1403
methodiſchen Lehrbuch, daß der Unterricht eine
Kunſt iſt, die erzogen werden kann und geübt jein
muß und deren „Gründe“ „jowohl aus der
Natur des Menſchen als aus den Eigenſchaften
der Künſte und Wiſjenſchaften“ gewonnen jein
wollen, wahrſcheinlich aber auch die Beſtxebungen
de3 Jahrhunderts zur Verſtaatlichung des
Bildungsweſens gehen auf die Anregungen
Natke3 pder der Ratichianer zurüc.
Literatur. Vogt: Das Leben und die pädagogi-
ſchen Beſtrebungen des Wolſg. N. (Programme des
Gymmaßſiums zu Kaſſel, 1876-82); dort die geſamte
Literatur zu N., fortgeſeßt in den Monatsheſten der
Comeninsgeſellichaft bis 1892. -- Derſelbe: W.R., der
Vorgänger des Comenius (1894, Greßler3 Klaſſiker der
Pädagogit, Bd. XY11). = Stoerl: Wolfg. N. (Progr.
der Realſchule zu Leipzig, 1876). = Lattmann: NR. und
die Natichianer (1898). =- Krauje: Wolfg. NR. im Lichte
jeiner und der Zeitgenoſſen Briefe und als Didaktikus
in Köthen und Magdeburg (1872). --- Ratichianiſche
Schriften 1 und 1], herausgegeben von Stößner (in:
Neudruke pädagogiſcher Schriften, 1892-1893). --
Die Methode 9.8 iſt am beſten erſichtlich aus dem von
jeinem Schitler Joh. Nhenius heraus8gegebenen Me-
thodus institutionis nova quadruplex (1617). -- Den
Schulpolitiker 9. mit ſeinen Forderungen der Staat3-
ſchule, Schulpflicht und fachmänniſchen Aufſicht würdigt
erſtmalig Kahl: Zur Geſchichte der Schulaufſicht (1913),
S. 30--509. ECberyard.
Raumlehre j. Mathematiſcher Unterricht.
Reagieren j. Neiz uſw.
Realgymnaſium ſ[. Höhere8 Schulweſen und
das Bildung3weſen der Länder.
Realien. 1. Verſchiedenartige Verwendung des
Begrifſs in Geſchichte und Gegenwart. Der Be-
griff „Realien“ bezeichnet „Sachbeziehungen“
oder „Sachkenntniſſe". Er wurde in Vergangen-
heit und Gegenwart entſprechend der ſo mäch-
tigen und weitverbreiteten Tendenz des Realis-
mus (ſ. d.) häufig angewandt, leidet aber auch
an der Vieldeutigkeit dieſes Begriffs. Bei den
Humaniſten beſteht das „Sachliche“, das man im
Gegenjaß zu den formal-abſtraften Übungen der
Scholaſtik betont, in dem äſthetiſchen und ge-
ſchichtlichen Gehalt der antiken Klaſſiker. Die
Meinungen und Redewendungen der alten
Dichter, Redner und Geſchichtſchreiber ſind es,
von deren Beherrſchung man den Auſſchwung
alles perſönlichen und geſellſchaftlichen Lebens,
aller geiſtigen, ſittlichen und körperlichen Kräfte
erhofft. Die Sammlungen und Zuſammen-
ſtellungen dieſer „res“ ſmd ſür die Bildungs-
pflege der Humaniſten, 3. B. bei Johannes
Sturm, eine der wichtigſten Aufgaben. Eine
grundſäßliche andere Auffaſſung, die nunmehr
vor allem auch einen Gegenjaß gegen den Hu-
manismus bedeutet, breitet ſich dann von dem
ſenſualiſtiſchen EmpiriSmus Bacon3 her aus.
Jet ſind es die Dinge der Gegenwart,
deren unmittelbarem ſinnlichen Eindrue wir
uns hingeben und aus denen wir erſahrungs-
mäßia alle Beariſie und Wertungen aewinnen
Natkte -- Regalien

1404
ſollen. Durch Comenius werden dieſe An-
regungen auſgenommen: Kenntnis der Heimat,
Naturgeſchichte, Beachtung des Handwerks
u. ähnl. treten in den Lehrplan der Schule ein.
Von A. H. Franke, Semler, Hecker, ven Phi-
lanthropen werden die Realien in ſolchem Sinne
betont. Die Zeit des deutſchen JdealiSmus und
NeuhumanisSmus war dieſer Schäßung nicht
günſtig; zeitweiſe konnte ein Abjehen von der
„Wirklichkeit“ geradezu als didattiſches Prinzip
erſcheinen. Um ſv entſchiedener betonten die ſeit
der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden
Strömungen die Nealien, als die man zeitweiſe
alles Moderne, u. a. auch die neueren Sprachen,
verſtand. Es iſt auf Grund der geſchichtlichen
Entwicklung verſtändlich, daß auch in der Gegen-
wart die Realien ſehr verſchieden auſgeſaßt wer-
den und daß ſo ziemlich jedes Sinngebiet bald
unter diejen Begriff einbezogen, bald von ihm
ausgeſchloſſen wird. Am weiteſten iſt wohl die
Auſſajjung verbreitet, wonach als Realien die
mathematiſch -naturwiſſenſchaftlichen Fächer im
Gegenſatz zu den geiſte8wiſſenſchaftlichen (den
„Dumaniora“) verſtanden werden. Mit dieſer
Begriffsbeſtimmung aber kreuzt ſich in auſ-
fälligſter Weiſe die, welche „Nealien" als Gegen-
jaß zu „Formalien“ auſſaßt; da als ſolche For-
malien neben aller ſyſtematiſchen Sprachbehand-
lung auch die mathematiſchen und phyſikaliſchen
Sinnentwielungen rechnen, jo iſt nach dieſer
Begriffsbeſtimmung vielfach Mathematik oder gar
Nehyſik von den Realien ausgeſchlojjſen, während
Kunſt, Geſchichte, Religion, fremde und eigene
Volkskunde als Realien angeſehen werden. Da-
mit fällt teilweiſe die Begriffsbeſtimmung zu-
ſammen, die Realien als Gegenſaß zu „Verbalien“
auffaßt; dieſe gibt aber auch ihrerſeits wieder zu
verſchiedenen Ausdeutungen Anlaß: entweder es
iſt die vorwiegende Beſajjung mit dem Sprach-
lichen als ſolchem, der gegenüber man die Re-
alien betont, oder es iſt der Gegenſatz gegen
ſprachliche Darſtellung der Dinge überhaupt,
der gegenüber als Realien alle ſimnſällig-ding-
lichen Gegebenheiten gemeint ſind. Endlich iſt
noch zu erwähnen die Begriffsbeſtimmung, nach
der Realien in allen Fächern den Gegenſaß zu
den „Jdealien" bedeuten, d.h. die breite Wirklich-
teit des Lebens im Gegenjatz zu den idealen, aus
dem Alltäglichen herausgehobenen Sinm- und
Wertgehalten. Bei Willmann wird die Unter-
ſcheidung zwiſchen Jdealien und Realien auch in
dem Sinne getroffen, daß als Jdealien die Schul-
wiſſenſchaften (Mathematik, Philologie, Theo-
logie, Philoſophie) gelten, die zugleich als grund-
legende Diſziplinen bezeichnet werden, während
Realien die populariſierten Wiſſenſchaften (Ge=-
ſchichte, Weltkunde, Polymathiſches Wijjen, Na-
turfunde) oder akzeſſoriſche Diſziplinen bezeich-
nen. Alles in allem handelt es ſich alſo hier um
eine in kaum überbietbarer Weije fich kreuzende

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