1259
mernde Wiſſen zu wecken und damit, nach der
ec Tugend jei, die Mitunterredner auch zu einem
ſittlich reifexen Leben zu führen. ZJns8beſondere
in den Schriſten, in denen Pl. ſeinen eigenen
Standpunft herausarbeitet, im Gorgias,
Menon und Phaidon, dann im Phaidros8
und Gaſtmahl nehmen Erörterungen, die in
diejem Sinne der Erziehung gelten, einen breiten
iaum ein. Das Weſen der Erziehung im Lichte
idealiſtiſcher Auſſaſſung wird hier zum erſten
Male ſcharf herausgearbeitet. Erziehung be-
jteht danach nicht in einem Aufſammeln äußerer
Crſahrungen für die Bedürſmiſſe des äußeren
Lebens, jondern ſie beſteht in dem Aufbrechen
eines inneren Lebens, das in der Anſchauung
der Zveen geweckt wird und deren Ziel ſich in der
Liebe erfüllt, die ſich auf das Ewige und Dau-
ernde richtel.
Bejonders aber iſt die Schrift über die Staats-
verfaſjung (Politeia) den Erziehungsfragen
gewidmet, und es wird hier der von Pl. geforderte
Aufbau des Erziehungsweſens eingehend ge-
ſchildert. Wie jehr der Erziehungsgedanke das
gejamte Staatsweſen bei Pl. durchdringt,
wurde erwähnt. Letzthin dienen alle Ein-
richtungen und Geſeße der Erziehung der
Bürger; um dieſe überall zu ſichern, bedarf es
der Herrſchaft der Weiſen. Aber darüber hinaus
bildet die Erziehung überhaupt das wichtigſte
Anliegen dieſes Staates, und es iſt kein Zuſall,
daß Pl., kaum daß er in ſeiner großen Schrift |
den (Grundbegriff des Staates gewonnen, ſich
den Crzichungsfragen zuwendet und eigentlich
alles mit ihnen in Verbindung ſetzt. Dabei iſt
hier, wie überhaupt bei der Staatsverfaſſung,
der Gegenjaß zur Zeit, deren Wortführer die
Sophiſten ſind, ganz beſtimmend. Nicht auf
den GCinzelnen, ſondern auf das Ganze des
Bolfstums iſt zuleßt das Abſehen der Erziehung
gerichtet. Nicht der Einzelne in ſeinen ſelbſt-
jüchtigen Beſtrebungen ſoll gefördert, ſondern
das Volk als Ganzes, als eine ſittliche Leben3-
gemeinſchaft joll aufgebaut werden. Dazu
muß der Einzelne vielmehr völlig in der Ge-
meinſchaft auſgehen; und wie die Einrichtungen
des Staates überhaupt vor allem darauf
hinzielen, den Einzelnen dem Ganzen zu
unterwerfen, jo joll insbeſondere durch die
Erziehung die Gemeinſchaft gefördert werden.
Dieſe Sorge für das Ganze überwacht ſchon
die Zeugung der Bürger; nur die zur Zeugung
Tauglichen werden miteinander verbunden
und nur die gefuimden und wohlgebildeten
Kinder werden aufgezogen. Raſſenpflege im
Dienſte der Geſamtheit de8 Volkes erſcheint
als eine der wichtigſten Aufgaben des Staate8;
aus der Verſchlechterung der Raſſe leitet Pl.
den Verfall der Staaten her. Die Erziehung
jelbſt iſt dann eine durchaus gemeinſchaftliche,
Platon

1260
vom Staate geleitete. Wie die Familie ab-
geſchafft iſt, jo hat der Einzelne kein Recht der
Mitbeſtimmung über Ziel und Weg der Ex-
ziehung. Auch hier zeigt ſich der äußerſte Gegen-
jaß zu dem Freiheitsſchwindel der Zeit, ein
Gegenjaß, der allerdings ſo ſehr überſpannt
wird, daß ein ſolcher Zuſtand wirklich nur unter
der Herrjchaſt der Weiſeſten erträglich erſcheint.
Um die Erziehung des Standes der Hand-
arbeiter kümmert ſich der Geſetzgeber nicht.
3 iſt eine unausrottbare Überzeugung des
Griechen, daß Handarbeit zu freier geiſtiger
Bildung unfähig macht. Sie bleibt deShalb
den Stlaven überlaſſen, und als ſolche müſſen
wir uns die Handarbeiter wohl auch im pla-
toniſchen Staate denken. Die Vorſchriften
jür die Erziehung gelten nur für den oberen
Stand, der allein das eigentliche Volk ausmacht
und an den ſich die Forderung völliger Gemein-
Ichait daher vornehmlich richtet. Hierbei werden
zwei große Stufen unterſchieden. Zunächſt
die allgemeine, dem geſamten Kriegerſtande
zugute kommende Erziehung, die Pl. haupt-
jächlich im zweiten und dritten Buche ſeiner
Schrift behandelt, und dann darauf aufbauend
für die am meiſten Begabten die philoſophiſche
Erziehung, der beſonders das ſiebente Buch
gewidmet ift.
Tie allgemeine Erziehung des geſamten
Kriegerſtandes ſchließt ſich äußerlich der alt-
überlieferten Bildung der Griechen an, inſofern
Gymnaſtik und Muſik ihre beiden wichtigſten

| Beſtandſtücke ſind. Die Gymnaſtik, die Aus-
bildung des Kriegers, ſoll dabei doch auch auf
jittliche Zwecke hinzielen, indem ſie dazu dient,
den männlichen Geiſt der Tapferkeit zu ent-
ſalten, welcher den Stand der Krieger vor
allem bejeelen muß. Die Muſik umfaßt auch
bei Pl. die gejamte geiſtige Ausbildung, ins-
bejondere die Beſchäſtigung mit den Werken
der Dichtung, in der Pl., allgemeiner griechiſcher

Auffaſſung ſolgend, die Hauptvermittlerin gei-
ſtiger Bildung ſieht. Dabei wird aber alles
mit größter Entſchiedenheit dem ſittlichen und
religiöſen Gedanken unterſtellt. Selbſt Homer
wird verworfen, weil er unſittliche Vorſtellungen
über die Götter verbreite, in der Muſik die
Üppigen neueren Harmoniegeſchlechter. Nur
ernjte Muſik und Lobgeſänge auf Götter und
Helden ſind zu dulden. Die Begabteſten aus
vem Kriegerjtande werden dann ausgewählt,
um ſchon ſrühzeitig neben dieſem allgemeinen
Unterricht noch einen beſonderen in den
mathematiſchen Gebieten zu erhalten. Die
Mathematik gilt Pl. als die Vorſchule alles
wijjenſchaftlichen und philoſophiſchen Denkens.
Die Beſten unter dieſen werden mit dem
zwanzigſten Jahre ausgeſchieden, um nun in
die verſchiedenen Fächer der Wiſſenſchaft ein-
geſührt zu werden. Mit dreißig Jahren werder

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.