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jamen Pflege der Heimatkunde in Erdkunde,
Geſchichte und Naturkunde, die Cmpfehlung
des Unterrichts im Freien, der Schulgärten
und der Schulſpaziergänge, im Rechenunterricht
die ſtarfe Betonung der Berücfſichtigung der
Bedürſniſſe des praktiſchen Lebens, in der Natur-
kunde die Forderung biologiſcher Betrachtungs-
weiſe und eingehender Belehrungen über Ge-
jundheitöpflege. Mit Recht urteilie Muihejiwms
in den Bädagogiſchen Blättern 1909 zuſammen-
ſaſſend über den Erlaß: Daß er „alles das zur
amtlichen Vorſchriſt macht, beweiſt, daß ſein
Urheber mit offenem Sinn und weitem Blick
die pädagogiſche Bewegung der Gegenwart
verfolgte und frei von allen bürofratiſchen
Bedenken das, was er in ihr als geſund erkannte,
der Verwirklichung zuführte."
Literatur: Lüdi>e: Die preußiſchen Kultu8miniſter
und ihre Beamten 1817 bis 1917 (1917). -- Neichs=-
und Staats8anzeiger v, 15. 10. 1909, Nr. 244, --
Mutheſius: Artikel in den Pädagogiſchen Vlättern,
Nr. 11, S. 5323 ff. (1909). Leiſt.
Preußen (Bildungsweſen) |.
(Nachträge).
Schlußband
Privatſchulweſen, |. auch Deutſches Bildungs-
weſen und das Bildungs8weſen der Länder.
1. Begriff. Privatſchulen jind Schulen, in denen
das Verhältnis der Schule zum Unterhaltungs-
träger, zu den Lehrfräſten, Erziehungsberechtigten
und Schülern durch Nrivatvertrag geregelt wird.
Obeine Schule eine private oder öffentliche Schule
iſt, hängt nicht einſeitig davon ab, ob die Schule
von einer politiſchen Gemeinde oder Körper-
ſchaft des öffentlichen Rechts unterhalten wird,
ſondern iſt vor allem daran erfennbar, ob die
Lehrkräſte in Bezug auf Anſtellung, Diſziplin
und Entlajjung als öffentliche Lehrkräfte be-
handelt werden und ob ein Zwang zum Beſuch
der Schule ausgeübt wird. (Preußiſcher Miniſte-
rialerlaß vom 22. 5. 1865.) Durch private Stif-
tungen entſtandene Privatſchulen ſind des öfteren
als öffentliche Schulen anerkannt oder doch in
rechtlicher Beziehung wie ſie gehalten worden,
ivenn der Staat oder eine Korporation des öffent-
lichen Rechts die Kontrolle über die Stiſtungs-
mittel auSübte und obige Kennzeichen der öffent-
lichen Schule jonſt vorhanden waren.
2. Rechtölage. Die Verfaſſung des Deutſchen
Reiches von 1919 unterſcheidet in Artikel 147
zwiſchen Privatſchulen als Erjatz für öffentliche
Schulen und ſolchen, die nicht als Erſaß für öffent-
liche Schulen dienen. Als erſtere gelten ſie, wenn
entjprechende öffentliche Schulen nach Lande3-
recht allgemein vorgeſehen oder zugelaſſen ſind;
die lezteren dienen der Vorbereitung nur auf
einen einzelnen Beruf, der Erlernung ſremder
Sprachen, der Ausbildung in Gymnaſtik oder
Muſik uſw. Doch iſt die Grenzlinie zwiſchen ihnen
und den Erſjaßichulen ſchwer zu ziehen, ſeit die
Preiſche -- Privatjſchulwejen

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Staatsregierung auch mit der Gründung öffent-
licher Schulen zur Vorbereitung auf einzelne Be-
rufe ſtärker hervorgetreten iſt. =- Die Rechts-
verhältniſſe der Erfaßſchulen werden durc< Ar-
titel 147 der Verfaſſung, die der anderen Privat-
ſchulen nur durch Landesrecht geregelt. Erſaß-
jchulen müſſen nach der Verfaſſung genehmigt
werden, wenn ſie in ihren Lehrzielen und Gin-
richtungen wie in der wiſſenſchaftlichen Au3-
bildung ihrer Lehrfräſte nicht hinter den öffent-
lichen Schulen zurückſtehen und eine Sonderung
der Schüler nach den Beſißverhältnijſen der
Gltern nicht gefördert wird. Die Genehmigung
iſt zu verjagen, wenn die wirtſchaftliche und recht-
liche Stellung der Lehrfräſte nicht genügend ge-
ſichert iſt. Für die Genehmigung privater Volks8-
ſchulen gelten darüber hinaus noch zwei weitere
Bedingungen: daß nämlich ſür eine Minderheit
von Erziehungsberechtigten, deren Wille nach
Artikel 146, Abſaß 2 zu berücfſichtigen iſt, eine
öffentliche Volksſchule ihres Bekenntnijje3 oder
ihrer Weltanſchauung in der Gemeinde nicht be-
ſteht oder daß die Unterrichtsverwaltung ein be-
ſonderes pädagogiſches Intereſſe anerkennt. Pri-
vate Vorſchulen ſollen aufgehoben werden, ſobald
die Entſchädigung der Inhaber und Lehrkräfte
reichsgeſeßlich geregelt iſt.
Demnach darf die Genehmigung privater
Schulen nicht mehr von der Bedürfnisfrage ab-
hängig gemacht werden. Die dieſen Reichö3recht
etwa entgegenſtehenden Beſtimmungen der Län-
der ſind ungültig, ſoweit diefer Artikel der Ver-
ſaſſung geltendes Recht enthält. Durd) die Verein-
barungen der Unterrichtsverwaltungen der Län-
der zu Artikel 147, Abſatz 1 der Reichsverfaſſung
vom Dezember 1927 haben ſich dieſe verpflichtet,
entgegenſtehende Geſeßzesbeſtimmungen oder
Regierungserlaſſe der Verfaſjung gemäß abzu-
ändern. Die Regelung der Rechtögrundlage der
Privatſchule in Deutſchland durch Geſeße iſt alſo
noch nicht abgeſchloſſen. Die anderen Länder, wie
Holland und Belgien, geben der privaten Schule
viel weiteren Spielraum und behandeln ſie auch
bei der Zuwendung öffentlicher Mittel ebenſo
wie die öffentlichen Schulen. Auch England, das
ven Schulzwang erſt 1876 einführte, und Amerika
haben eim ausgedehntes blühendes Privatjchul-
wejen, das ſeine wirtſchaftliche Grundlage oſt
großzügigen Stiftungen von Schulmäcenen ver-
dankt. Frankreich hat jchon 1808 das geſamte
UnterrichtöSweſen einer oberſten Schulbehörde
unterſtellt und ſeit 1904 die Privatſchule ſv voll-
ſtändig der Staatsfouveränität unterworfen, daß
Privatſchulen ſich kaum noch entfalten können.
3. Geſchichte. Das geſamte deutſche Bildungs-
weſen iſt herau8gewachſen aus dem kirchlichen
Schulweſen, der äußeren und inneren Kloſter-
ichule. Das Rittertum erzog feine Knaben und
Mädchen durd) privatangeſtellte Lehrkräfte auſ
den Burgen. Nach Erſtarfung des Städteweſens

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