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im firchlichen und kommunalen Leben. Unter
den Stürmen des Weltfrieges entſchlieſ er dort
am 15. Juli 1915; das Denkmal auf ſeinem und
jeiner nach ihm geſtorbenen Gattin Grabe enthält
die von ihm verſaßte Injchriſt: „Näher zu Gott,
das war ihr Streben -- Jeſus zu dienen, das war
ihr Leben.“ Er hinterließ drei Töchter und einen
Sohn; zwei Kinder waren 1866 in zartem Alter
binnen acht Tagen geſtorben.
2. Sein Wirken. a) Der Pädagoge. VWB.
bejaß die glückliche Gabe, das Gold der wiſſen-
Ichaſtlichen Pädagogik für die Praxis der Volks-
ſchule in handliche Münze umzuprägen; die
wiſſenſchaſtlichen Säße erfaßte er intuitiv mit
Seele und Herz und gab ihnen jo viel Anſchau-
lichfeit und Wärme, daß ſie auch der einfachſte
Lehrer verſtehen konnte und Freudigkeit zur
Nachſolge bekam. Die Hauptquellen jeiner Päd-
agogit waren Bibel, Peſtalozzi, Herbart und das
Leben. Erziehungs8ziel war ihm die Ausbildung
der religivs-ſittlichen, vaterländiſch geſinnten
Perſönlichkeit, Erziehungsmittel in erſter Linie
das Vorbild des Erziehers, weiterhin der Unter-
richt. „Wir wirken weniger durch da38, was wir
wijjen, als durch das, was wir ſind.“ „Für kind-
lichen Mutwillen muß der Erzieher Verſtändnis,
ſjür Schwäche Geduld, für Roheit Ernſt, für Leicht-
ſinn Stetigkeit, für jedes Kind Liebe in Wort und
Tat haben.“ „Auch das Kind hat ſeine Rechte,
die der Crzieher nicht mit Füßen treten ſoll.“
„Ihne die Teilnahme des Hauſes an der Arbeit
der Schule iſt unjere Mühe ein Schwimmen ge-
gen den Strom.“ Aus ſeinem Streben, den
Unterricht in den Dienſt der Erziehung zu ſtellen,
erwuchs jein „Lehrplan für ein- bis dreiklaſſige
Volksſchulen. Nach dem Grundſatze der Stoſſ-
zujammengehörigfeit aufgeſtellt" (Gera 1888),
der an die Stelle planlos zuſammengereihter
Lernſtoſſe einen planmäßigen Bildungsauſbau
jezen und alle einzelnen Bauſtoffe unter die Herr-
jichaſt der Erziehung3auſgabe ſtellen wollte. Der
ganze Lehrplan zielte hm auf das wirkliche Leben
des Kindes und auf ſein Tun; denn „was in
unjerm Schulwiſſen nicht zum Tun drängt, iſt
nicht wahrhaft bildung3- und lebenSskräftig.“
Schwer- und Mittelpunkt ves Lehrplans war die
Religion. Für die Bearbeitung der Unterrichts-
ſtoffe verwendete P. anfangs „die methodiſche
Dreiheit Anſchauung, Einſicht und Einübung".
Später lehnte er ſich an Herbarts Formalſtuſfen
amund unterſchied: Vorbereitung (Einſtimmung),
Darbietung, Vertieſung (Verknüpfung und Zu-
jammenſajſjung) und Verwertung (Anwendung;
Übung -- „Denk- und Beziehungsfragen“). --
Alle Kinder unſeres Volkes ſollten nach
jeiner Anſicht in der allgemeinen Volks-
jchule bis zum 10. Lebensjahre eine gleiche
Bildungsgrundlage erhalten. Die Simultan-
ſchule „als Friedebringerin durch Zwang“
lehnte er ab.
Pola

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b) Als Kreisſhulinjpektor ſah P. jeine
Aufgabe darin, die Volksöſchule zu heben, die
Lehrer in ihrer methodiſchen Schulung und All-
gemeinbildung zu fördern, das Anjehen des
Lehrerſtandes zu mehren. Seine Amts8grund-
jäße waren „Nähe und Liebe"; nicht herrichen
wollte er über die Lehrer, nur führen, ein Mit-
helfer ihrer Arbeit, ein Mehrer ihres Erfolges
und ihrer Freude ſein. Während ſeimer Amtszeit
wurden in jeinem Bezirke 37 neue Lehrerſtellen
gegründet, jo daß die Durchſchnitt8zahl der Schü-
ler von 102 auf 72 für jeden Lehrer ſank, 38
Schulhäujer neu- oder umgebaut, neue Bänte,
zweädmäßige Lehr- und Lernmittel beſchafft.
Zweimal im Jahre, nach Bedarf noch häufiger,
beſuchte er jede Schule. Die Einführung bzw.
Förderung des Turn-undHandarbeit3unterrichts8,
die Gründung von Schülerbüchereien und Schul-
jvarkaſſen ſowie die Einrichtung ländlicher Fort-
bildungsjc Den Aufſichtskreis hatte P. in jechs Konſerenz-
bezirfke geteili, in jedem hielt er jelbſt jährlich acht
Konferenzen ab. Ein „Konferenzblatt“ brachte
die monatliche Tages8ordnung: amtliche Be-
jprechungen, Referate über ein pädagogiſches
Werk, ſchulmäßige Behandlung methodijcher
Themen, Vrobelektionen; ſtand eine neue me-
thodiſche Jdee oder ein neues Lehrmittel zur Ver-
handlung, ſo hielt er ſelbſt Muſterlektionen. Übri-
gens griff er auch bei jeinen Schulbeſuchen häufig
in den Unterricht ein, um zu zeigen, wie ein
Gegenſtand methodiſc< beſjer oder auch anders
zu behandeln ſei; im guten Beiſpiel, nicht in
Worten, erſchöpfte ſich ſeine Kritik. Die noch
nicht feſt angeſtellien Lehrer hatten monatlich
ein pädagogij Für die Fortbildung der Lehrer gründete er eine
Kreislehrerbücherei von über 2000 Bänden. --
Für die Chre des Lehrerſtandes trat ex allezeit
ein und regte die Lehrer unermüdlich an, die Ge-
meinſchaftspflichten gegenüber ihrem Stande zu
erfüllen. In Wort und Schrift forderte er immer
wieder die allgemeine Durchführung der haupt-
amchen, ſachmänniſchen Schulauſfſicht in Preu-
zen.
6) Der Schriftſteller. Neben der umfang-
reichen heruſlichen Arbeit und Fortbildung (Päd-
agogit, fremde Sprachen, Literatur, Geſchichte;
Neijen) fand P. noch) Zeit für ausgebreitete
Ichriftſtelleriſche Tätigkeit. Das war nur möglich
bei jeimer großen Arbeitskraſt und -freudigfeit
und ſeinem Verzicht auf Vergnügungen. 1)
Schulbücher. Sein erſtes Schulbuch, die
„Gejchicht3bilder aus der allgemeinen und vater-
ländiſchen Geſchichte“, ſchrieb er, 39 Jahre alt, im
Jahre 1874, aus dem Bedürfnis ſeimer Schule
heraus. Ferner jeien erwähnt das „Jüuſtrierte
Realienbuch“" und das „Kleine NRealienbuch für
einfache Schulverhältniſje" (das erſte ſeiner Art,
im über 1 Million Exemplaren verbreitet). Die

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