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lichen Regalien verſtanden. Dieſer Zug iſt be-
rechtigt, ſoweit man eine Anſchauung des Ga1n-
zen der fremden und eigenvölkiſchen Kultur an-
jtrebt. Ein ſol Weſenhafte und Eigenartige einer Kultur her-
vortritt, kann reiche Belehrung und Anregung
bieten; die Anſchauung des Realen kann neben
ver unmittelbaren Eindruckskraft der großen
menſchheitlich bedeutſamen Werke eine wichtige
Rolle jpielen; ſie kann, bald dieſe ſelbſt erläuternd,
bald aus ihnen Stoff empfangend, der Beſaſjung
mit einer Kultur Vollſtändigkeit und Abrundung
geben. Nur jind auch hier die häufig hinein-
pielenden empiriſtiſchen Vorſtellungen zurüczu-
weiſen, die ein Abhängigkeitsverhältnis zwiſchen
dieſen höheren Gehalten und der breiten All-
täglichfeit des Lebens im dem Sinne annehmen,
daß ſtets aus ſolcher real gegebenen Geſamtheit
der höhere Gehalt zu erklären ſei, und überhaupt
eine empiriſche Ableitung des Geiſtes eines Volfs-
tums und eines Zeitalters aus einer möglichſt
umfaſjenden Aufjammlung des Tatſächlichen
ſordern. Vielmehr iſt in allen diejen Fällen mit
einem unmittelbar anſprechenden VTindru> ge-
rade der höchſten Gehalte zu rechnen und erſt
indem ſie von ſolchen übergreiſenden Geſichts-
punkten aus verſtanden werden, werden auch die
Einzelheiten des realen Lebens anziehend!
Literatur. Fr. Vauljen: Geſchichte des gelehrten
Unierrichis (19212). -- Otto Willmann: Didaktik
(1903*). -- Wilhelm Nein: Pädagogik in ſyſtematiſcher
Darſtellung (1911-1913). -- Ir. W. Dörpfeld: Grund
linien einer Theorie des Lehrplanes (1873), Werte Bd. 11,
1894. -- G. Kerſchenſteiner: Weſen und Wert des
naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts (1914). =- Theodor
Litt: Geſchichte und Leben (1925*). -- Wichmann.

Realismys. 1. Der philoſophiſche Be-
griff. 2. Die pädagogiſche Begriffs-
bildung. 3. Das pädagogiſche Prinzip.
Ter Begriff der NealiSmus ſteht in engem Zu-
ſammenhang mit ſchwierigen und ſtrittigen
Fragen der Erkenntnistheorie und Ontologie; ex
iſt daher ſchon innerhalb der Philoſophie ſelbſt
vieldeutig. Da er ferner in ver Pädagogit
verquidt mit beſtimmten geiſtigen Tendenzen
auftritt, ſo ergibt ſich eine dreifache Auſgabe:
1.den philojophijſchen Begriff des Reali3-
mus zu eniwickeln; 2. jeine pädagogiſche
Verwendung klarzulegen; 3. darzuſtellen, in
welchem Sinne der RealiSmus als pädago -
giſches Prinzip ſeine Berechtigung hat.
1. Dex philoſophiſche Begriff. Das lateiniſche
Wort „res“, von dem „real“ und „Neali8mus"“
herzuleiten iſt, bedeutet keineSweg3s nur das
Ding, das uns ſinnfällig und materiell gegeben
iſt, fondern auch „Sache“, „Angelegenheit“,
„Gegenſtand“ allgemein. Je nachdem man
nun ſolche „Gegenſtändlichkeit“ oder „Dinglich-
keit“ glaubt beſtimmen zu können und dabei mehr
die abſtrakte over konkrete Seite betont, ſällt da-
Realien -- Reali3mus

1408
her auch der Begriff des Nealismus verſchieden
aus und kann eine geradezu entgegengeſekte Be-
deutung annehmen. Gehen wir von der kon-
kreten Bedeutung aus, jo ſtellt der naive Re-
alismuSs eine Geiſte8haltung dar, für die in der
Gegebenheit und im gegenſeitigen Verhältnis
der Dinge fein 'Problem vorzuliegen ſcheint.
Die Dinge jind ihm das, als was ſie erſcheinen,
und ihre Auſſajjung durc und denkende Bewußtſein wird nach Analogie
der zwiſchen ihnen ſelbſt obwaltenden Bezie-
hungen vorgeſtellt. In diejer Weiſe iſt der naive
RealiSmus die Grundhaltung jedes unbefan-
genen Bewußtjeins und hat als jolcherjein Recht.
Wird er aber prinzipiell, d. h. glaubt dieſe ur-
ſprüngliche, unbeſangene und unproblematiſche
Gewißheit gegen irgendwelche theoretiſche Hal-
tung ſich als das Höhere behaupten zu können,
jo verbindet er ſich meiſt mit materialiſtiſchen
oder ſenſualiſtijchen Auffaſſungen. Danach
ſtellen nur die materiellen Dinge und die ſinn-
lichen Gindrücke etwas Wirkliches und Weſen-
haftes dar, bei allem Gedanklichen und Jdeellen,
bei allen Begriffen, Urteilen, Werten handelt es
ſich nur um Zuſjammenfajjungen, Abkürzungen,
Namen; auch das ſeeliſche Leben iſt nur eine
Widerſpiegelung oder ajjoziative Verknüpfung
der von den materiellen Dingen ausgehenden
ſimnlichen Eindrücke. Demgegenüber geht die
entgegengeſetzte Anſicht von der Tatjache aus,
Daß wir 3. B. in den Säßen der Mathematik,
der Logit, aber auch in der Auſſtellung unmittel-
bar einſichtiger Sinnbeziehungen wie: „weiß iſt
eine Farbe“, jowie in ven Wertungen „Gegen-
ſtände“ vor unjerem Bewußtſein haben, die
grundſäßlich ihrem Weſen nach von der materi-
ellen Dinglichkeit unabhängig ſind: mache ich von
dem Peripheriewinkel im Kreiſe eine Angabe, ſo
meine ich damit den Kreis als jol Dieje meine Ausjage beweiſen, während ich zu-
gleich weiß, daß ein materiell gegebener Kreis
diejen Auſſtellungen niemals im mathematiſchen
Sinne voll entſprechen kann; oder auch: das
ſittliche Geſeß kann als Vorausſezung eines in
ſich widerſpruchöſreien Wollens Gegenſtand
meines Bewußtſeins werden, auch wenn niemals
jemand danach handelt. Jn allen vieſen Fällen
iſt etwas von der ſinnlich-dinglichen Realität
grundſäßlich Unabhängiges gemeint und dadurch,
Daß ich auf dieſe „idealen Gegenſtände" mich
richte, gelange ich zu bedeutungs3vollen, über die
bloße ſinnliche Erfahrung hinausgreifenden Ein-
ſichten. E3 iſt nun nach der umſajjenden Be-
deutung ves lateiniſchen Wortes „res“ durchaus
verſtändlich, daß auch eine philoſophiſche Rich-
tung, die das Gegenſtändliche im diejem Sinne
betont, „Realiomus"“ genannt wird, z. B. in der
ſcholaſtiſchen Vhilojophie der Standpunkt
derjenigen Denker, die den Univerſalia
(Allgemeinbegriſſen) ein von ver ding-

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