1157
Natürliche wie auf das Geiſtige ſich richtenden
Wertungen ſind, wie überall im Leben des
Menjc wegzudisputierende Macht; aus ihnen kommen
die lezten, entſcheidenden Motive und Normen
des pädagogiſchen Handelns, und zwar auch da,
wo man ſich theoretiſch, unter Beruſung auf
die Autonomie der Vädagogit, aller weltan-
ſc Pflicht. 1. Wortbedeutung. Das Wort „Pflicht“
iſt abgeleitet von „pflegen“ und bezeichnet
urſprünglich ſowohl den Akt des Pflegens im
Sinne von Fürſorge, Obhut und Verwaltung
als auch die aus dem Empfang ſolcher Pflege
jich ergebenden „Vſlichten". Die VorauS3ſezung
dieſer lezteren Bedeutung iſt die in allen
Völkern und insbeſondere auch im deutſchen
Lehensweſen vorliegende Rechtöauffaſſung, daß
der Empfang ſolcher „Pflege“ (alſo der Empfang
von benetieia jeder Art) den Empfänger zur
Übernahme von forrejpondierenden Gegen-
leiſtungen (von onera) „verpflichte“. Der
Cmpfang der Pflege bringt in die Lage des
Sculdigſein3, daher die Synonymitöt von
„Lſlicht und Schuldigkeit". Dieſen Sinn haben
die altgermaniſchen Ausdrüke: „in Eid und
Pflicht nehmen“ und „die Pflicht auffagen".
Schon bei dieſer Auſſaſſung ſteht die Vflicht
im Gegenſaß zu den freien Trieben des Herzens,
das die durch den Empfang der Vflege Über-
nommene Pflicht als „Laſt“ empfindet.
2. Die philoſophiſche Auffaſſung. Die Phi-
loſophie ringt ſeit Sokrates mit dem Pro-
blem, wie man jenen auf der Verbindung von
Wohltaten einerſeits und Pflicht und Schuldig-
keit andererſeits begründeten rechtlich gearteten
Zwang aufheben und eine innerliche Ver-
pflichtung ebenſoſehr, ja noch mehr als bei
jener elementaren Auffaſſung begründen könne,
und ſie behauptet, die Löſung dieſes Problems
im der Art zu finden, daß die Pflicht auf die
vernunftgemäße Erkenntnis gegründet
wird. Cicero hat in ſeiner Schrift „de oſfieüs“
jene auf dem Rechtsverhältnis ruhende Pflicht
als eine ſolche niederen Range3, die auf die
Vernunſt gegründete Pflicht als die des höchſten
Nanges bezeichnet. Kant wird der Ruhm zu-
geſprochen, daß er die Pflicht vollkommen aus
dem Rechtösverhältnis gelöſt hat, dadurch daß
er grundſäßlich alle egoiſtiſchen Sinne und
Motive aus dem Weſen der Pflichterfüllung
ausſchließt, die Autonomie des Willens auſ-
richtet und nur diejenigen Pflichten anerkennt,
die die menſchliche Vernunft fich ſelbſt gibt.
Sr unternimmt es (in der Einleitung zu der
„Metaphyſik der Sitten"), den Pflichtbegriff,
er „an jich ſchon der Begriff von einer Nötigung
Zwang) der freien Willkür durch Gejeß ſei",
n den des „Selbſtzwangs8“ (durch die „Vor-
Pflege (erzieheriſche) -- Pflicht

1158
ſtellung des Geſetzes allein") umzuwandeln.
Während Kant mit dieſen Gedankengängen
auf die Löſung der Verbindung von Religion
und Pflicht hinſtrebt, behauptet er andererſeits,
die wahre Verbindung des Pflichtbegriffs
mit der Religion bezeichnen zu können durc) den
Saß, daß „das Formale aller Religioiu“ darin
ſiege, jie als den „Inbegriff aller Pflichten als
göttlicher Gebote" zu erklären. Dieſe Formel
Kants hat im hohem Maße nicht allein den
Religionsunterricht, ſondern auch die kirchliche
Verkündigung beherrſcht durch das philoſophiſche
Werturteil, dem man ſich weithin beugt, „daß
der Hühepunft der Pſlichtauſſaſſung nur von
dem erreicht werde, der aus dieſen Erkenntniſſen
heraus handelt, während jene NPflichtauſſaſjung,
die ſich für empfangene Wohltat und Hilfe
verpflichtet weiß, in den Niederungen des
Lebens heimiſch ſei“. Die Konſequenz dieſer Auf-
ſaſjung iſt die, daß man diejenigen Worte der
Bibel, des KatechiSmus und unſerer Kirchen-
lieder, die an jene urjprüngliche Pflichtauf-
ſaſjung erinnern, als gegenüber dem philo-
jophiſchen Pflichtbegriff minderwertig oder
wenigſtens nicht gleichwertig anſieht.
3. Die und ſoll jenes Streben der Philoſophie nach Be-
ſreiung des Pflichtbegriff8 von äußerlich recht-
lichem Zwang den von minderwertigen Gedanken reinigen. Aber
ebenjojehr muß auch die Gefahr vermieden
werden, daß die ſpeziſiſch und ſittliche Erfahrung, in der der evangeliſche
Chriſt die Entſtehung der Pflichtgefühle und des
Pflichtbewußtjeins erlebt, durch philoſophiſche
Dialektik beeinträchtigt wird. Die chriſtliche
Crfahrung lehrt, daß jene von der autonom
gerichteten Philoſophie gering geſchäßte ur-
ſprüngliche Bedeutung des Wortes Pflicht,
alſo jener Zuſammenhang zwiſchen empfangener
Nſflege und Hilfe einerſeits und der Verpflichtung
zum entſprechenden Tun und Verhalten andrer-
ſeits demChriſtentum durchaus nicht widerſtreitet,
jondern m ihm feine Erfüllung und Vertiefung
erhält.
Die ganze Bibel Alten und Neuen Teſta-
mentes iſt beherrſcht von der Erfahrung der
Frommen, daß der Cmpfang göttlicher Wohl-
taten, göttlicher Hilfe und göttlichen Schußes
uns die kräftigſten Motive zum Gehorſam gegen
Gottes Gebote gibt. Der Dekalog wird ein-
geleitet durch die Erinnerung: „Jc< bin der
Herr dein Gott, der dich aus dem Ägyptenland,
aus dem Dienſthauſe geführt hat", und der
Sinn des durch Vermittlung Moſes geſchloſſenen
und unter Jojia und GCöra erneuerten „Bundes"
liegt darin, daß die Verpflichtung zum Gehorſam
gegen Gottes Gebote mit Gottes Segen un-
irennbar zuſammenhängt. Das iſt auch der
Sinn, den Jeſus dem Gleichnis von den böſen
97

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.