1345 PVſyc Schule“ (Cohen, Natorp, Caſſirer u. a.) wendet
man ſich konſequenter als Kant gegen den VPſycho-
logiSmus. Nach Cohen iſt es jein Grundſehler,
daß er das „allgemeine Problem der Erkenntnis
vereinzelt“ und alſo nicht die konſtituierenden
Bedingungen echter Theorie zu lieſern vermag.
„Alle reinen Erkenntniſje müſſen Abwandlungen
Des Prinzips des Urſprungs ſein.“ Der „Ur-
ſprung“ aber iſt nicht pſychologiſch uuszudeuten,
ſondern ſtet eine Einheit im Sinne eines um-
faſſenden, logiſch-ſyſtematijichen Zujammenhangs
dar, in dem jedes empiriſche Element ſeine
unwanvelbaren Beziehungen hat. Weil die
Pſychologie „vor der reimen Anſchauung und
dem reinen Denken“ verjagen muß, bleibt für
ſie nur übrig, „das Problem ver Einheit des
Kulturbewußtſems" zu löſen, das die ſyſte-
matiſche Einheit einer logiſchen Geltung Üüber-
haupt zur Vorausſezung hat. Die Logik geht
alſo der Pfychologie gewiſſermaßen bedingend
voraus und ſpricht ihrer Geſezmäßigkeit die
Eigenbedeutung ab. Indem ſo die Pſychologie
von der Logik geradezu aufgeſogen wird, geht
der AntipſychologiSmus der Marburger in
Logizizmus über. Daher herrſcht 3. B. in
Natorps Pijychologie vielſach ein abſtrakter
RationaliSmus, der den lebendigen Wirklich-
keiten nicht gerecht wird. -- In der „Badiſchen
Schule“ (Windelband, Rickert, Lask u. a.) wird
das Problem der Erkenntnis mit dem des Wertes
gemeinjam behandelt. Entſprechend der Güte
und der Schönheit wird die Wahrheit als eine
ſpezifiſche Art des abſoluten Wertes aufgefaßt.
So erſcheint die Logik der Äſthetik und Ethik
gleihgeordnet, und die logiſchen Werte weiſen
wie die äſthetijchen und die ethiſchen auf ein
„Normalbewußtſein“ oder eim „Bewußtſein
überhaupt" hin, in dem ein tranjzendentales
„Sollen“ die logiſche Priorität vor dem empi-
riichen „Sem“ beſjißt. Eme Erkenntnis aber
fommt erſt zuſtande, wenn Wert und Wirk-
lichkeit im Denken in Beziehung treten; darum
iſt es nötig, die tranſzendental-logiſche Methode
durch eine Tranſzendentalpſychologie zu exr-
gänzen. Pſychologie als bloße Tatſachenwiſſen-
jchaft wird alſo nicht als Faktor der Erfenntnis-
begründung anerkannt; ſie kommt nur inſofern
in Betracht, als ſie die Tatſachen vom Stand-
punkte der Logik aus, d. h). unter Aner-
kennung des im „Bewußtjein überhaupt“ ge-
gebenen Wahrheitswertes behandelt.
b) In feiner Stellungnahme zur Pſychologie
erinnert der NeukantianiSmus an Hegel, der
in der logiſchen Jdee den eigentlichen Weltgrund
ſieht, ſo daß alle logiſchen Gedankenverbindungen
als Darſtellungen ontologiſcher Zuſammenhänge
erjdjemen. Seim „Panlogismus"“ erſeßt die
vpſychologijche durch die dialertiſche Methode,
nach der die Denkbewegung geſezmäßig dur)
Widerſprüche (Theſis, Antitheſis) hindurch zu
Pädagogiſches Lexikon. III.

und Logiziamus3
1346
ihrer „Aufhebung“ (Syntheſis) gelangt, um
in ihr dieſen Dreiſchritt wieder neu zu beginnen.
Denmach iſt die Pſychologie als Tatjachen-
wiſſenſchaſt am Werden der Wahrheit un-
beteiligt; ſie kann nur die Stufen ſichtbar
machen, die das logiſche „Inſichſein“ der ewigen
Weltvernunft „außer ſich“, d. h. in den empi-
rijchen Gegebenheiten der ſubjektiven Geiſter
überwinden muß, um zu „ſich jelbſt“ zu kommen.
Das Geiſtesleben iſt nur ein „Zuſichſelbſt-
fommen“ des im die natürliche Welt zerſtreuten
und in der logiſchen Idee erſt an ſich ſeienden
Geiſtes. Demnach iſt „alles Wirkliche vernünf-
tig“, wenn es für ſich betrachtet auch als nicht-
logiſch erſcheinen mag.
ce) Huſterl, der im Gegenſaß zu Kant mit der
phänomenologiſchen Methode ein mate-
riales Apriori auſdeen will, hat in ſeinen
„wogiſchen Unterſuchungen“ den Pſychologis-
mus eingehend geprüft und entſchieden befämpft
(vgl. Art. „Phänomenologie"). Er ordnet die
Pjychologie zu den Tatſachenwiſſenſchaſten, die es
nicht vermögen, „Fundamente für diejenigen
philoſophijchen Diſziplinen abzugeben, die es mit
den reinen Prinzipien aller Normierung zu
tun haben, aljo der veinen Logik, der reinen
Ariologie.“ Er weiſt beſonder3 auf drei Kon-
jequenzen hin, die dartun, daß es unhaltbar
ijt, die Pſychologie zum Fundament der Logik
machen zu wollen: 1. Da empiriſche Erkenntnis
keine apodiktiſchen Geſeke zu lieſern vermag,
müßten auch die Geſeße des Denkens bei pſycho-
logiſcher Auffaſſung „unexakt“ und „vage“ ſein
und könnten nur „pſychologiſche NRegelmäßig-
keiten“ darſtellen. 2. Da die Pſychologie als
Tatjachenwiſſenſchaft wie jede Naturwiſſenſchaft
auf „Induttion“ angewieten iſt, kann ſie nur
„Wahrſcheinlichkeit" begründen, über die alſo
auch die „Naturgeſeze des Denfen3" nicht hin-
auszugelangen vermögen. 3. Da die Denk-
geſeze pſychologiſtiſch geſaßt werden, ergibt
jich der Zirkelſchluß, daß ſie zwar auch logiſche
Geſetze für das pſychiſche Leben ſind, zugleich
aber die Griſtenz des Pſychiſchen die Voraus-
jeßung ihrer Gültigfeit iſt. -- Die pſychologi-
ſtiſche Interpretation des Satzes vom Wider-
ſpruch im Anſchluß an J. St. Mill wird im
beſonderen ablehnend kritiſiert. Huſſerl geſellt
zu den drei Konſequenzen des Pfychologismus
noch drei „Vorurteile“, um ſeine Unhaltbarfeit
zu beweiſen: 1. „Vorſchriſten zur Regelung von
Pſychſchem ſind ſelbſtverſtändlich pſychologiſtiſch
fundiert. Demgemäß iſt e8 auch einleuchtend,
daß die normativen Geſeze der Erkenntnis in
der Pſychologie gründen müſſen." Anzuotr-
kennen jei nur die „Mitbeteiligung“ der Pſycho-
logie bei der Grundlegung der Logik, nicht aber,
daß ſie ihr „weſentliches Fundament“ darſtelle.
2. Das Vorurteil, die Logik habe es lediglich
mit „pſychiſchen Phänomenen“ zu tun, wird mit
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