und Gemeinſchaft, als ein
Konvergenzprodukt von Jnunenanlagen und
Außeneinſlüſjen, von Vererbung und Umwelt.
Demnach müſſen Perſönlichkeiten material
jteis verſchieden und formal nur inſofern
gleich jein, als allen ein unabſchließbares, wert-
aufnehmendes und wertgeſtaltendes Ganz-
heitsſtreben zukommt.
Der PerſonalisSmus anerkennt mit der Jdee
einer „Hierarchie“ von Perſonen neben den
Einzelwejen noch DaſeinSwejen, die jenen
jelbjſtwertig übergeordnet ſind; jo unterſcheidet
er jich grundſäßlich vom JndividualiSmus. Dem
KollektiviSmus aber tritt er mit der Jdee der
„Ziütrozeption“ entgegen. Denn er ſieht
nicht wie diejer im Individuum eine „Sache“,
ein ſremdzweliches Dienſtweſen; die über-
geordneten Wertwejenheiten werden vielmehr in
freier Selbſtgeſtaltung zu ſelbſtgewähltem (Eigen-
tum, aus dem der Prozeß der Kultur fich nährt.
Literatur zu 1. G. Kerſchenſteiner: Theorie der
Bildung (1926). C. Spranger: Lebensformen
(19253). = G. Budde: Novlogiiche Pädagogik (1914). =
H. Gaudig: Die Schule im Dienſte der werdenden Per-
ſönlichkeit, 2 Bd. (1922*?). -- H. K ejjeler: Pädagogik auf
philoſophiſcher Grundlage (1921). -- I. Cohn: Geiſt der
Erziehung. Pädagogik auf philoſophiſcher Grundlage
(1919). -- u 2. H. Drieſch: Philoſophie des Orga-
niſchen (19212). -- Zu 3. E. Key: Das Jahrhundert des
Kindes (deutſch 1902). -- L. Gurlitt: Erziehungslehre
(1909). = Zu 4. S. Kawerau: Soziologiſche Pädagogik
(1924?). = P. Barth: Die Geſchichte der Erziehung in
ſoziologiſcher und geiſte8geſchichtlicher Beleuchtung
(1925*). = P. Natorp: Sozialpädagogik, Theorie der
Willenserziehung auf der Grundlage der Gemeinſchaft
(1925*). = Derjelbe: Geſammelte Abhandlungen zur
Sozialpädagogik (1907). = Derſelbe: Philojophie und
Päudagogit (1909). -- Derjelbe: Sozialidealismus,
Neue Nichtlinien jozialer Erziehung (1920). -- Zu 5.
W. Nein: Pädagogik in ſyſtematiſcher Darſtellung, Bd. 1,
Grundlegung (1911?), -- W, Stern: Perſon und Sache,
Syſtem des fritiſchen PerjonalisSmus, 3 Bd. (19232).
Luchtenberg.
Peſſimi5nms. 1. Begriff und Typen. P. iſt prak-
tiſch das äußerſte Mißfallen am ganzen Leben,
zu verbreiteter theoretiſcher Formulierung die
Perxjönlichkeit3pädagogitf uſw. -- Peſjimismus

1152
Überzeugung, daß die Unluſtſumme in unſerer
Welt weitaus das Übergewicht über die Luſt-
jumme hat. Das Wort „Beſſimismus" iſt erſt
eine jpätere ſekundäre Prägung, die durc
den entgegengejeßten Fachausdruc>d „Oxptimis-
mus" angeregt wurde. „Optimismus "nannte
man kurz die Leibnizſche Lehre, daß unſere Welt
die beſte unter allen möglichen ſei. Nach der
ſtrengen Superlativſorm müßte dann auch der
P. unſere Welt für die ſchlechteſte unter allen
möglichen halten. Tatjächlich gelten auch als
„Peſſimiſten“ diejenigen, welche zugeben, daß
die ſchlechte Welt noch ſchlechter ſein könnte,
alſo keineSwegs die ſchlechteſte iſt. Cbenjo
nimmt man es mit dem Optimiſtentitel nicht
immer ſo genau. Die Optimiſten müſſen nur
an die Überwiegende Güte der Welt glauben;
jie dürfen zugleich zugeſtehen, daß hier und da
Mängel zu bejeitigen jind. Dieſer laxe Gebrauch
der ſuperlativiſchen Bezeichnungen iſt ſv ge-
läufig, daß es überflüſſig erſcheint, die gemäßig-
ten Typen des OptimiSmus und P. mit den
Sondernamen „MelioriSmus“" und „Pejoris-
mu3“ zu belegen. Der P. erfährt verſchiedene
Abwandlungen durch Abgrenzung der Gebiete,
ſür die vas Verwerſungsurteil gelten joll.
Handelt es ſich um den Wert der ganzen Welt,
jo kann man von einem metaphyſiſchen oder kos
mologijchen P. ſprechen. Steht die Sphäre des
ſittlichen Lebens in Frage, ſo haben wir einen
ethiſchen P. Analog kann der P. aud) auf den
übrigen Kulturſeldern Varietäten entwickeln.
Überall beſteht die Möglichkeit, poſitive Werte
gegen negative Werte abzuſchäßen und dabei
ein Übergewicht der negativen Werte ſeſtzu-
ſtellen. Sehr verlockend iſt eine pſychologiſche
Ableitung von Peſſimismustypen. Hermann
Cbbinghaus wollte 3. B. zwei Veſſimi8Smus-
typen mit zwei verſchiedenen Temperamenten
in Zuſammenhang bringen, ſo daß die Reſt-
hälfte des vierteiligen Temperamentenſchemas
jür zwei OptimiSmustypen reſerviert bliebe.
Cr kombinierte den Gegenjaß peſſimiſtijcher und
optimiſtiſcher Dispoſition mit dem Gegenſatz
affektartiger und ſtimmungsartiger Geſfühls-
ſormen. Die Kombinationsprodukte ſollen ſich
mit den vier Temperamenten de>en. Der
peſſimiſtiſche Aſſektmenſch iſt Choleriker, dex
peſſimiſtiſche Stimmungsmenſch Melancholiker,
der optimiſtiſche Aſſektmenſch Sanguiniker, der
optimiſtiſche Stimmungsmenſch Phlegmatiker.
Der vem vielgenannten „Entrüſtungspeſſimismus“
identiſch. Der melancholiſche ſtimmungsartige
P. pflegt meiſt „Stimmungspeſſimismus“ zu
heißen. Der eine Typus entlädt ſich in inter-
mittierenden lauten Zornausbrüchen, ver andere
in andauerndem ſtillen Gram. Sicherlich iſt
mit dieſer Konſtruktion nicht die Geſamtheit
der Typenbildung erſchöpft. Auch die beiden

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