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gegründet -- leugnet, um ſie durch die mathematiſche
Funktionalbeziehung zu erſetzen, ſondern auch Körper
und Seele als beſondere Einzelweſen beſtreitet, um nach
Aufhebung des Gegenſatzes von I< und Umgebung,
Schein und Sein nur noch Cmpfindungen bzw. deren
Komplexe als den alleinigen, nur verſchieden betr«ächt=
baren (Phyſik, Pſychologie) Gegenſtand der nur auf
Kraſterſparnis abzielenden Wiſſenſchaft anzuerkennen.
Hans Vaihinger (geb. 1852) jucht zu zeigen, daß,
iwas als Erkenntnis zu gelten pflegt, in den weiſten
Fällen nicht eine Außenwirklichkeii verrifft, ſondern auf
Fiktinnen beruht, d. h. auf bloßen Annahmen, „als vb“
etwas wirklich jo wäre, wie es uns erſcheint, ſv daß die
Fiktionen (zu denen auch Ding und Seele gehören)
nicht eigentlichen Wahrheitswert, ſondern nur einen im
Daſeinsfampf förderlichen biologiſchen Wert beſitzen,
während als Tatſächliches allein die Sinne8empfindungen
anzuſehen ſind.
Literatur. Ernſt Laa3: Jdealisnmus und Poſitivi3-
uus, 3 Teile (1879-1884). = Eugen Dühring:
Kurjus der Philoſophie als ſtreng wiſſenſchaftliche Welt-
anſchauung und Lebensgeſtaltung (1875). -- Derſelbe:
Wirklichkteitsphiloſophie (1895).--Richard Avenarius:
Kritik der reinen Erſahrung, 2 Bde. (1907--19082?). =-
Derſelbe: Der menſchliche Weltbegriff (19122). --
Joſef Petzoldt: Das Weltproblem vom Standpunkt
des relativiſtiſchen PoſitiviSmus hiſtoriſch-kritiſch dar-
geſtellt (1924*). =- Ernſt Mach: Die Analyſe der
Empfindungen und das Verhältnis des Phyſiſchen zum
Pſychiſchen (1911*). =-- Derſelbe: Erkenntnis und
JTretum (19062), -- Han3 Vaihinger: Philoſophie
des Als ob. Syſtem der theoretiſchen, praktiſchen und
religibdjen Fiktionen der Menſchheit auf Grund eines
idealiſtiſchen Poſitivizmus. Mit einem Anhang über
Kant und Nießbſche (1911), -- „Zeitſchrift für poſi=
tiviſtiſche Philoſophie“ (herau8geg. von H. VBaege
1913--16), Organ der „Geſellſchaft für poſitiviſtiſche
Philvfophie“, die 1926 in die „Geſellſchaft für empiriſche
Philoſophie“ aufging, in deren Organ „Annalen
der Bhiloſophie und philoſoph. Kritik“ die
pvſitiviſtiſchen Gedanken 3. T. noch nachleben. Heyde
Pragmatismus, vom griechiſchen moCrremw =
handeln, heißt in weiterem Sinne jede Philoſo-
phie, die das „Handeln“ Über das Dentken ſtellt
und das Kriterium der Wahrheit einer Theorie
m ihrer „praktiſchen“ Auswirkung findet, ja
jogar behauptet, daß jede Theorie nur um der
Praxis willen aufgeſtellt ſei und die Nütßlichkeit
einer Erkenntnis dieſe ſelbſt hervorgebracht habe.
Cine Geſchichte des Begriffs P. hat Ludwig
Stein im Archiv für ſyſtematiſche Philoſophie
Bd. XIV (1908) gegeben. Pragmatiſten in
dieſem weiteren Sinne waren in der Antike die
Sophiſten, beſonders Protagoras, in neue-
rer Zeit die engliſchen Utilitariſten, auch
Goethe, wenigſtens wenn man ſich an ſeinen
Spruch hält: „Was fruchtbar iſt, allein iſt wahr“,
aber vor allem und in kraſſeſter Form Niekſche,
der erklärte: „Wenn es mix erwieſen ſcheint,
daß Zrrtum und JUuſion der Entwicklung des
Lebens dienlich ſind, werde ich zu Jrrtum und
Zlujion Ja ſagen; wenn es mir erwieſen ſcheint,
daß die Inſtinkte, welche die gegenwärtige
Moral als ſchlecht bezeichnet -- 3, B. Härte,
Grauſamkeit, Liſt, Verwegenheit, Kampfluſt --,
imſtande ſind, die Vitalität de8 Menſchen zu
vermehren, jo werde ich zum Böſen und zur
Sünde TJa ſagen; wenn es mir erwieſen ſcheint,
PoſitiviSmus -- Pragmatismus

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daß das Leiden ebenſoſehr wie die Freude zur
Erziehung des menjc trägt, werde ic) auch zum Leiden Ja ſagen. --
zm Gegenteil werde ich zu allem, was die Vita-
lität der Pflanze Menſch herabſetzt, Nein ſagen.
Und wenn ich entdecke, daß die Wahrheit, die
Tugend, das Gute, mit einem Worie: alle vom
Menſchen biSher verehrten und geachteten
Werte, dem Leben ſchädlich ſind, werde ich zu
Wiſſenſchaft und Moral Nein ſagen.“ -- Ferner
gehören hierher die Poſitiviſten wie Mach und
Yaihinger, die den Wert und die Wahrheit
aller ErkenntnisSfunktionen und Erkenntniſſe aus
ihrer Brauchbarkeit, Fruchtbarkeit und Zwectk-
mäßigfeit im Kampfe um3 Daſein herleiten
oder, wie Simmel in ſeinen Jugendarbeiten,
behaupten, die wahren Vorſtellungen ſeien auf
dem Wege der Ausleſe entſtanden, und wahr ſei,
iwas ſich als zwecdmäßig für die Gattung be-
währte.
P. im engeren Sinne heißt die amerika-
niſch-engliſche Philoſophie, die durch die
Bücher von William Jame3 (Pragmatism, a
new Name for 80me old Ways of Thinking, Po-
pular Lectures on Philosophy, 1907; deutjch von
W. Jeruſalem, 1908) und F.C. S. Schiller
(Humanism, Philosophical EsSays, 1903, 2. Aufl.
1912; Studies in Humanism, 1907; eine Aus8-
wahl aus beiden hat überjezt Nudolf Eisler,
Humanis8mus8, Beiträge zu einer pragmatiſchen
Philoſophie, 1911) begründet wurde. Der P.
erſcheint hier zuerſt als eine Methode, die es
ermöglicht, Streitfragen über Weltanſchauungen
zu entſcheiden. Da ſich 3. B. theoretiſch die
materialiſtiſche Metaphyſik ebenſowenig be-
weiſen läßt wie die religiöſe, jo liegt die Ent-
ſcheidung über die Wahrheit der einen oder der
anderen in ihrem praktiſchen Unterſchied, nämlich
in dem, was ſie für das Leben leiſtet. Der P.
iſt fexner eine Lehre vom Weſen der Wahrheit.
Die Eriſtenz ewiger Wahrheiten läßt ſich nicht
erweiſen. Die Wahrheiten ſind veränderlich
und beweglich. Die jeweilige Wahrheit eines
Urteils ergibt ſich aus ſeinen praktiſchen Konſe-
quenzen und aus der Entſcheidung darüber,
ob wir mit diejem Urteil arbeiten können oder
nicht, ob es uns in der Praxis nüßlich iſt oder
nicht. Cs kommt auf dasſelbe hinaus, ob ich
jage: ein Urteil iſt wahr, weil es nüßlich iſt,
oder: eim Urteil iſt nüßlich, weil es wahr iſt.
Auf dem Gebiete der Cthitl fällt das Wahre mit
vem Guten zujammen: „Wahr heißt alles, was
ſich auf dem Gebiete der intellektuellen Über-
zeugung aus beſtimmt angebbaren Gründen als
gut erweiſt“ (James). Hieraus ergibt ſich zu-
gleich die Wahrheit und ver Wert -- beides iſt
für den Pragmatiſten dasſelbe --- des religiöſen
Glauben3: „Glaube iſt das ſeeliſche Verhalten,
das um prattiſcher Zwecke willen bereit iſt,
wertvollen und wünjchen3werten Überzeuagun-

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