1397
Ratke, Wolfgang. In R. meldet ſich zum
erſtenmal in Deutſchland die wijſenſchaftliche
Emanzipation der Pädagogik, für die das Eng-
land Bacons und das Frankreich Montaignes in
poſitiver Reform der Lebensrichtung und Welt-
anjchauung den breiten Grund gelegt hatten.
Cs fehlt freilich noch jene Stetigkeit der Ent-
wicklung und die ſyſtematiſche Durchführung der
Jdee, die in Comenius zum Ziele kommt.
1. Leben und Wirken, 94.5 Leben3gang ſpiegelt
die gärende Unruhe diejes Wanderpädagogen.
Geboren 1571 zu Wilſter in Holſtein, beſuchte er
das Johanneum in Hamburg und ſtudierte in
Roſtoel, emer Hochburg des Luthertums, Theo-
logie und Philoſophie. Seiner ſchweren Sprache
wegen verzichtet er auf den Kirchendienſt und
wendet ſich jprachlichen Studien zu, die ihn auf
die methodiſche Beſinnung führen. Die dem
17. Jahrhundert eigene Unzufriedenheit mit dem
Stande des Unterrichtöwejens findet in dem
didaectiecus (jo nennt er fich von 1602 an und
latiniſiert den Familiennamen nach der Sitte
der Gelehrten in Ratichius, davon verſtümmelt
Ratich) einen leidenſchaftlichen Anwalt. Bald
genügte ihm die Jdee einer bloßen Unterrichts-
reform, die er von 1603---10 in Holland (und
England?) als Privatlehrer neben jeinem Spra-
mehr, und als Ziel ſteigt „eine gründliche Neu-
geſtaltung des geſamten GeiſtesSlebens auf dem
Boden des Luthertums“ auſ. Für ſolche Ziel-
ſezung bedurſte er (und juchte er zeitlebens) die
Hilfe der Fürſten und Stadtobrigkeiten; aber
zugleich mußte ihm das Angebot des Prinzen
von Oranien mit ſeiner Einſchränfung der Neſorm
aufden Lateinunterricht unannehmbar erſcheinen,
zumal er bereits jekt, im Wertſchäzung der
Lutherbibel, auf methodiſche Pflege der Mutter-
ſprache zu ſinnen begann. Kecker Hand ergriff er
die Gelegenheit, welche die zur Kaijerwahl in
Frankfurt a. M. im Frühjahr 1612 zuſammenge-
tretene Reichsverjammlung ihm bot, und legte
dem Reich3tag eine Denkſchrift vor, in der er
verſprach, „zu Dienſt und Wohlfahrt der ganzen
Chriſtenheit“ Anleitung zu geben: 1. wie die
Sprachen „in gar kurzer Zeit leicht zu lernen und
fortzupflanzen ſeien“; 2. wie auch in hoch-
deutſcher Sprache eine Schule eingerichtet
werden könne, „darin alle Künſte und Fakul-
täten ausführlich können gelehrt und verbreitet
werden“; 3. wie im ganzen Neiche eine ein-
trächtige Sprache, Regierung und Religion ein-
geführt und friedlich erhalten werden fünne.
Die Verheißungen dieſes Memoxrials rührien an
Stimmungen, die lauter oder leiſer in den Be=
ſtrebungen der deutſchen Sprachgeſellſchaſten,
im der Abwehr des ſcholaſtiſchen Schulbetriebes,
in der Sehnjucht nach kirchlichem Frieden und
emer Reſorm der Welt ihren zeitgenöſſiſchen
Ausdru> fanden, und fortan beſchäftigten --
Ratke



1398
nicht ohne eine entſchlojſene Gegnerſchaft --
ſeine Reformvorſchläge ein Vierteljahrhundert
mitten in dem ſchweren Kriege deutſche Re-
gierungen und Hochſchulen. Jn Weimar, Anhalt,
Heſſen, der Pfalz und in den ſächſiſchen Landen
ließ man ſich die Erprobung der neu erfundenen
Lehrart etwas koſten, und bedeutende Städte
iwie Augs8burg, Frankfurt a. M. und Magdeburg
befundeten ihr tätiges Intereſſe, nachdem zuvor
die auf fürſtliche Veranlaſſung ausgearbeiteten
und denkbar günſtig ausgeſallenen Gutachten der
Gießener Profeſſoren Helwig und Jung und der
Jenaer Gelehrten die Baſis geſchaſſen hatten.
Aber die Unternehmungen des unſteten Didak-
tifers endeten ſtets mit greller Diſſonanz. Nach
raſtloſem Wanderleben durc) Mittel- und Süd-
deutſchland (Baſel) ſchien die Sonne, die er
ſymboliſch jeinen Lehrbüchern voranjeßte, in
jeinem Leben auſzugehen, als er 1618 der ſchon
vor Jahren ergangenen Ginladung des Herzogs
Ludwig von Anhalt nach Köthen ſolgte.
Der hochſmnige Fürſt gewann die Mit-
wirkung feines Neſſen Herzog Ernſt von Weimar,
und beide gewährten dem Reformer die Mittel
zur Gründung einer Muſterſchule mit je drei
„deutſchen Klaſſen" ſür Knaben und Mädchen,
auf die ſich eine latein- und eine griechiſch-
ſprachige Knabenklaſſe aufbauten, dazu auch
Mittel zurGewinnung namhafter Mitarbeiter und
zur Einrichtung einer Druderei für die im Geiſt
der neuen Lehrkunſt herzuſtellenden Lehrbücher.
Der Fürſt ſelbſt behielt ſich die Oberleitung des
Schulwejens vor und ließ auf dem Schloß für
„PBräzeptoren und Studenten“ Vorlejungen
über die neue Methode halten. Das Werk war
groß angelegt, und die Arbeit ging anſänglich
glatt von ſtatten. Aber bald trübte ſich R.8 Ver-
hältnis zur reformierten Lande8geiſtlichfeit, zu
jeinen Mitarbeitern und zum Fürſten. Der
materielle Konfliktſtoff wird am kürzeſten deutlich
aus den mit R. im Gefängnis gepflogenen Ver-
handlungen. R. beklagt ſich, daß man ihn wegen
der Religion die Didaktika nicht habe ſrei treiben
laſſen und daß man ihm deren Mitteilung an
andere verbiete. Vom Fürſten wird ihm vor-
gehalten, daß er jeinen vielfachen Verjprechun-
gen bezüglich Durchführung der Reform nur
ſehr mangelhaft nachgekommen jei, daß er ſich
jeiner vornehmſten Mitarbeiter ohne Urſache zu
entledigen verfuchte, und daß er ſogar mit
heimlicher Entfernung von Köthen gedroht habe
-- eine Drohung, die ſich um ſo leichter be-
greifen läßt, als es R. auch in Köthen kaum
um emen „feſten Siß" zu tun geweſen zu
ſein ſcheint. Die Hauptgründe des Zwieſpalts
lagen in den Klagen der Schulinſpektoren über
mangelnde Zucht und in dem Streit mit den
Geiſtlichen über Einführung des Heidelberger
KatechiösmuS, die der eiſernde Lutheraner ſchroff
ablehnte; hinzu kam deren Geaenjaß aeaen die

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