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brechen, ihn wild wachſen zu laſſen, da ex dann
der Geſellſchaft „im höchſten Grade gefährlich“
würde; aber am beſten wird er ihr nüßen, wenn
man ihm „eine das Innere ſeiner Natur be-
friedigende Lauſbahn" ermöglicht. In ver-
wandter Weiſe achtet Fröbel, der die Er-
ziehung Entfaltung des Göttlichen im Menſchen
nennt, die Eigenart jede3 Menſchen, weil ſich
in ihr dieſes Göttliche jede3mal auf eigentümliche
Weiſe darſtellen will; da nun dabei jeder einzelne,
wenn auh nach beſonderem Nhythmus, die Ent-
wicllung der Menſchheit in ſich wiederholt, ſo
hat jede Stuſe diejer Entwicklung, inöbeſondere
auc) die des Kleinkindes, ihr Eigenrecht. Das
Spiel des jungen Kindes dient der Entfaltung
und Einübung ſeiner Kräſte und iſt ein Tun
„um der Tätigkeit willen", während im Knaben
der Geſtaltungstrieb ein Werk ſchaffen, den Stoff
beherrſchen, den Sinn des Leben3 erarbeiten
will. Wenn auch Fröbel -- eben weil das Weſen
De3 Menſchen göttlicher Art iſt -- dieſes Weſen
jeinem Kerne nach gut nennt, jo ſindet er es
Doc) verdunfelt durch das „Fleiſch“ und iſt
keineSwegs blind gegen jeine Mängel, in3be-
ſondere gegen den Eigenſinn, der ihm „der
erſte und häßlichſte aller Fehler iſt". Jm gan-
zen aber wird die früheſte Erziehung „nach-
gehend (nur behütend, ſchüßzend), nicht vor-
jchreibend, beſtimmend, eingreifend"“ ſein dürfen,
damit die organiſche Entfaltung nicht geſtört
werde. Erſt wenn ſich das Kind über ſich ſelbſt klar
zu werden beginnt, muß, wenn nötig, die vor-
Ichreibende, beſtimmende Erziehung einſeßken,
um „Ausbrüche“ zu korrigieren und die ſittliche
Weltordnung geltend zu machen. Würde dex
Naum es geſtatten, ſo ließe ſich leicht zeigen,
daß Peſtalozzi und Fröbel in die große Linie des
Neuhumanismus hineingehören, der von Leſſing
über Herder, Goethe und Schiller zu Jean Paul
läuſt und der --- wa3 die Erziehung betrifſt --
zwar die aufonome Entfaltung der individuellen
Kräſte und Anlagen ſehr hoch bewertet, aber
dabei immer die Höherentwicklung zum Dienſt
an der Menſchheit als Ziel und Schranke im
Auge hat.
2. Die Gegenwart. Je mehr das BildungS3-
wejen eine Angelegenheit des Staates, je mehr
die öffentliche Pflichtichule die Regel wurde,
deſto näher rückte die Gefahr der Mechaniſierung
und Bureaufratiſierung des Unterricht8betriebes.
Wo der Staat die Bildungsziele vorſchreibt, die
er möglichſt von allen künſtigen Bürgern erreicht
wünſcht, da ſind Schulordnungen, Lehrpläne
für „allgemeine Bildung“, ja vorgeſchriebene
Methoden unausbleiblich; da liegt e8 auch nahe,
einen gewiſſen Normaltypus des Schülers wie
des Lehrers zu entwickeln, weil jo die Über-
Recht des Kindes

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mehr wird er --- ſchon um der Gerechtigkeit
willen -- bereit ſein, in der Einteilung und Vex-
arbeitung des „Penſums“, in der Beurteilung
der Schüler ſich gewiſſer Schemata (Nummern,
Feſtſtellung der Fehlerzahl, Abfragen des Ge-
lernten uſw.) zu bedienen. Daß dabei die Gefahr
der Überſchäzung „poſitiver“ Kenntniſſe, „prä-
jenten“ Wiſſens, ja des Drills ſich einſtellt, iſt
unvermeidtich, und wenn dann noch eine be-
ſüimmte Methode amtlich angeordnet iſt, ſo
entſteht für den Durchſchnittslehrer die Ge-
ſahr, in Veräußerlihung und Schlendrian
zu verſallen. Jſt dies das Bild der „alten“
Schule, der „Lernſchule“ im allgemeinen, ſv
ſei doch ausdrücklich betont, daß dabei die Farben
zu di> auſgetragen, die Konturen zu hart ge-
zeichnet ſind. Vor allem wäre es ungerecht zu
behaupten, die Lehrer der alten Schule jeien
durchweg vder auch nur überwiegend ſchlechte
Erzieher ohne Sinn für die Eigenart der Kinder
geweſen. Dafür, daß man die Fortſchritte in der
Erforſchung der Kindesſeele und des Jugend-
alters noch wenig kannte oder verwertete, kann
man den einzelnen Lehrer kaum verantwortlich
machen; denn das Seminar nahm von dieſen
Fortſchritten keine Notiz, und an den Hochſchulen
iſt ja noch heute die Pädagogik das Aſchenbrödel.
Meiſt waren die Lehrer der höheren Schule wohl
um Fortbildung in ihren Fachwiſſenſchaften
bemüht, brachten aber der pädagogiſchen Wiſſen-
ſchaft ein merkwürdig geringes Jntereſſe ent-
gegen, weil es in ihnen nicht rechtzeitig gewet
worden war. Die heſtigen Anklagen, die maß-
lojen Übertreibungen und Verallgemeinerungen,
die Cllen Key, Ludwig Gurlitt, Berthold
Otto, Guſtav Wyneken u. a. gegen das
Staatsſchulweſen ſchleuderten, hatten die Wir-
kung, daß man auch) den berechtigten Teil ihrer
Gedanken nicht genügend würdigte. Der Vor-
wurf, man liebe es, bei der Beurteilung der
Kinderfehler Mücken zu ſeihen, während man
die Kinder täglich die Kamele der Erwachſenen
jchluden laſſe (E. Key), war nicht ſo uneben;
die Klage, die ältere Generation dränge der
jüngeren rüdſicht5los ihr Lebenstempo, ihre
Ideale, ihre Schablone, ihre Autorität auf,
ſie ſpiele ſortwährend Vorſehung, achte nicht die
Anlagen, Neigungen und Abneigungen, die
Sonderbegabung und die Begabungslücken der
Kinder (L. Gurlitt), war oft berechtigt. Und
da auc) die Roman- und Dramenliteratur das
alte tragiſche Thema „Väter und Söhne“ packend
behandelte und ſich faſt immer auf die Seite der
Söhne ſchlug, da außerdem die Eltern für Miß-
erſolge ihrer Kinder in der Schule gern bei dieſer
die Schuld ſuchten, da der Subjektivi8mus einer
frantfen Zeit auch bald eine Überreizte, über-
wachung der Schularbeit und die Prüfung der empfindliche Jugend ſchuf, ſo war es faſt ſelbſt-
Leiſtungen beider erleichtert wird. Und je mehr
der Lehrer zum UnterrichiSbeamten wird, deſto
Pädagogiſche3 Lexikon. II.
verſtändlich, daß man nach Deutſchlands ZuU-
ſjammenbruch und der politiſchen Neuordnung
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